Die Journalistin und spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof wurde in den 50er-Jahren in der "Gegen den Atomtod"-Bewegung sozialisiert, aus der auch die Zeitschrift "Das Argument" hervorging. Bild: Von unbestimmtes Mitglied der Familie Meinhof - Privates Foto, aus der Sammlung Bettina Röhls, der Tochter Ulrike Meinhofs, Copyrighted free use,

„Kampf gegen Atomtod weiterführen“

Marxistisches Magazin „Argument“ stellt sich neu auf

In den 50er Jahren gab es nicht nur in Westdeutschland Marxisten, im Osten konnten diese sogar einen ganzen Staat gestalten. Brisante Hintergründe, verschwiegene Tatsachen: In unserem Sonderheft „Die DDR – Geschichte eines anderen Deutschlands“ präsentieren wir Ihnen die Geschichte der DDR, wie Sie sie noch nicht kannten – garantiert! Hier bestellen!

„Das Argument“, die „Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften“, (er)findet sich neu: Im Heft Nr. 344 präsentiert es sich in „Neuer Folge“ – mit neuer Herausgeberschaft und neuer Redaktion. Der Philosoph und Schriftsteller Lukas Meisner löst den Philosophen Wolfgang Fritz Haug als Herausgeber ab, die Zeitschrift selbst erscheint weiterhin im Auftrag des Berliner Instituts für kritische Theorie (Inkrit). Für 2026 sind zwei Ausgaben geplant. Wenn eine dezidiert ultralinke Zeitschrift im 66. Jahrgang seit 1959 erscheint und plötzlich einen redaktionellen Relaunch ankündigt, muss etwas dazu gesagt werden.

Gegen den Atomtod

Hervorgegangen ist die Zeitschrift, ein Jahrzehnt vor der deutschen Studentenbewegung, aus dem Protest gegen die atomare Bewaffnung. Bereits damals verstand sich „Das Argument“ als marxistisches Kampfblatt und stellte sich selbst in die Tradition der Frankfurter Schule. Mitte der 1980er Jahre wandte sie sich dann von orthodox-marxistischen Positionen ab und vertrat fortan einen sogenannten „pluralen Marxismus“, womit das Subjekt künftiger revolutionärer Gesellschaftsänderung – die Revolution – nicht mehr in der Arbeiterklasse gesehen wird, sondern in vielfältigen gesellschaftlichen Randgruppen, besonders aber im Feminismus.

Nun hat die Zeitschrift also abermals angekündigt, sich zu erneuern. Die erste (neue) Nummer widmet sich im Zuge der Feierlichkeiten zu 35 Jahre „Westdeutsche Einheit“ – und sieht den seither gegangenen Weg als Marsch in Antikommunismus, Neoliberalismus und Bellizismus – also die bekannten Übel vergangener Zeiten. Deshalb weist sie es brüsk von sich, die „misslungene Einheit“ auch noch zu feiern. Lukas Meisner schreibt dafür im Editorial, wohin der Weg zukünftig gehen solle. Er greift vergangene Akzente auf und stellt sie in die Tradition damaliger Kämpfe. „Wir führen mit dem Heft den Beginn der Zeitschrift in seinem Kampf gegen den Atomtod fort“, schmettert er, und betont, dass „das vorliegende Heft besonders an die Argument-Ausgaben der 1990er Jahre” anknüpfe, als sich gleich mehrere Nummern einem erstarkenden Feminismus widmeten (so lautete etwa der Titel Nr. 5/1995 „Für eine feministische Umweltpolitik“ – fast 30 Jahre vor Baerbocks „feministischer Außenpolitik“).

Atompilz über der japanischen Stadt Nagasaki am 9. August 1945 kurz nach dem Abwurf der Atombombe. Die „Gegen den Atomtod“-Bewegung war eine erste starke linke Bewegung in Westdeutschland. Foto: Von Hiromichi Matsuda (松田 弘道, 1900-1969)[2] – Мир вокруг нас через объектив, originally (The atomic bomb mushroom cloud over Nagasaki on August 9, 1945 in the Nagasaki Atomic Bomb Museum.), Gemeinfrei.

