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Die absolute Mehrheit für den EU-Kritiker Rumen Radev bei den Parlamentswahlen in Bulgarien eröffnet dem Balkanland nach jahrelangem Chaos eine Perspektive politischer Stabilität. Wie ein Staubsauger hat sein Wahlbündnis „Progressives Bulgarien“ die Stimmen von linken und rechten Parteien abgezogen und en passant Bulgariens bisheriges politisches Koordinatensystem hinweggefegt.
Erneut ins Parlament geschafft hat es die nationalistische Partei „Wiedergeburt“, die im Europaparlament eine gemeinsame Fraktion mit der AfD bildet. Auf der Liste von „Wiedergeburt“ kandidierten auch Anhänger der nationalkommunistischen Bewegung 23. September. AUFGEWACHT-Redakteur Michael Brück hat mit einem ihrer Vertreter, der es vorzieht, seinen Namen nicht zu nennen, ein Interview geführt. Das Interview wurde im Sommer 2025 geführt.
Welche politischen Positionen vertreten Sie und welche Rolle spielen Sie in der politischen Landschaft Bulgariens? Können Sie unseren Lesern Ihre Organisation vorstellen?
Die Bewegung „23. September“ ist eine marxistisch-leninistische Organisation. Ihre Wurzeln reichen zurück bis zu den Protesten gegen den Jugoslawienkrieg im Jahr 1999 und Bulgariens Beteiligung daran, indem die Regierung den Luftraum Bulgariens für US-Flugzeuge freigab. Als eine Gruppe junger Menschen 1989 die Folgen der kapitalistischen Restauration im Land sah, suchte sie nach einer Alternative zu den für Bulgarien verheerenden Prozessen. Sie fanden diese Alternative in der theoretischen und ideologischen Grundlage des Marxismus. Wenig später wurde der 23. September als Name der Organisation gewählt, in Anlehnung an den antifaschistischen Aufstand in Bulgarien 1923. Der Aufstand selbst scheiterte und wurde von den Behörden brutal niedergeschlagen, hinterließ jedoch bleibende Spuren in der bulgarischen Gesellschaft und riss eine Kluft zwischen der arbeitenden Bevölkerung und der reaktionären Regierung. Später wurde er zur Grundlage für den Sieg des Sozialismus in unserem Land.
Unsere Organisation hat im Laufe der Jahre eine wichtige Rolle im Widerstand gegen den US-Imperialismus in Bulgarien gespielt, gegen die Errichtung von US-Militärstützpunkten und gegen die Beteiligung unseres Landes an den imperialistischen Strukturen der EU und NATO. Wir haben an zahlreichen Arbeiterkämpfen, etwa Protesten, Streiks und Demonstrationen teilgenommen. Nicht zuletzt verteidigen wir die Prinzipien und Ideen des Marxismus in einer äußerst schwierigen Situation. In der Zeit der Restauration des Kapitalismus ist der Antikommunismus eine Staatsideologie, wobei die Rehabilitierung der faschistischen Ära in unserem Land auf höchster staatlicher Ebene vorangetrieben wird.
Im Zusammenhang mit unserer aktiven politischen Tätigkeit waren wir verschiedenen politischen Repressionen ausgesetzt. Unsere Mitglieder wurden verhaftet und vor Gericht gestellt. Unsere Genossen wurden von faschistischen Gruppen körperlich angegriffen, die höchstwahrscheinlich verdeckte Unterstützung der Behörden genossen. Es wurden allerlei Intrigen gegen uns gesponnen, um unsere Verbindungen zur Arbeiterklasse und anderen Organisationen zu untergraben. Trotz alledem bleibt die Bewegung „23. September“ die größte marxistisch-leninistische Organisation in Bulgarien.
„Gesellschaft ohne Ausbeutung schaffen“
Können Sie uns drei zentrale Ziele Ihrer Organisation nennen?
Die Bewegung „23. September“ kämpft für die Überwindung des kapitalistischen Systems und die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse, um eine Gesellschaft ohne Ausbeutung zu schaffen. Gleichzeitig wendet sich die Organisation gegen die Strukturen des Imperialismus und die halbkoloniale Position Bulgariens, nachdem es in dessen Einflussbereich geraten ist.

Ein Bündnis zwischen Ihrer Bewegung und der nationalistischen Partei „Wiedergeburt“ (bulgarisch: Възраждане) erregt über Bulgarien hinaus Aufmerksamkeit. Wie kam es dazu und welche konkreten Pläne verfolgen Sie gemeinsam?
