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Während des G-20-Gipfels im französischen Cannes im Herbst 2011 beklagte sich der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy bei US-Präsident Barack Obama, Netanjahu sei ein elender Lügner. Da das Mikrofon nicht ausgeschaltet worden war, konnten die Journalisten hören, wie Obama antwortete: „Sei froh, dass du dich nicht wie ich jeden Tag mit ihm herumschlagen musst.“
In den 1990er Jahren soll der damalige US-Präsident Bill Clinton nach einem Treffen mit dem damals noch jungen israelischen Ministerpräsidenten wutentbrannt die rhetorische Frage gestellt haben: „Weiß der eigentlich, wer hier die Supermacht ist?“ Keine Frage: Der Mann, der am 21. Oktober 1949 in Tel Aviv geboren wurde, gilt auch in den Chefetagen der internationalen Politik als völlig beratungsresistent, und doch hat er schon jetzt die Geschichte seines Landes geprägt wie kaum ein anderer israelischer Politiker zuvor.
Familie von Erzzionisten
Nicht weniger als sechs Mal gelang es ihm, aus unterschiedlichsten Parteien Koalitionspartner zu machen und Ministerpräsident zu werden. Er ist der mit Abstand am längsten amtierende Ministerpräsident in der israelischen Geschichte. Gegen ihn laufen nicht nur diverse Ermittlungen und Verfahren wegen Korruption und Vorteilsnahme, sondern im Mai 2024 hat auch noch der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag einen Haftbefehl wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen Netanjahu ausgestellt. Immer mehr Menschen fragen sich: Wer ist dieser Mann eigentlich? Sehr vieles erklärt sich beim früheren Angehörigen der militärischen Eliteeinheit Sajeret Matkal aus seiner Familiengeschichte.
Eine bestimmende Figur war hier Nathan Mileikowsky, sein Großvater väterlicherseits, der 1879 im weißrussischen Kreva geboren wurde. Er trat nicht nur dort, sondern auch in anderen Regionen des russischen Zarenreichs wie Sibirien oder Polen als glühender zionistischer, wenngleich klar antisozialistisch ausgerichteter Agitator auf. Beim sechsten zionistischen Kongress 1903 in Basel zählte Mileikowsky zu den Delegierten, die das vom britischen Kolonialministerium offerierte Uganda-Angebot zu Fall brachten. Damit wurde eine politische Weichenstellung von weltgeschichtlichem Ausmaß getroffen. Die zionistisch eingestellten Juden sahen ihre Heimat nun endgültig in Palästina, wo aber schon ein anderes Volk zu Hause war. 1920 siedelte endlich auch Nathan Mileikowsky in das Gebiet über, das lange Teil des Osmanischen Reichs gewesen war und nun zum britischen Mandatsgebiet wurde.

Seine politischen Artikel verfasste er hier unter dem Pseudonym „Netanjahu“, „von Gott gegeben“, das seine Nachkommen nun als Nachnamen verwenden. Sein 1910 in Warschau geborener Sohn Benzion (übersetzt „Sohn Zions“) entwickelte sich zu einem der wichtigsten Repräsentanten der Ideologie des revisionistischen Zionismus, die nach maximaler territorialer Expansion strebt. Während des Zweiten Weltkriegs war Mileikowsky Sekretär des aus Odessa stammenden Zeev Jabotinsky, des Begründers dieser Ideologie. Deren terroristischer Arm war die 1931 gegründete Organisation Irgun, die Attentate auf Briten und Araber verübte und zeitweise von Jabotinsky geleitet wurde. Sein Chefberater Benzion Netanjahu forderte bis zu seinem Tod ein Groß-Israel, das beiderseits des Jordans liegen sollte. Der Araber wäre „von Natur aus ein Feind“, seine pure Existenz „ein fortwährender Krieg“. So dozierte Benzion Netanjahu, der 2012 im biblischen Alter von 102 Jahren verstarb, noch 2009 in einem Interview mit der israelischen Zeitung „Maariv“.
Das also ist die Gedankenwelt, in der Benjamin Netanjahu groß wird. Er pendelt mit seinem Vater, der in den Vereinigten Staaten als Historiker arbeitet, zwischen den USA und Israel und führt unter dem anglisierten Namen Ben Nitay ein Luxusleben, heiratet in rascher Abfolge drei Frauen, wird Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group und ist Dauergast zu außenpolitischen Fragen in US-Talkshows. Bei einem dieser Auftritte – es ist das meistgesehene Netanjahu-Video überhaupt – fordert er 1978 eine Ein-Staat-Lösung. 1984 wird er Ständiger Vertreter Israels bei den Vereinten Nationen in New York und 1993 erstmals Vorsitzender des Likud. Der rechte Flügel der 1988 vom Parteienblock zur Sammlungspartei fusionierten Bewegung wird durch jene Anhänger des Revisionistischen Zionismus gebildet, die von der britischen Mandatsmacht noch als Terroristen eingestuft und verfolgt wurden.