Geboten bleibt, wie schon immer, das klare Bekenntnis zu Antimilitarismus: „Das gilt insbesondere gegen eine Hegemonie, die selbst weite Teile der ehemaligen Linken ins Racket des Bellizismus integriert hat.“ Mit Positionierungen zu Feminismus, Antirassismus und Ökologie jenseits bürgerlicher Formatierungen soll ein „pluraler Marxismus“ die programmatischen Leitlinien zukünftiger Hefte gestalten.

Kapitalismus goes east

Als Schwerpunkt werden im neuen Heft „35 Jahre westdeutsche Einheit“ die nachhaltigen Brüche beschrieben, die mit dem Wegfall der Systemalternativen alle Dämme brechen ließen und dem Turbokapitalismus keine Grenzen mehr setzten – was nach Meinung der Redaktion, was sonst, natürlich „ursächlich das Erstehen eines braunen Sumpfes ermöglichte“. In diesem Duktus geht es dann in nicht weniger als sieben Grundsatzbeiträgen weiter: „Die Einheit wurde nach westdeutschem Skript vollzogen und war nichts anderes als eine Feindliche Übernahme des DDR-Volkseigentums durch das Westkapital“, ist zu erfahren. Geopolitisch sei es ein triumphaler Gang des Kapitalismus „eastwards“ gewesen, der erste Schritt einer kriegerischen Osterweiterung mit unvorstellbaren wirtschaftlichen und menschlichen Kollateralschäden, an deren Ende ewiger Friede im „Ende der Geschichte“ herrschen soll. Logisch, dass in diesen Denkkategorien natürlich auch die AfD ein Instrument des bourgeoisen kapitalistischen Rechtspopulismus ist.

Im „Weiter-so“, wie die weitere Entwicklung Deutschlands gesehen wird, befinde man sich auf dem direkten Weg in den Spät- oder auch „Neofaschismus“, wie immer man es sehen will. Die Essays schließen mit einem Bericht vom Zetkins-Forum 2025 unter dem Titel „Faschismus zurück in Europa“ ab.

75 Jahre DDR

Damit ist klar: Auch als „Neue Folge“ wird die Zeitschrift ihre marxistische Ausrichtung behalten, wenn auch einige Autoren klagend feststellen „der Marxismus ist vor allem als westlicher d.h. antikommunistischer übriggeblieben, der in Deutschland unter dem Namen ‚kritische Theorie‘ verstanden wird“. Empfohlen wird, den „Blick nach Osten“ zu richten, auch über Europa hinweg, denn damit könne weiteren „Entfremdungen“ entgegengewirkt werden. Vielleicht kommen aber auch neue hinzu, möchte man einwenden? Im 15-seitigen Literaturteil des neuen „Arguments“ kommt mit Gedichten, Theatergesprächen, Glossen und Spots wenigstens etwas Gemütlichkeit auf. Ein umfangreicher Teil des Bandes bietet zahlreiche Besprechungen von Büchern natürlich dezidiert linker Autoren zu Philosophie, Soziologie und Sozialwissenschaften, Geschichtchen und Ökonomie. Die Weltfremdheit eines von der Geschichte widerlegten und überholten Milieus hat eine alte und neue geistige Heimat gefunden.

Der Autor: Peter Backfisch, Jahrgang 1954, ist Diplom-Pädagoge und war 40 Jahre bei einem Träger der Sozialwirtschaft – also einer “NGO” – tätig. Dort war er unter anderem Referent des Vorstandes für Internationale Politik in Verantwortung. Zudem arbeitete er bis 2004 in Nordafrika, im Mittleren und Nahen Osten und in den GUS-Staaten als freier Mitarbeiter verschiedener internationaler Dienstleister. Seit Jahren in Publikationen der Sozialwirtschaft tätig, so „Forschungsjournal-Analysen zu Demokratie und Zivilgesellschaft“.

 Peter Backfisch

Abonniert unseren Telegram-Kanal https://t.me/aufgewachtonline

Abonniert unseren X-Kanal: https://x.com/AufgewachtS


Kostenlose AUFGEWACHT-Leseprobe herunterladen: https://aufgewacht-online.de/leseprobe/

AUFGEWACHT Online

Abonnieren Sie die Stimme des Widerstands

Cookie-Einwilligung mit Real Cookie Banner