Haben wir alle Lehren aus dem 20. Jahrhundert mit seinen fürchterlichen Weltkriegen vergessen? In unserem brandaktuellen Heft „Ami go Home“ machen wir deutlich, dass sich Deutschland nicht für eine einseitige Westbindung entscheiden und auf keinen Fall von Washington in den Dritten Weltkrieg hineinziehen lassen darf. Außerdem Interviews mit Christian Fischer von der „AG Willkommen“ der FREIEN SACHSEN sowie mit Anselm Lenz und Hendrik Sodenkamp, den Herausgebern der Wochenzeitung „Demokratischer Widerstand“. HIER bestellen!
Mit großem Abstand hat den diesjährigen renommierten NUOVISO-Songcontest 2026 der Titelverteidiger Yann Song-King mit seinem unnachahmlichen „Kleidungstipps zur Musterung“ für sich entschieden. Nicht ohne Stolz erinnern wir dabei an die erste AUFGEWACHT-Ausgabe im April 2022, in der ein Interview mit dem Dresdner Ausnahmekünstler erschien. Von damals schlummert noch eine Analyse zweier fremdländischer Lieder in der Schublade, die aus der zeitlichen Distanz auf vier bzw. zwölf Jahre Ukrainekrieg heute von Interesse sein könnte, weil sie versucht, sich in die Psyche der beiden Nationen hineinzuversetzen, ohne Partei zu ergreifen:
Wie lockt man die Massen zur Schlachtbank? Im Westen durch Aussicht auf Lebensverlängerung durch staatlich verordnete Abwehr einer Gefahr für das Individuum, im postsowjetischen Osten durch die Aussicht auf den Heldentod durch die staatlich verordnete Abwehr einer Gefahr für das Vaterland. Zwei populäre patriotische Lieder offenbaren die psychologischen Hintergründe der Haltung zu Krieg und Frieden.
Sprung in den Himmel
Der Jurist Alexej Kworostian wurde durch das Video zu seinem Lied „Ich diene Russland“ bekannt, das in naturalistischer Weise das Motiv des sterbenden Soldaten vor Augen führt. In der Folklore wird es oft aufgegriffen, zum Beispiel im Volkslied „Schwarzer Rabe“. Untergräbt solch ein Pessimismus nicht die Gefechtsfreude der Truppe? In der russischen Tradition offenbar nicht, wie ein weiteres Lied des Autors zeigt, das wörtlich übersetzt so klingt:
In stolzer Reihe gingen in den Himmel die Jungs / für Freiheit und Glauben / wie ein Bruder für einen Bruder. / Indem ihr Euer Leben gabt / schenktet ihr Freiheit, / und für den Glauben verbrennend, / gingt und gingt ihr hintereinander.
Sprung in den Himmel / Der letzte in ihrem Leben / Danke für die Augen / Für die Hingabe an das Vaterland / Für die reinen Herzen / Dafür, dass ihr euch nicht ergabt, / Danke, dass ihr nicht für ein „Danke“ kämpftet. /
Mama, ich weiß, du hörst mich / Und so bald wirst du es erfahren / Und flüstern durch die Tränen „Du fliegst nach Hause“. Die Treue wahrend der verwitweten Braut / Die lange Reise vollendend / An Bord mit der „Ladung 200“.
Drei Perspektiven
Nicht die künstlerische Qualität (Im Original gilt: reim dich oder ich fress’ dich!) ist hier beachtenswert, sondern, dass das Lied nicht als „wehrkraftzersetzend“ verboten ist, sondern im Gegenteil seit zwölf Jahren und besonders heute rege verbreitet wird. Im Lied kommen drei Stimmen zu Wort: Die Erzählerperspektive, die erst über die Gefallenen berichtet und sich dann an sie wendet; darauf spricht ein Gefallener zu seiner Mutter, die ihm in Gedanken antwortet. Die Grenzen zwischen diesseitiger und jenseitiger Kommunikation verschwimmen auf mystische Weise. Für russische Kriegergesänge typisch ist der weibliche Gegenpart zum Helden in Form der Mutter oder der Braut. In Kosakenliedern werden mitunter auch Pferde und Kugeln als Frau personifiziert wie zum Beispiel in „Любо, братцы, любо (Wohlan, Brüder, wohlan)!“ Der männliche Part wird geopfert, der weibliche Part lebt weiter. Um der „verwitweten Braut“ die Treue zu wahren, bräuchte es normalerweise die Freiheit der Wahl. Hier ist die Abwesenheit der Wahl ein Merkmal der Reinheit und Sinnhaftigkeit der Mission.
