Der Film „Весна на Заречной улице“ („Frühling auf der Saretschnaja-Straße“) von 1956 zeigt wohlgekleidete und wohlgesittete Menschen. Bild: Screenshot Youtube.

Warum Russisch Pflichtfach werden sollte

Nahrung für die Seele

In der DDR war Russisch Pflichtfach. Mühselig für viele Schüler – aber das Erlernen der Sprache eröffnete auch völlig neue Welten. Brisante Hintergründe, verschwiegene Tatsachen: In unserem Sonderheft „Die DDR – Geschichte eines anderen Deutschlands“ präsentieren wir Ihnen die Geschichte der DDR, wie Sie sie noch nicht kannten – garantiert! Hier bestellen!

Laut Destatis ist die deutschlandweite Zahl der Russisch-Schüler im kontinuierlichen Sinkflug begriffen: Waren es 1992 noch 565.000, wurde im Schuljahr 2018/2019 die 100.000-Marke nach unten geknackt. Seitdem fällt die Zahl jedes Jahr um mindestens 5.000, so dass heute von etwa 70.000 ausgegangen werden kann. Für Sachsen berichtete der MDR im November 2025 von einem Einbruch von 26.000 im Jahr 2015 auf ungefähr 10.000 im Jahr 2025. Die Gründe dürften sein: Lehrermangel, Feindbild Russland, kriegsbedingt fehlende Reiseträume, aber auch die Tatsache, dass das Russische eine dominante Migrantensprache geworden ist. Das mindert die Attraktivität bei Schülern generell, sonst wären Türkisch, Arabisch, Farsi, Amharisch, Oromo oder Kurdisch längst gefragte Wahlsprachen. Es ist also nicht nur die politische Abwertung Russlands. Der Trend geht in Richtung der leichten romanischen Sprachen. Chinesisch fristet weiterhin ein Nischendasein mit geschätzten 6.000 Schülern.

In den Wahlfächern wird nun einmal das Angenehme gesucht und das Stressige gemieden. Und das Erlernen des Russischen war schon vor dem Krieg mit etwas mehr Anstrengung verbunden. Das Beste wäre, es neben Englisch in den Rang eines Pflichtfachs zu heben. Und zwar aus drei Gründen:

Erstens: In jungen Jahren ist es gar nicht so wichtig, was man lernt, Hauptsache, die Beschäftigung fördert die Entfaltung des Geistes, der Seele, des Charakters. Deswegen waren bis vor einigen Generationen Latein und Griechisch noch so beliebt – bei den Lehrern. Russisch hat ähnliche Vorzüge.

Zweitens: Wenn die weltpolitischen Trends so weitergehen, werden wir nolens volens wieder mehr mit Russland zu tun haben, spätestens, wenn hier die Lichter auszugehen drohen. Da ist es praktisch, sagen zu können: „Also ich war schon immer gegen die Sanktionen.“

Kleiner Exkurs in die aktuelle Rangliste der 14 Sprachen, die von über 100 Millionen Menschen gesprochen werden, sowohl muttersprachlich als auch erlernt: Sie enthält eine Sprache, von der Sie wahrscheinlich noch nie gehört haben. Englisch führt mit 1,5 Milliarden Sprechern, wobei wir gar nicht so genau wissen wollen, auf welchem Niveau es gesprochen wird. „English broken spoken perfectly“, wie man in Mexiko oft sagt. Mandarin-Chinesisch wird mit nur 1,2 Milliarden auf den zweiten Platz verwiesen, obwohl es aus Sicht des Schriftsprachlichen auch den ersten Platz verdient hätte. Die anderen chinesischen Sprachen nutzen für ihre Laute schließlich dasselbe System.

