Dortmund 1945
Luftbild der völlig zerstörten westfälischen Metropole Dortmund nach dem Zweiten Weltkrieg. Quelle: Von Not mentioned in the source - https://flic.kr/p/dk5eSt San Diego Air & Space Museum, CC0.

Schwerster Luftangriff in Europa: „Dortmund war einmal“

Vor 80 Jahren wurde die westfälische Metropole bombardiert.

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Als Industriestadt blieb auch Dortmund nicht von den alliierten Luftangriffen verschont. Bereits im Mai 1943 kam es zu zwei schweren Angriffswellen durch die Royal Air Force, bei denen 596 bzw. 826 Bomber eingesetzt wurden, hunderte Menschen starben dabei. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels notierte dazu in seinem Tagebuch: „Die Berichte, die aus Dortmund kommen, sind ziemlich grauenerregend“ – sie waren jedoch nur ein Vorgeschmack auf das, was knapp zwei Jahre später folgen sollte. Das war der Angriff vom 12. März 1945, bei dem über 90 Prozent der Dortmunder Innenstadt dem Erdboden gleich gemacht wurden und zigtausende Menschen, die genauen Zahlen sind bis heute unbekannt, den Tod fanden. Es war der – gemessen an der Masse der mitgeführten Bomben – schwerste Luftangriff des gesamten Zweiten Weltkrieges. Ein Überlebender beschrieb die Zerstörung kurz danach mit drei Worten: „Dortmund war einmal.“

Zu einem Zeitpunkt, an dem der Krieg längst entschieden war und die Alliierten immer weiter auf das Ruhrgebiet vorrückten (am 13. April 1945 wurde Dortmund durch amerikanische Truppen besetzt), beschloss das „Royal Air Force Bomber Command“, berauscht vom wenige Wochen zuvor erfolgten Terrorangriff auf die Stadt Dresden, auch die Bevölkerung im Ruhrgebiet kollektiv zu bestrafen. Bereits am 11. März 1945 bombardierten britische Flugzeuge das nahegelegene Essen. Einen Tag später starteten 1.108 britische Flugzeuge aus dem Osten Englands in Richtung Dortmund. Ihre tödliche Fracht: 5.000 Tonnen Minen- und Sprengbomben. Ihr Ziel: Das Stadtzentrum.

Eine Stadt verliert ihr Gesicht

Um 16 Uhr 30 begann die erste Angriffswelle mit 921 beteiligten Bombern, betroffen war der gesamte historische Innenstadtbereich, in dem im Übrigen keinerlei kriegswichtige Industrie (sofern das zu diesem späten Zeitpunkt des Krieges noch eine Rolle spielte) angesiedelt war. Eine zweite Angriffswelle, die von den verbliebenen Bombern rund eine halbe Stunde später durchgeführt wurde, richtete sich anschließend gegen die Stadtteile nördlich der Innenstadt und verursachte auch dort schwere Zerstörungen. Nach diesen Angriffen glich das Stadtbild einer Trümmerlandschaft, kaum ein Stein war auf dem anderen geblieben, Dortmund hatte sein städtebauliches Gesicht vollständig verloren. Nur die umfangreichen Bunkeranlagen, insbesondere das eigentlich noch im Bau befindliche Bunkersystem rund um den Hauptbahnhof, das nach Fertigstellung Schutz für bis zu 120.000 Menschen bieten sollte, verhinderten noch höhere Todeszahlen. Nach offiziellen Angaben starben alleine am 12. März 1945 rund 6.000 Menschen, fast ausnahmslos Zivilisten. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Zahl deutlich höher liegen dürfte, viele Todesopfer ließen sich schlichtweg nicht identifizieren oder blieben unter den Trümmerbergen verschollen.

Wie stark die Zerstörung Dortmunds gewesen ist, machen auch Gedankengänge der alliierten Besatzer deutlich, die kurzzeitig überlegten, auf den Wiederaufbau der Stadt zu verzichten – unvorstellbar erschien es, aus den Trümmern jemals wieder eine funktionierende Stadt zu errichten. Nur dem unvorstellbaren Kräfteeinsatz der Dortmunder Bevölkerung, vor allem den Trümmerfrauen und deren mit anpackenden Kindern, ist es zu verdanken, dass die Westfalenmetropole binnen weniger Jahre wiedererrichtet werden konnte. Durch die hohe Nachfrage nach Kohle und Stahl folgte in den ersten Jahrzehnten der Bonner Republik schließlich ein beispielloser wirtschaftlicher Aufstieg.

Heute ist der 12. März 1945 fast vollständig aus dem Gedächtnis der Dortmunder Stadtbevölkerung verschwunden. Es gibt keine städtischen Gedenkveranstaltungen und keine Erinnerungskultur, lediglich in der Lokalpresse finden – zumeist runde – Jahrestage Erwähnung. Einzig rechtsgerichtete Organisationen versuchen, die schrecklichen Vorfälle jährlich neu in Erinnerung zu rufen. Die – mittlerweile faktisch nicht mehr existente – Partei DIE RECHTE, die seit 2014 im Dortmunder Stadtrat vertreten war, hatte in ihrem Kommunalwahlprogramm gefordert, den 12. März 1945 zu einem städtischen Gedenktag zu machen. Auch die Dortmunder AfD legt zum Gedenken an den schwärzesten Tag der Dortmunder Stadtgeschichte regelmäßig Gestecke nieder. Ansonsten verblasst mit jedem Jahr die Erinnerung weiter und die letzten Zeitzeugen versterben – wie Anna-Luise Wegstroth, die als Kind die Bombardierung der Nordstadt miterlebte und die später in zahlreichen Vorträgen nachkommenden Generationen von diesem Schrecken berichtete. Ihre Augen schlossen sich im Alter von 90 Jahren am 22. Dezember 2024.

 Michael Brück

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