Immerhin winkt derzeit verwitweten Soldatenbräuten ein großer Batzen Geld: Drei Millionen Rubel. Das sind 37.129 Euro. Für amputierte Helden gibt es eine Million Rubel. Für schwere Verletzungen eine halbe Million usw. Solange der Vaterlandsverteidiger erfolgreich Feinde tötet und dabei am Leben bleibt, ergießt sich ein monatlicher Geldregen auf die Daheimgebliebenen: 2.375 Euro von staatlicher Seite, dazu eine beachtliche Summe von der Kommune und vor allem viele Ermäßigungen bis hin zur Zulassung zu Universitäten für die Kinder des Großverdieners, wie das Portal news.ru am 10. März 2023 auflistet. In einem Land, in dem über die Hälfte der 140 Millionen Bewohner keinerlei finanzielle Rücklagen hat, sind dies Angebote, vor denen die vorhergegangenen Gesundheitsversprechen beim Covid-Experiment verblassen. Zur Würdigung des Fronteinsatzes werden die regionalen Besonderheiten berücksichtigt: Auf der Insel Sachalin erhält die Familie fünf Kilo Fisch, in Tuwa einen Hammel extra.

Im Internet finden sich Videos empörter Soldatenfrauen, die auf die zustehenden Summen vergeblich warten; von schon länger vor Ort Lebenden, die eine Privilegierung der Aussiedler aus den bekriegten und einverleibten Gebiete zu erkennen glauben und für ungerecht halten; von Kriegsversehrten, deren Verletzung nicht anerkannt wird; von Familien, deren Ernährer einfach als verschollen gilt. Keine Leiche, kein Beweis.
Private Milizen
In den Bildungsanstalten und Medien wird die im Lied vertonte Opferhaltung glorifiziert. Der Versuch, das Nachbarland zu demilitarisieren, führte zumindest zu einer Militarisierung der eigenen Gesellschaft. An den Schulen werden die Schüler patriotisch eingestimmt. Ein neues Unterrichtsfach über die Fortschritte an der Front wurde eingerichtet: „Gespräche über Wichtiges“.
Auf der Seite Emigrating.ru wurde am 10. März 2023 der Trend zu privaten Milizen im Staatsdienst nach Maßgabe der „Wagner-Gruppe“ besprochen. Dort winkt noch mehr Geld. Aus welchen Kassen auf einmal so viel Kapital kommt, bleibt vorerst ein Rätsel. Vorerst erfüllt die „Ladung 200“, also die Lieferung der Toten vom Schlachtfeld, eine konjunkturankurbelnde Funktion. In Anlehnung an die „Monostädte“, die von einem Unternehmen abhängen, und die deswegen „städtebildende Unternehmen“ genannt werden, spricht man im Internet von „städtebildenden Witwen“.
Sigmund Freud hätte seine Freude: Sehen wir hier im Westen einen überzüchteten und sterilisierenden „Lebenstrieb“ und im Osten einen „Todestrieb“, der zwar vor Dekadenz bewahrt, nicht aber vor Folgeproblemen?

Nicht dein Krieg
Wechseln wir zum Vergleich die Fronten: Von der populären ukrainischsprachigen Gruppe „Okean Elsy“ stammt das 2016 produzierte Lied „Ne tvoja vijna“ (Nicht dein Krieg). Die Moll-Tonart des Rocksongs, der Rhythmus und der Inhalt laden es emotional auf. Es klingt wie ein Klage- und Friedenslied, aber inhaltlich ist es eher ein Pro-Kriegslied. Es zeugt von der besonderen ukrainischen Haltung zum Komplex Krieg und Frieden. Der Begriff „passionarische Völker“ des russischen Historikers Nikolaj Gumiljow scheint heute gut auf die Ukrainer zu passen.
Die wörtliche Übersetzung:
Kampf im Morgengrauen. Sonne und Rauch.
Nur wenige wissen, was mit ihnen passieren wird.
Was wird morgen sein in den jungen Gedanken?
Mancher hat Hoffnung und mancher Angst.
Refrain:
Der Kalinazweig hat sich geneigt.
Zu wem haben wir gebetet?
Wieviel mehr wird er holen
Deiner Kinder, der Krieg, der nicht deiner ist?
Es wurden Eltern die Töchter und Söhne,
Alle hatten farbige Träume geschaut.
Und sie küssten die Hände der Lüge
Für stille Nächte gaben sie die Tage auf.
Refrain
Es war so gut, dort und einmal.
Ohne Schweiß und ohne Tränen.
Bloß es gab kein Ziel.
Ich kann so nicht, wie kannst es du?
Refrain
Der Kalinazweig hat sich geneigt.
Nicht zum Richtigen haben wir gebetet!
Wieviel mehr wird er holen
Deiner Kinder, der Krieg, der nicht deiner ist?
