Der havarierte Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl im Jahr 2006 mit dem vorläufigen Sarkophag. Bild: Ernmuhl at lb.wikipedia - Eigenes WerkTransferred from lb.wikipedia., CC BY-SA 3.0.

Wölfe, Frösche, Menschen: Neues Leben in Tschernobyl

Von der Strahlenhölle zum Naturparadies

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl symbolisiert den Anfang vom Ende des Ostblocks. In der DDR beförderte die Katastrophe die Gründung mehrerer Umweltschutzgruppen. Brisante Hintergründe, verschwiegene Tatsachen: In unserem Sonderheft „Die DDR – Geschichte eines anderen Deutschlands“ präsentieren wir Ihnen die Geschichte der DDR, wie Sie sie noch nicht kannten – garantiert! Hier bestellen!

Vor gut 40 Jahren, am 26. April 1986, ereignete sich die Explosion des Reaktors 4 „Wladimir Iljitsch Lenin“ innerhalb des Reaktorparks von Tschernobyl. Das schwerste Unglück in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomkraft führte zur zwangsweisen Umsiedlung von mehr als 300.000 Meschen, die in der Nähe der Nuklearanlage gelebt hatten. In den damaligen Sowjetrepubliken Ukraine und Weißrussland entstand ein Sperrgebiet von rund 2.800 Quadratkilometern, das in etwa so groß ist wie Luxemburg oder das Saarland.

Die Abwesenheit der Menschen hat sich zu einem Glücksfall für die Natur entwickelt. Das einstige Katastrophengebiet hat sich zu einem der größten Schutzgebiete Europas entwickelt. Ohne Jagd, Landwirtschaft, Verkehr und Siedlungsbau konnte sich die Wildnis nahezu ungehindert entfalten. Verlassene Dörfer und Straßen verschwanden unter dichtem Wald, Wiesen und Feuchtgebieten. Heute gleicht ein Großteil der Zone einem vorindustriellen europäischen Ökosystem, in dem die Natur einen beeindruckenden Neustart vollzogen hat. Die Wolfspopulation ist bis zu siebenmal höher als vor dem Unglück, da reichlich Beute und fehlende Verfolgung ideale Bedingungen schaffen. Elche, Rothirsche, Rehe und Wildschweine bevölkern die Wälder in starken Beständen. Luchse und sogar Braunbären, die über ein Jahrhundert lang aus der Region verschwunden waren, sind zurückgekehrt.

Große Biodiversität

Europäische Bisons wurden erfolgreich wieder angesiedelt. Besonders symbolträchtig sind die Przewalski-Pferde, eine vom Aussterben bedrohte Wildpferdeart, die Ende der 1990er Jahre eingeführt wurde und heute frei durch die Wälder und Wiesen streift.Die Biodiversität ist beeindruckend: Über 370 Wirbeltierarten leben in der Zone, darunter mehr als 245 Vogelarten wie Seeadler und Schwarzstörche. Biber und Fischotter besiedeln die ungestörten Gewässer, seltene Amphibien und Fische finden hier Rückzugsräume. Mehr als 1.200 Pflanzenarten gedeihen, viele davon auf der Roten Liste.

Seit 2016 ist der ukrainische Teil offiziell als „Chornobyl Radiation and Ecological Biosphere Reserve“ geschützt – eines der größten Naturschutzgebiete des Kontinents. Wissenschaftler bezeichnen das Gebiet als unfreiwilliges Experiment, das zeigt, wie schnell Ökosysteme sich erholen können, wenn der menschliche Einfluss wegfällt.Natürlich bleibt das Paradies ein Paradoxon. Die radioaktive Belastung ist weiterhin vorhanden. Wie stark sie sich  überhaupt noch auswirkt, ist allerdings umstritten. Eine Studie spanischer Wissenschaftler an Laubfröschen im Sperrgebiet hat gezeigt, dass diese genauso gesund zu sein scheinen und genauso lange leben wie ihre Artgenossen außerhalb des Sperrgebiets.

75 Jahre DDR

Die Wolfspopulation in der Sperrzone ist beeindruckend stabil und dicht. Schätzungen ukrainischer und weißrussischer Behörden gehen von mindestens 300 Wölfen allein in der ukrainischen Zone aus, in manchen Bereichen sogar deutlich mehr. Die Dichte liegt bis zu siebenmal höher als in vergleichbaren Schutzgebieten außerhalb der Zone. Das hat einen einfachen Grund: Ohne Jäger, Straßenverkehr oder Landwirtschaft finden die Tiere reichlich Beute – Rehe, Wildschweine, Elche und andere Huftiere haben sich ebenfalls stark vermehrt. Die Wölfe profitieren vom Fehlen des größten Raubtiers Mensch.

Resiliente Atom-Wölfe

Forscher wie die Evolutionsbiologin Cara Love von der Princeton University untersuchen seit Jahren, wie die Tiere mit der anhaltenden Strahlung zurechtkommen. Mit GPS-Halsbändern, die gleichzeitig Strahlung messen, konnten sie nachweisen, dass die Wölfe täglich Belastungen ausgesetzt sind, die weit über dem zulässigen Grenzwert für Menschen liegen – teilweise das Sechsfache oder mehr. Stattdessen deuten genetische Analysen auf etwas viel Spannenderes hin: Die Wölfe scheinen eine Resistenz gegen Krebs entwickelt zu haben. Bestimmte Gene, die mit der Immunabwehr und der Tumorabwehr zusammenhängen, haben sich offenbar unter dem Druck der Strahlung besonders schnell weiterentwickelt.

Symbolbild Atom-Wölfe von Tschernobyl. Foto: GROK.

Die Sperrzone ist nicht einheitlich kontaminiert. Die Strahlung variiert stark je nach Ort: In manchen Randgebieten und weniger betroffenen Flächen liegen die Dosisleistungen heute teilweise nur noch bei 0,1–0,3 Mikrosievert pro Stunde – vergleichbar mit natürlichen Hintergrundwerten in manchen Regionen der Welt oder sogar Teilen Deutschlands. In hochbelasteten Zonen nahe dem Reaktor (beispielsweise dem sogenannten Roten Wald sowie die unmittelbare Umgebung von Prypjat oder dem Kraftwerk) sind die Werte jedoch deutlich höher. Es gibt bereits Samosely (Selbstrückkehrer), meist ältere Menschen, die trotz Verbot zurückgekehrt sind – aktuell rund 100–200 Personen. Sie leben dort unter staatlicher Duldung, ohne Kinder oder Familien. Außerdem besuchten vor dem Krieg bis zu 1.000 Touristen pro Tag das Sperrgebiet. Apokalyptische Prognosen, wonach das Gebiet um den havarierten Reaktor auf Jahrhunderte hin unbewohnbar bleiben würde, haben sich also als falsch erwiesen. Ein Atomausstieg als Konsequenz aus dem Unglück wurde in der Ukraine nie auch nur diskutiert. Atomstrom macht derzeit etwa 70 Prozent am ukrainischen Strommix aus.

 Arne Schimmer

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