Im allgemein bewunderten Kunstwerk zelebriert sich hymnisch die Offenbarung unserer Identität. Das Buch „Kultur Ästhetik Identität: Blütenlese des Abendlandes“ des AUFGEWACHT-Redakteurs Sascha A. Roßmüller ist eine Kampfansage an die Ideologie ikonoklastischer Selbstverachtung und eine Hommage an das kulturelle und musische Erbe unseres einzigartigen Kulturkreises. Es nimmt vor allem nicht die geringste Rücksicht auf irgendeine „Political correctness“. HIER „Kultur Ästhetik Identität: Blütenlese des Abendlandes“ bestellen!
Menschenbeifall (Friedrich Hölderlin)
Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll,
seit ich liebe? warum achtetet ihr mich mehr,
da ich stolzer und wilder,
wortereicher und leerer war?
Ach! der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt,
und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;
an das Göttliche glauben
die allein, die es selber sind.
Acht Zeilen aus dem Jahr 1798. Jede ein echter Hölderlin: hochtrabend, tiefkerbend, fein und wuchtig. Man möchte es vom Balkon schreien oder auf einer Demo deklamieren. Jetzt instrumentalisieren sie auch noch Hölderlin, würde es dann aus der gegnerischen Ecke heißen. Genau! Wahre Poesie will instrumentalisiert werden, ihr Erschaffer hat sie der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Wahre Kunst und wahre Politik haben gemeinsam, dass jemand aus seinem persönlichen Leidensdruck heraus etwas Überpersönliches schafft, etwas Allgemeingültiges, für die All-Gemeinschaft Nützliches, und sei es auch nur als einzelner Tropfen mit anderen, die den harten Stein erweichen. Er hätte sich auch in sein Schneckenhaus verziehen und sich seinem eigenen Nutzen widmen können.
Und so fühlt sich von Hölderlins Gedicht der heutige Widerständler und Wahrheitssucher angesprochen, dem diese Worte stimmig klingen: „… an das Göttliche glauben die allein, die es selber sind.“ Und der gegen die Verlockung der Knechtschaft gegenüber Macht und Manipulation aufsteht; und der liebt: die Heimat, die ihm vom Schicksal Anvertrauten, das Leben, die Erkenntnis, den Widerstand. Dieser Kampf für das Heilige und die Fülle „schöneren Lebens“ ist es, was wir als Widerstand empfinden. Die Menge verteufelt uns, weil sie sich vom feigen Kriechen vor Macht, Medien und Markt Vorteile erhofft.
Wider Grobheit und Gerede
Oder sind wir selbst die Menge, die dem „Menschenbeifall“ Beifall klatscht? Auf dem politischen Marktplatz fordern wir Gerechtigkeit gegenüber Tätern und Opfern. „Stolzer und wilder, wortereicher und leerer“ zu sein, ist im politischen Kampf notwendig, um sich nicht vom eigenen Leidensdruck und von Gefühlsduseleien überwältigen zu lassen, sondern sich immer wieder aus dem Staube aufzurappeln und weiterzumachen. Wozu? Mit Hölderlin: Das Ziel ist, dem Göttlichen gerecht zu werden. Wie sich das konkret äußert, bleibt dem Einzelnen überlassen. Für den einen sind es die heiligen Ideale, für den anderen ihre bruchstückhafte Umsetzung.

Mit dieser Empfehlung, Biographisches nicht allzu ernst zu nehmen, lässt sich hinter den Schleier der Entstehung des Gedichts lugen. Dieses Pamphlet für das Heilig-Göttliche des Liebenden wider die Unterordnung unter Grobheit, Gerede und Geschacher rührt aus einer moralisch eher bedenklichen Situation. Der junge Dichter tingelt als Hauslehrer durch die Lande und verdingt sich bei reichen Familien, wo ab und an reizvolle Damen Geist und Gemüt in Wallung bringen. So gelangt der 26-Jährige in die Frankfurter Bankiersfamilie Gontard und findet seine große Liebe in und mit der Dame des Hauses, Susette Gontard, die bereits vier Kinder geboren hat. Als sie nach ein paar Jahren vernunftbedingt voneinander lassen, stirbt bald darauf erst Susette an Tuberkulose, und dann ist für Hölderlin das Leben ebenfalls dahin, er wird noch 36 Jahre, offiziell als psychisch Kranker abgestempelt, in einem Turm gehalten. (Er wurde unter anderem mit Quecksilber behandelt.)
Hyperion und der Freiheitskampf
Anders als Nietzsche schreibt er immerhin noch passable Gedichte und Briefe. Susette ist das Modell der Diotima im Briefroman „Hyperion“, den Hölderlin in derselben Zeit verfasst. Hyperion sucht nach der richtigen Weise, den Freiheitskampf der Hellenen zu unterstützen – und sinnt über die Zukunft des rätselhaften Volkes der Deutschen nach, über das Hölderlin seinen Helden schreiben lässt: „Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstükkelt untereinander liegen, indessen das vergossne Lebensblut im Sande zerrinnt?“
Handwerker, aber keine Menschen? Im „Menschenbeifall“ war das schnöde Menschsein doch verpönt. Was denn nun? Aus heutiger Sicht ein beneidenswertes Luxusproblem des Genies, das aber die künftigen geschichtlichen Verwerfungen im Prisma des eigenen Leidens prophetisch erkannte.
■ Jochen Stappenbeck
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