Toni Sailer bei seinem Slalom-Sieglauf in Cortina d´Ampezzo bei den Olympischen Winterspielen 1956. Foto:Von Autor/-in unbekannt - Gazzetta dello Sport, Gemeinfrei.

Cortina 1956: Als Toni Sailer Austrias Ski-Mythos schuf

Sailer, Schranz, Klammer: Österreichs Ski-Legenden für die Ewigkeit

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Auch heute wird sich wieder ganz Österreich vor den Bildschirmen versammeln, um die olympische Abfahrt anzusehen. Spätestens bei den Olympischen Winterspielen vor 70 Jahren in Cortina dÀmpezzo wurde der alpine Skisport zum Nationalsport Austrias. Inmitten der atemberaubenden Dolomiten-Landschaft wurde ein junger Österreicher zum Helden: Anton „Toni“ Sailer. Mit nur 20 Jahren gewann er alle drei alpinen Skidisziplinen – Abfahrt, Riesenslalom und Slalom – und errang damit drei Goldmedaillen. Dieser Erfolg war nicht nur ein persönlicher Triumph, sondern begründete den Mythos vom unbesiegbaren österreichischen Skisport, der bis heute nachwirkt.

Sailer, bekannt als der „Schwarze Blitz von Kitz“ aus Kitzbühel, dominierte die Wettbewerbe mit beeindruckenden Vorsprüngen. Sailers Triumphe begannen mit dem Riesenslalom am 29. Januar. Er gewann mit einem Vorsprung von 6,2 Sekunden – dem größten Abstand in der olympischen Geschichte dieser Disziplin. Nur zwei Tage später, am 31. Januar, folgte der Slalom. Sailer legte in beiden Läufen die schnellsten Zeiten hin und siegte mit 4,0 Sekunden Vorsprung.Der Höhepunkt war die Abfahrt am 3. Februar. Auf der gefährlichen Piste Olympia delle Tofane gewann Sailer mit 3,5 Sekunden Vorsprung. Er war der erste Athlet, der alle drei Disziplinen in einer Olympiade gewann – ein Rekord, der erst 1968 von Jean-Claude Killy egalisiert wurde. Diese Erfolge machten ihn zum erfolgreichsten Athleten der Spiele und zum fünften Sportler überhaupt, der drei Goldmedaillen in einer Olympiade holte.

„Sailer-san“: Superstar in Japan

Bei den Olympischen Winterspielen 1956 in Cortina d’Ampezzo gewann Sailer im Slalom vor dem japanischen Skirennläufer Chiharu Igaya, der Silber holte. Igaya war einer der ersten prominenten japanischen Wintersportler auf internationaler Bühne und wurde später IOC-Vizepräsident. Dieser sportliche „Duell“-Moment machte Sailer in Japan sofort bekannt.

Toni Sailer war in Japan über Jahrzehnte hinweg eine der bekanntesten und beliebtesten ausländischen Persönlichkeiten. Der Spitzname „Sailer-san“ und die Tatsache, dass er Japan nach eigenen Angaben rund 150 Mal besuchte, unterstreichen diese außergewöhnliche Popularität.

Das Sonderverhältnis Sailers zu Japan erreichte mit dem 1960 gedrehten Film „Der König der silbernen Berge“ seinen Höhepunkt. In diesem Film spielte Sailer die Hauptrolle als verkannter Olympiasieger in einem dramatischen Eifersuchts- und Liebesdrama vor japanischer Bergkulisse. Der Streifen war ein kommerzieller Erfolg und wurde in Farbe gedreht – für die damalige Zeit sehr aufwendig. Sailer drehte Teile des Films in Japan (u. a. in Zao Onsen), trat dort öffentlich auf und knüpfte intensive Kontakte.

Zu den österreichischen alpinen Skiläufern, die sich von Sailer inspirieren ließen, zählte insbesondere Karl Schranz, der ähnliches Talent mitbrachte wie Sailer. Seine olympische Geschichte verlief allerdings sehr viel schwieriger als die von Sailer. Die Spiele von Grenoble 1968 wurden zu einem Albtraum für den favorisierten Schranz. Im Slalom, der unter dichten Nebelschwaden stattfand, sprang ihm ein Mann in die Piste – Gerüchte sprechen von einem französischen Polizisten, der so den Sieg des Lokalmatadors Jean-Claude Killy sichern sollte.

Karl Schranz 1966 bei der Lauberhorn-Abfahrt in der Schweiz. Foto: Von with permission from karlschranz.com (hotel.karl.schranz@st-anton.at), CC BY-SA 3.0.

Schranz durfte einen zweiten Lauf starten und gewann – Gold schien ihm sicher zu sein! Doch die Jury disqualifizierte ihn nachträglich: Er habe zwei Tore verpasst, hieß es. Der Nebel machte es unmöglich, diese Aussage zu überprüfen, aber das IOC blieb hart. Killy holte das Gold, sein drittes, und egalisierte damit Toni Sailers Rekord aus Cortina. Schranz tobte, Österreich protestierte, die Presse kochte.

1972: 100.000 auf dem Ballhausplatz

Der Höhepunkt der Dramatik kam in Sapporo 1972. Schranz, mittlerweile 33 und dreifacher Weltcup-Gesamtsieger, war Österreichs Hoffnungsträger. Doch Avery Brundage, der IOC-Chef, hatte Schranz im Visier. Er warf ihm eine Verletzung der damals noch geltenden olynpischen Amateurregel vor und nannte ihn „den unhöflichsten und frechsten“ Athleten. Damit machte er ihn selektiv zum Sündenbock, denn die gesamte Weltspitze im alpinen Skisport hatte damals Sponsorenverträge.

Am 8. Februar 1972 verwandelte sich der Wiener Ballhausplatz – oft im kollektiven Gedächtnis mit dem benachbarten Heldenplatz assoziiert – in eine Bühne des österreichischen Protests.

Es war der Tag, an dem Karl Schranz nach seinem dramatischen Ausschluss von den Olympischen Winterspielen in Sapporo nach Hause zurückkehrte. Was als Empfang eines enttäuschten Sportlers begann, wurde zur bis heute größten spontanen Massenveranstaltung der Zweiten Republik. Schätzungen sprechen von rund 100.000 Menschen, die sich an diesem kalten Februartag in der Innenstadt drängten. Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) ließ es sich nicht nehmen, Schranz auf dem Balkon des Kanzleramts zu begrüßen.

Österreichs Wunden schlossen sich erst, als es dem Kärntner Franz Klammer gelang, am 5. Februar 1976 die Abfahrt bei den österreichischen Heimspielen in Innsbruck zu gewinnen. Sein Sieglauf, immer nahe am Sturz, ist bis heute ein ikonisches Sport-Meme in Österreich geblieben, das immer wieder im Fernsehen gebracht wird.

 Arne Schimmer

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