„The message is the massage!“

Hindi ist mit 600 Millionen die dritthäufigste Sprache, aber im Grunde könnte man es auch mit Bengali (Nr. 7) und Urdu (Nr. 10) zusammenrechnen und so auf über 1,1 Milliarden Menschen kommen. Mit ein bisschen gutem Willen können sich die Sprecher dieser drei Sprachen verstehen. Einfacher wird es mit den weiteren Sprachen: Sechs Idiome rangieren zwischen 560 und 200 Millionen Sprechern: Spanisch (560), Französisch (310), Arabisch (275), Portugiesisch (264), Russisch (255) und Indonesisch (200). Deutsch hält einen sicheren 12. Rang (160) vor Japanisch (125) und – aufgepasst! – Nigerianisch-Kreolisch (120). Swahili (99) ließe sich auch schon in die Liste der Sprachen mit mindestens 100 Millionen Gesamtsprechern aufnehmen. Nigerianisch-Kreolisch / Nigerianisch-Pidgin hört sich wie verunstaltetes Englisch an, doch der Schein trügt: Es ist mittlerweile eine anerkannte, überregionale, dynamisch wachsende Sprache mit beachtlicher Ausdruckstiefe, die längst ins Wahlfachangebot gehört. Beispiel: „Dem go chop, laugh, and comot. Na so Lagos dey take turn every day – pidgin na di real oga!” (Sie essen, lachen und verschwinden. So dreht sich Lagos jeden Tag – Pidgin ist der wahre Boss!)

Der 1964 veröffentlichte Film „Vorsitzender“ (Председатель) gehört zu dem Mitreißendsten, was die sowjetische Kinematographie an Wunderwerken hervorgebracht hat. Bild: Screenshot Youtube.

Drittens. Apropos wahrer Boss: Um sich aus dem dystopischen Schlund der Hintergrundagenden zu retten, die die Menschheit dezimieren und auf KI-Bedienungsniveau bringen wollen, benötigt die Jugend dringend Dünger für das Seelenwachstum. Und den bekommt sie mit dem Eintauchen in hochstehende Kultursprachen, die aber noch nicht „ausgeleiert“ sind, sondern auch inhaltlich und grammatisch Struktur und Sinnlichkeit bieten. Und vor allem ständig neue Wörter hervorbringen, die schnell im ganzen Volk kursieren. Hier bietet sich die slawische Sprachfamilie an und dort allen voran das Russische. Der tägliche Sprachgebrauch einer idealen Fremdsprache sollte über Bezüge zu allen möglichen Schichten der Kultur einen Reichtum an Assoziationen auslösen. Geist und Seele brauchen ständig Aufwirbelungen wie die verkrampften Körper im Wellness-Becken.

Die Assoziativkraft der Sprache verbindet die Menschen und macht gute Laune. Gleichzeitig muss das Sprechen eine wohltuende Wirkung haben durch ein schönes Lautsystem von Konsonanten und Vokalen. Die Laute sollten möglichst den ganzen phonetischen Apparat beschäftigen, nicht nur „vorne“ oder „hinten“ produziert werden. „The message is the massage!“ Im Idealfall ist das Sprechen eine Massage, das Schreiben und Lesen ein ästhetischer Genuss. Die slawischen Zischlaute sind hier besonders hilfreich. Durch die Palatalisierung hat das Russische eine einzigartige Zwischenwelt zwischen Konsonanten und Vokalen geschaffen. Nehmen wir zum Beispiel das Wort Delphin: Дельфин! Hier muss man gleich dreimal die Konsonanten palatalisieren, also mit einem leichten Jot „abschleifen“, und darf dabei nicht vergessen, dass das unbetonte „e“ zu einem matten „i“ wird. Phonetisch sähe das etwa so aus: „Djiljfjin“. Man hört hier das hohe Quietschen des Tieres.