Die Ukrainer werden nicht müde, die Verschiedenheit des Ukrainischen zum Russischen zu betonen. In der Tat steht es lexikalisch dem Polnischen etwas näher, aber die Slawen können sich generell leichter untereinander verstehen als etwa Träger romanischer und germanischer Sprachen untereinander. So gesehen, könnten theoretisch bösartige Polen etwa den Tschechen ihre Eigensprachlichkeit absprechen. Klanglich unterscheidet sich das Ukrainische vom Russischen durch die vielen „y“-Laute und die fehlende Konsonantenaufweichung. „Ich liebe dich und den Frieden“ würde im Ukrainischen lautschriftlich klingen „Ja kochaju täbä ta myr“, im Russischen dagegen „Ja ljublju tjibja i mir“ (R). Das Ukrainische könnte also mehr dem Yang (männlich, extrovertiert, sanguinisch) und das Russische dem Yin (weiblich, introvertiert, melancholisch) zugeordnet werden.
„Zu wem haben wir gebetet?“ Diese Frage wird negativ aufgelöst. Es war die falsche Gottheit. Sie hat uns nicht vor dem Krieg bewahrt. In der Ukraine konkurrieren viele Götter miteinander: der katholische, der orthodoxe, der jüdische Gott und – über das Brauchtum – das heidnische Pantheon. Wer hat hier zu wenig geliefert? Das Wegducken vor dem Kampf wird noch weitere Opfer bringen. Die „stillen Nächte“, also die risikolose Lebensweise im Komfort, das Sich-Nicht-Bewusstwerden, wurden den Tagen vorgezogen, also der Wachheit und Zukunft. Töchter und Söhne sind schon erwachsen geworden, wieder Eltern. Die biologische Zeit verrinnt schnell und lässt immer wieder die Überlebensfrage verdrängen. Sie muss aber gelöst werden. „Ohne Schweiß und ohne Tränen“ und ohne Blut. „Gut“ war es, aber zweck- und sinnlos. Das lyrische Ich spricht sein persönliches Gegenüber an, nicht die anonyme Masse. Es bleibt also im intimen Rahmen, in den „jungen Gedanken“-Köpfen.
„Mancher hat Hoffnung, mancher Angst.“ Subtil wird im Original beim ersten „mancher“ durch zwei Buchstaben eine leicht positive Nuance erzeugt, wodurch die Option klar wird: Man soll die Angst über Bord werfen. Die Zweige haben sich geneigt. Sie drohen zu brechen. Und sie sind gespannt wie Katapulte, die die blutroten Beeren wegschleudern wollen.
Spott des Schicksals
An diesem Lied zeigt sich die Macht der Kollektivpotenzierung durch Musik. Obwohl der Text mehrdeutig ist, wird über das berauschende Gemeinschaftserlebnis eine geistige Einheit erzeugt. Beim Konzert der Gruppe zum Jahrestag der ukrainischen Unabhängigkeit 2018 wurden an die 100.000 Menschen gezählt. Durch die Farbrevolutionen wurden vor allem die jungen Ukrainer getriggert und mental für den jetzigen Krieg vorbereitet. Und es kommt noch die spezielle Opferrolle hinzu: Wir, die Ukrainer, retten Europa vor den Barbaren. Also rettet uns! Ist der Westen, die EU, die richtige Gottheit, die angebetet wird?
Im Vergleich zum „Sprung in den Himmel“ wird der Krieg in „Nicht dein Krieg“ nicht ins Mythische verklärt. Viele aufgeklärte Ukrainer berichten, sie hätten seit 2014 gewusst, dass Russland früher oder später einmarschieren würde. Der Widerstandswille ist ungebrochen. Und das Geld? Anders als in Russland sollte es doch keine Rolle spielen. Oder doch? Die ukrainischen Soldaten beziehen für ihren Fronteinsatz einen vergleichbaren Monatssold: umgerechnet 3.000 Euro. Je nach Abstand von der Front sinkt der Sold. Ein Gefallener beschert seiner Familie zehn Mal mehr als sein Schicksalsgenosse in Russland: umgerechnet 384.000 Euro. Aus welchen Einnahmen nimmt der Staat dieses Geld? Und wie viele „Verschollene“ gibt es? „Ich kenne niemanden, der diese Summen bekommen hat, aber viele, deren Männer und Söhne als verschollen gelten“, sagte dem Autor eine Ukrainerin in Görlitz.
Das „Es war so gut“ wird im Lied mit verzichtender Ironie gesungen, in der Wehmut über das Unvermeidliche liegt. Es ist der Spott des Schicksals über die Träume der Menschen.
Jochen Stappenbeck
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