Bündnisse mit den Araber-Hassern
„Bibis“ Vater hatte eigentlich eher im älteren Sohn Jonathan den geborenen politischen Führer Israels gesehen. Der war jedoch am 4. Juli 1976 als Mitglied der Eliteeinheit Sajeret Matkal bei der Erstürmung des Flughafengebäudes im ugandischen Entebbe, in dem damals 105 israelische Geiseln festgehalten wurden, erschossen worden. Stattdessen machte nun sein jüngerer Bruder die große politische Karriere. Durch den knappen Likud-Sieg bei der israelischen Parlamentswahl vom 29. Mai 1996 gegen Shimon Perez wurde Benjamin Netanjahu erstmals israelischer Ministerpräsident. Im Vorfeld der Wahl sollen Angehörige Netanjahus vom australischen Milliardär und Chabad-Lubawitsch-Anhänger Joseph Gutnick mehrere 100.000 Dollar erhalten haben. Seine eigentliche Agenda scheint von Anfang an in der Zerstörung des Osloer Friedensprozesses bestanden zu haben, mit dem in der ersten Hälfte der 1990er Jahre eine Zwei-Staaten-Lösung beinahe schon in Sack und Tüten gebracht zu sein schien.
Die am 2. August 1996 von ihm verfügte Aufhebung des Baustopps für jüdische Siedlungen im Westjordanland machte jedenfalls alle Hoffnungen auf einen Frieden im Nahen Osten zunichte. Seine zweite Amtszeit als Premierminister trat Netanjahu 2009 an. Schon damals machte er einen ausgewiesenen Araber-Hasser, nämlich Avigdor Lieberman von der Partei Israel Beitenu („Unser Haus Israel“), zu seinem Stellvertreter und ebnete sich so den Weg zur Macht. Der 1958 in der Sowjetrepublik Moldawien geborene Lieberman war aber trotz seiner brachialen Rhetorik wenigstens noch säkularer Nationalist und damit rationalen Gedankengängen zugänglich.

Die teilweise geradezu apokalyptischen Befürchtungen über die derzeit amtierende israelische Regierung unter Regierungschef Netanjahu haben sich voll bestätigt. Sie hat sich als fragile Koalition aus Likud, ultra-orthodoxen Parteien wie Shas und Vereinigtem Thora-Judentum (die trotz einem formalen Austritt aus der Koalition die Regierung weiter unterstützen) sowie ultrazionistischen Gruppierungen wie Otzma Yehudit unter Itamar Ben-Gvir und dem Bündnis Religiöser Zionisten unter Bezalel Smotrich erwiesen, die fatalerweise das Gehör und die Sympathie des mächtigsten Mannes der Welt (also von Donald Trump) gefunden hat. Diese Regierung – die seit Ende 2022 im Amt ist und durch die Verabschiedung des großen 2026-Budgets im März 2026 vorerst stabilisiert wurde – kombiniert die persönlichen Machtsicherungsbedürfnisse Netanjahus mit radikalen ideologischen Zielen, was zu einer beispiellosen Eskalation von Konflikten und inneren Spannungen im Nahen und Mittleren Osten geführt hat.
Grenzenlose Eskalation
Kritiker sehen die größte Gefahr in der starken Präsenz ultrazionistischer und religiös-extremer Minister, die eine harte Linie in der Palästinenserfrage und im Westjordanland vertreten. Ben-Gvir als Nationaler Sicherheitsminister und Smotrich als Finanzminister drängen auf Siedlungsausbau, restriktive Maßnahmen gegenüber den Palästinensern und die Schaffung eines „Greater Israel“ im Zeichen eines fast uferlosen Expansionismus, der keinerlei Grenzen akzeptiert.
Netanjahu befindet sich aber in der Geiselhaft nicht nur solcher Extremisten, sondern auch seiner eigenen Vergangenheit. Sollten die von Netanjahu geführten Kriege im Nahen Osten enden, würde er nicht nur erneut im Fadenkreuz von Veruntreuungs- und Korruptionsermittlungen stehen, sondern müsste sich auch umfangreichen Untersuchungen über das Versagen der israelischen Sicherheitsbehörden rund um den Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 stellen. Also flüchtet sich Netanjahu in einen großen Nahost-Krieg und auf immer dünneres Eis.
Zehntausende von Toten in Gaza, das systematische Aushungern der dortigen Bevölkerung, ein mittlerweile voll entfesselter Krieg auch im Libanon inklusive ständiger Bombardierungen der Hauptstadt Beirut, die israelische Bombardierung im Libanon stationierter UN-Blauhelmtruppen, Angriffe auf internationale Hilfsorganisationen und jetzt als finale und fürchterlichste Eskalation auch noch im Bündnis mit den USA der Angriff auf den Iran – all das wird von westlichen Medien und Politikern allen Ernstes mit dem „Recht auf Selbstverteidigung Israels“ legitimiert. So verliert auch der Westen massiv an Akzeptanz nicht nur in der arabischen Welt, sondern auch im Globalen Süden insgesamt, während andererseits Islamisten überall im Nahen Osten wieder starken Zulauf verzeichnen. Alle Zutaten für eine große Katastrophe sind damit schon längst angerichtet.
■ Arne Schimmer
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