Hansjörg Rothe beleuchtet den Fall Ofarim vor dem Hintergrund des damals herrschenden Corona-Regimes. Noch heute werden mutige Persönlichkeiten für ihr damaliges Verhalten abgeurteilt, so die sächsische Ärztin Dr. Bianca Witzschel. In unserem Sonderheft „Gesinnungsjustiz: Politische Prozesse in der BRD“ beschäftigen wir uns mit ihrem Leidensweg. HIER bestellen!
Gil Ofarim hat sich bei den Leipzigern und den Sachsen entschuldigt, für ein Ereignis aus dem „Coronajahr“ 2021. Dabei müssten ganz andere Leute sich entschuldigen. Aber der Reihe nach: Es war diese brutal-traumatisierende Zeit, als das Betreten öffentlicher Gebäude, Geschäfte oder Krankenhäuser entweder gleich ganz verboten oder mit erniedrigenden Pseudoritualen verbunden war. Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl aufsteigender Aggressivität in mir, wenn ich beim Besuch meiner damals in einem Leipziger Pflegeheim lebenden Mutter die Lobby betrat und die Schilder mit den als nächstes abzuarbeitenden Abläufen zu Gesicht bekam – eine Aggressivität, die sich unwillkürlich gegen die mit Feinstaubmasken hinter ihrem Schalter sitzenden Mitarbeiter
richtete, die ihrerseits nur Befehlen gehorchten. An Reisen oder das Einchecken in Hotels dachte ich nicht im Traum. Eine geplante USA-Reise hatte ich abgesagt, nachdem ich mich darüber gewundert hatte, dass Inhaber einer Green Card keinen Impfstatus vorweisen mussten (als ob durch den Verwaltungsakt der ausgestellten Green Card irgendwie das Immunsystem beeinflusst werden könnte). Gil Ofarim musste nun seinerseits als reisender Musiker in einem Leipziger Hotel einchecken, wobei ein hitziges Wortgefecht mit dem Hotelmitarbeiter an der Rezeption sich entspann: es ging angeblich um den Davidstern, den er gelegentlich an einer Kette trägt.
Nicht, dass der Hotelmitarbeiter von ihm als Juden das Tragen des Davidsterns gefordert hätte – viel wahrscheinlicher ist, dass es wie bei allen anderen Hotelgästen um die vermaledeiten Feinstaubmasken gegangen war. Außerdem funktionierte das Computerprogramm nicht. Ofarim scheint aber, vielleicht
unbewusst an ähnliche Situationen seines Lebens sich erinnernd, seinen Status als Jude betont zu haben in der Hoffnung dadurch vielleicht in eine privilegierte Kategorie hochgestuft zu werden. Wie dem auch sei, er behauptete jedenfalls zwischenzeitlich, der Mitarbeiter habe ihn nicht ins Hotel lassen wollen bevor er nicht den Davidstern abgelegt hätte – was Ofarim damit konterte, ihn als „Antisemiten“ zu bezeichnen. In einem verbalen Rundumschlag erweiterte er diesen Vorwurf dann gleich noch auf alle Leipziger.

Es kam zum Prozess, bei dem sich unter anderem herausstellte, dass die Hotellobby flächendeckend mit Überwachungskameras bestückt und der gesamte Wortwechsel auf Video aufgenommen worden war. Die Indizien sprachen für den Hotelmitarbeiter, der alle Coronaregeln korrekt umgesetzt hatte. Genau wie die Pflegekräfte im Heim meiner Mutter. Sie war in ihrer Jugend eine Liebhaberin der Musik von Esther Ofarim gewesen, der ersten Frau von Abi, des Vaters von Gil. Es gab bei uns auch eine Schallplatte der beiden als Duo, die man in der DDR erwerben konnte.
Erniedrigende Rituale
Inzwischen hat Gil Ofarim in einer RTL-Sendung gewonnen, bei der die Teilnehmer unter dem Motto „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ vor laufender Kamera erniedrigenden Pseudoritualen sich unterwerfen: sie verspeisen Kakerlaken, springen in Tümpel mit Kröten und bekommen tagelang nichts zu essen. Anders als in der
Leipziger Hotellobby rastete Gil kein einziges Mal aus dabei, sondern ertrug alles mit stoischem Gleichmut. Die Zuschauer, die über das Weiterkommen in die jeweils nächste Runde entscheiden, dankten es ihm mit ihrer
Unterstützung. „Wenn Gil gewinnt, haben wir hier Bürgerkrieg“, kommentierte ein ZDF-Moderator von der „Heute-Show“. „Der darf auf keinen Fall gewinnen. Das ist doch klar.“ Drei Monate vor dem Vorfall in Leipzig hatte Ofarim seine Autobiographie unter dem Titel „Die Freiheit in mir herausgebracht. Das Thema der Freiheit, in Kollision mit dem Alltag der 1960er Jahre, war auch schon von Esther Ofarim besungen worden. „Mein Daddy ist ein Nachtportier, mein Bruder Maschinist, die Schwester bügelt Hemden und das Baby schläft und ißt“, heisst es auf der besagten Platte. Der Refrain lautet: „Mir scheint, mein Weg durch diese Welt führt nie nach Haus.“ Esthers Geburtsname ist Sajed, sie stammt aus einer Familie syrischer Juden, die in Safed lebten. Als der Staat Israel gegründet wurde, hatten sie sozusagen zu denen gehört, die (wie Angela Merkel es formuliert
hätte) schon länger hier leben.
„Silber, Gold und Edelsteine, dazu einen teuren Nerz“, singt sie in einem anderen Lied: „Schönes Mädchen will das nicht haben – schönes Mädchen will Herz!“ Ihre Ehe mit Abraham „Abi“ Reichstadt, Gils Vater, der auch aus Safed stammte, wurde 1970 geschieden. Sein Großvater war aus Österreich nach Palästina ausgewandert. Kennengelernt hatten sie sich beim Wehrdienst in der israelischen Armee. Mensch, was tust du? Esther nennt sich noch heute „Ofarim“ – zu deutsch: „die Rehkitze“ – nach ihrem damaligen Duo mit Abi, der auch bis zu seinem Tod 2018 den Namen beibehalten hatte. Sie lebt in Hamburg. Gil Ofarims Entschuldigung bei „den Leipzigern“ und „den Sachsen“ war noch nicht sehr beeindruckend, fast so wohlfeil wie der bekannte Satz eines Ex-Gesundheitsministers, dass „wir alle“ uns „viel zu verzeihen“ hätten. Zwischen Menschen kommt es immer auf die konkrete Begegnung an. Inzwischen hat er sich aber auch bei dem Hotelmitarbeiter Marcus W. entschuldigt, der nur Befehlen gehorcht hatte. Dazu gehört schon etwas! Warten wir ab, wer die Herausforderung annimmt.
■ Hansjörg Rothe
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