Dscherschinski und Puschkin

„Души прекрасные порывы“ (Duschy prikrasnyje paryvy) lässt sich mit „Der Seele herrliche Aufwallungen“ übersetzen. Diese Zeile aus einem Gedicht des Romantikers Fjodor Tjuttschew könnte auch auf der Visitenkarte der russischen Sprache stehen. Ihre besondere Stärke ist, in die Urgründe und Abgründe der seelischen Verstrickungen und Verquickungen des Allmenschlichen zu führen und sie körperlich spürbar zu machen. Und wo das Schöne durch sie angestrahlt wird, ist auch das Schreckliche nicht weit. Denn die russische (wie auch die deutsche) Kultur sucht das Echte hinter dem Schein. Entsprechend kursiert eine spaßige Variante der genannten drei Worte: Der blutrünstige Feliks Dscherschinski empfängt einen Besucher, der sich wundert, dass an der Wand neben Lenin auch noch Puschkin hängt: „Genosse, was hast du denn an diesem dekadenten Dichter gefressen?“ „Ach, von ihm stammen doch die wunderbaren Worte: Души прекрасные порывы!“ (Er versteht das erste Wort als „würge!“ vom Verb душить.)

Überall in der Welt gibt es die Gedichtkunst, die aber kaum jemand mehr für voll nimmt bis auf die letzten lyrischen Mohikaner. Im Russischen ist sie noch vorhanden, diese archaische Theatralik, die Expressivität der ersten Entdeckung des Sagbaren. Männlich-herb sind die Zeilen von Boris Pasternak:

Во всем мне хочется дойти / До самой сути. / В работе, в поисках пути, / В сердечной смуте.

Wörtlich: In allem mir will es sich gelangen / Zum Kern selbst. / In der Arbeit, in der Wegessuche, / In der Herzenswirrung.

Im Deutschen stolpert man über das Gestrüpp der Artikel, was schon Goethe beklagte. Im Slawischen lässt die Artikellosigkeit die Dinge direkter aufeinanderprallen. Und die Regellosigkeit der Wortbetonungen – man muss einfach alle Fälle individuell lernen – bringt noch einmal einen besonderen Reiz. Die Einzahl von „Stadt“ (город) wird zum Beispiel vorne betont, die Mehrzahl (города) hinten, was wie das Aufreißen des Horizonts erscheint, wie der wagemutige Blick in die Ferne, weswegen auch die beiden unbetonten „o“s zu „a“ werden.

Im Pasternakschen „chotschetsja“ kann man das Kratzen, Stampfen und Schneiden in den drei Konsonantenverbindungen ideal mit dem unbändigen Willen assoziieren. Magisch auch die verschiedene Aussprache der anfänglichen «в»: „Wa ffssjom“, erst tastend-vorsichtig, dann bestimmt-resolut. Die Endbetonung von „dajtji“ passt gut zum Hingelangen.   

Eine Schatzkammer an Szenen und Liedern

Rein klanglich ist freilich das Polnische noch vielfältiger als das Russische. Bei den Abstufungen der Zischlaute macht ihm keine andere Sprache etwas vor. Leider wird dieser Vorzug durch die unpassende lateinische Schrift etwas eingetrübt. Überhaupt sind alle Nachbarsprachen des Deutschen für uns phonetisch sehr leicht beherrschbar, was auf die ethnische Vermischung zurückgeführt werden dürfte. Einer begeisterten Aneignung der kleineren Nachbarsprachen stehen gewöhnlich schnöde weltliche Gründe im Wege wie die Anpassungsleistung der Holländer, Dänen, Polen und Tschechen an die dominante Wirtschaftssprache in Deutschland.

Ein Beispiel für die Alltagsproduktivität und den subversiven Humor im Russischen: Derzeit ist die Fürsorge der russischen Regierung gegenüber ihrem Volk darauf gerichtet, Telegram und andere potentiell staatsfeindliche Messenger aus dem Verkehr zu ziehen. Aber da ist ja noch das VPN. Das wird zwar auch schon unter Strafe gestellt, deswegen nennen die Leute diese Buchstaben nicht mehr, sondern sagen: „Эти три буквы“ (Diese drei Buchstaben), „Владимир Путин, Наш Президент“ (Vladimir Putin, Unser Präsident) oder „Винни-Пух“ (Winnie Puuh). Bei der russischen Variante von Winnie-Puuh denkt man gleich an die berühmte Vertonung durch den Schauspieler Jewgenij Leonow und somit an das größte Weltwunder nach den Pyramiden von Gizeh: die sowjetische Kinematographie, speziell der Jahre 1953 bis 1980. Es vergeht im russischsprachigen Raum kaum ein Tag ohne ein paar Zitate aus den berühmten Filmen. Diese noch relativ junge, aber schon historisch gewordene Schatzkammer an Szenen, Liedern, äsopisch-elliptischen Redeweisen verbindet die Völker der postsowjetischen Länder und gibt jedem halbwegs verständigen Menschen den Wunderstab in die Hand, die politischen und nationalen Katastrophen auszublenden.