Es besteht kein Bündnis zwischen unserer Bewegung und der „Wiedergeburt“, sondern eine gemeinsame Erklärung, die beide Organisationen zu einigen der wichtigsten politischen Themen unseres Landes unterzeichnet haben:
1. Der Kampf gegen den Beitritt zur Eurozone
2. Widerstand gegen Bulgariens weitere Beteiligung am Krieg gegen Russland an der Seite der Ukraine
3. Schutz des historischen Gedächtnisses und der Denkmäler von Partisanen und Antifaschisten, die ständigen Angriffen der Behörden (und der mit ihnen verbundenen informellen Kräfte) ausgesetzt sind
4. Kampf für den Schutz der bulgarischen Energiewirtschaft und gegen den sogenannten Öko-„Green Deal“.
Die Erklärung endet mit einem Aufruf an andere Organisationen und Einzelpersonen, sie zu unterzeichnen. Wir sind überzeugt, dass der Text der Erklärung Themen von nationaler Bedeutung anspricht, und möchten möglichst viele Kräfte für diese Ziele gewinnen.
Im Umgang mit anderen Organisationen orientieren wir uns an den Prinzipien des großen bulgarischen Kommunisten und Revolutionärs Georgi Dimitrow, um in den drängendsten Fragen der Gegenwart eine gemeinsame Front zu bilden. Dies erfordert häufig den Kontakt mit Personen und Organisationen, die unsere politischen Ansichten nicht uneingeschränkt teilen. Einigkeit in allen Themen ist keine Voraussetzung für den Aufbau einer gemeinsamen Front. Die wichtigsten Themen für unser Volk sind derzeit die in der Erklärung genannten, und wir sind bereit, uns für die Schaffung einer gemeinsamen Volksfront zur Verteidigung dieser Prinzipien einzusetzen.
Was die Partei „Wiedergeburt“ betrifft, kennen wir viele ihrer Aktivisten von unterschiedlichen politischen Aktionen auf der Straße. Gemeinsam mit Mitgliedern dieser Organisation waren wir viele Tage und Nächte im Einsatz, um das Denkmal der Sowjetarmee im Zentrum von Sofia zu schützen. Das Denkmal war, unterstützt durch offizielle Institutionen, ständigen Angriffen der Behörden und verschiedener rechter und faschistischer politischer Gruppen ausgesetzt. Das Denkmal der Sowjetarmee wurde im Dezember 2023 von der Regierung zerstört, doch der jahrelange Kampf um seinen Erhalt schuf viele Verbindungen zwischen den Menschen, die es schützten. Während des Widerstands gegen den Abriss des Denkmals organisierte die Partei „Wiedergeburt“ einen Protest vor dem Rathaus von Sofia, der unter dem Slogan „Tod dem Faschismus“ durchgeführt wurde.
Die Mitglieder der Partei „Wiedergeburt“ haben einen großen Beitrag zum Kampf des bulgarischen Volkes gegen den Beitritt des Landes zur Eurozone und zur Sammlung der notwendigen Unterschriften für ein Referendum zu diesem Thema geleistet. Vier Mitglieder und Sympathisanten wurden sogar für fast einen Monat verhaftet, weil sie an einem Protest gegen den Eurozonen-Beitritt teilgenommen hatten, bei dem das Gebäude der „Europäischen Kommission“ in Sofia mit Brandsätzen und roter Farbe angegriffen wurde.
Gemeinsam mit Mitgliedern der Partei „Wiedergeburt“ haben wir an zahlreichen Demonstrationen gegen den Einfluss des amerikanischen Imperialismus in Bulgarien und die Versuche, unser Land immer stärker in den Krieg gegen Russland hineinzuziehen, teilgenommen.
Mit der Unterzeichnung dieser gemeinsamen Erklärung hoffen wir, dass die darin dargelegten Positionen in der bulgarischen Gesellschaft noch mehr Zustimmung gewinnen sowie von weiteren Einzelpersonen und Organisationen anerkannt werden.
„Gemeinsames Vorgehen gegen den Imperialismus“
Die Zusammenarbeit traditionell linker Aktivisten mit rechten Organisationen stößt oft auf Kritik, auch unter ihren eigenen Anhängern. Wie war das Feedback von Anhängern – sowohl von „23. September“ als auch von „Wiedergeburt“?
Die Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung zu den drängendsten Problemen unserer Länder bedeutet nicht, die Autonomie von Organisationen aufzugeben oder politischen Prinzipien den Rücken zu kehren. Sie ist vielmehr ein Aufruf zum Kampf gegen die größten Probleme unserer Zeit. So entstand in den 1940er Jahren in Bulgarien die Vaterländische Front, die verschiedene (einige davon keineswegs linke) Organisationen zum gemeinsamen Vorgehen gegen den Faschismus, dem drängendsten Problem unserer Zeit, vereinte. Deshalb rufen wir heute zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen den Imperialismus und seine Institutionen auf.
Die Reaktionen der meisten Unterstützer beider Organisationen sind überwiegend positiv. Nur einzelne verfallen einem gewissen Sektierertum, aber insgesamt ist dieser Anteil unbedeutend. Viele Bulgaren verstehen, dass die Lage äußerst kritisch ist und die Zeit für einen gemeinsamen Kampf gegen Ungerechtigkeit und Imperialismus gekommen ist.
Vielen Dank für das Gespräch!
■ Das Interview wurde von Michael Brück geführt.
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