Szene aus dem Film „Sie trafen sich unterwegs“, 1959. Bild: Screenshot Youtube.

Eine uralte Kultursprache hat zwar unendlich viele Schichten, die aber in der Alltagssprache gar nicht mehr mitschwingen, weil die Phonetik und Grammatik schon so abgeschliffen sind, dass es zu schnell „flutscht“, also zu oberflächlich wird. So ist es der Fall im Neugriechischen mit seinem Kollaps der ursprünglichen Selbstlautvielfalt und im Italienischen mit dem Verlust der lateinischen Kantigkeit. Wie bei der Nahrung muss es etwas zum Kauen geben. Nicht gleich steinhart sollte es sein, aber so wie etwa ein mit heißem Wasser übergossener Brokkoli oder Mandeln und Walnüsse.

Und letztlich kann diese ideale Sprache heilen. Ein gutes Zeichen ist, wenn Tiere, ob wild oder gezähmt, gut auf sie ansprechen, wenn man beruhigend auf sie einredet.

Vor dem Ersten Weltkrieg und dem Oktoberputsch schwärmten viele deutsche Denker und Dichter, wie zum Beispiel die Österreicher Steiner und Rilke, vom russischen Wesen, an dem die Welt genesen möge. So wird heute in vielen Waldorfschulen noch das Russische unterrichtet. Im Fin de siecle, dem Ende des Jahrhunderts, spürten Feinfühlige auch das drohende Ende der Menschlichkeit und der zum Schönen, Wahren und Guten erziehenden Kultur. Nicht zufällig vergaß man nach dem Ersten Weltkrieg, wie schöne Häuser gebaut werden. Die Architektur des Hässlichen brach an. Die Amerikanisierung bis hin zur musikalischen Dauervergewaltigung in den Geschäften und Cafés brach sich Bahn. Hier kann der Einfluss über die Kenntnisse der russischen Welt heilend wirken, wenn Millionen deutscher Schüler sie wie ihre eigene erfahren und eine neue Nachfrage nach schöner Musik schaffen.

Der Sprachunterricht kann heute sehr leicht mit Hilfe des Internets die gängigen Hürden wie Aussprache und Vokabeln bewältigen. Die Schüler sind nicht mehr von der Kompetenz des Lehrers abhängig, den sie dennoch dankbar als Organisator ihrer Lernerfahrung wahrnehmen können. Und die Neigung zum Erzählerischen in den slawischen Sprachen, speziell im Russischen, wirkt besonders für die Jugend der den Autismus fördernden digitalen Zerstückelung ihres Seelenhaushalts entgegen. SOS auf Russisch: Спасите наши души! Die Kunst ist freilich, sich bei der Aneignung der fremden Sprache möglichst an innerlich reiche, reife, lebensbejahende Träger zu orientieren. Und die sind gewöhnlich in ihrer angestammten Heimat zu finden. „Vorsitzender, wollen wir gottgefällig leben, wie die Mutter oder den Sohn Russland lieben“, „Давай, председатель, по-божески жить, как мать или сына Россию любить“, singt das Duo Krasnopjorewy gegen den Zerfall der Dorfkultur.

Und die Ansagerin ruft danach in den Saal: „Вот истинная правда из глубинки“. Wörtlich: Da ist sie, die wahre Wahrheit aus der Provinz („der lieben Tiefe“). Bei Dostojewski hört man diese scheinbare Doppelung auch oft. Sie deutet auf den Widerspruch zwischen offizieller und offenkundiger Wahrheit hin und spornt an zu Forschung und Austausch.

 Jochen Stappenbeck

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