Anton Günther 1921 mit Gitarre vor seinem Haus. Bild: Unbekannt - Sammlung René Röder, Gemeinfrei.

Herzlichen Glückwunsch: Anton Günther wird 150!

Sehnsucht nach der Heimat

Das Erzgebirge lebt, das Erzgebirge bleibt eigen und widerständig! Deitsch on frei wolln mer sei – die brandneue AUFGEWACHT ist da! Im Juni 2026 jährt sich der Geburtstag von Anton Günther zum 150. Mal. Der „Tholer-Hans-Tonl“ aus Gottesgab, der größte Volksdichter und Sänger des Erzgebirges, dessen Lieder bis heute in jedem Winkel des Gebirges nachklingen, war eine einmalige Figur in der Kulturgeschichte des Erzgebirges. Wir haben ihm die Titelgeschichte unseres aktuellen Hefts „150 Jahre Anton Günther: Lieder gegen das Unrecht“ gewidmet. Außerdem eine Reportage über das Jungeuropa-Lesertreffen 2026, ein von Sascha A. Roßmüller geführtes Interview mit der US-amerikanischen Journalismus-Legende Peter Brimelow sowie vieles, vieles mehr! HIER bestellen!

Es ist ein Sommertag im Jahr 1901. Anton Günther, ein junger Mann aus dem böhmischen Teil des Erzgebirges, schlendert durch Prag. Er arbeitet damals als Geselle in der k. u. k. Hoflithographie-Anstalt A. Haase, die in der Metropole an der Moldau ansässig ist. Wieder einmal ist er in Tagträumen versunken. Er sieht seine geliebte Großmutter, die fast ein Alter von 100 Jahren erreichen sollte, vor seinem inneren Auge in der „Stub“ im Haus der Familie in seinem Heimatort Gottesgab. Er stellt sich ein Gespräch im Elternhaus vor, in dem sich die Familie über die vier Kinder in Prag unterhält. Seine Oma hört er sagen: „Wos warn sa denn asu machen, dr liewa Gott sell sa när beschützn.“

Nun durchfährt es ihn wie ein Blitz. In seinen Erinnerungen schildert er diesen Moment so: „Ich war gerade beim tschechischen Nationaltheater angelangt. Es brannte noch eine Laterne. Eine Melodie summte durch mein Inneres. Ich nahm Bleistift und Papier heraus und schrieb das Lied ‘Mei Vaterhaus‘ nieder. (…) Seit dieser Zeit war mir mein Lebensweg vorgeschrieben. Erst kommt mein Vaterhaus und alles, was in ihm lebt und webt und dann komme ich und so habe ich es getreulich gehalten.“ Als er einige Wochen später nach Gottesgab zurückkehrt, da trägt er das Lied seinem Vater vor, dem dabei so manche Träne in den Bart rollt. Die Entscheidung ist nun gefallen: Er will seiner gefühlten Berufung folgen und Sänger werden! Eine eigentlich schon ins Auge gefasste berufliche Zusatzausbildung im dänischen Arhus lässt er sausen, um sich ganz der Musik zu widmen – seinen Liedern, die ihm, wie er es selbst sagt, zugeflogen kommen.

Im Erzgebirge ist sein Name bis heute bekannt, in anderen Regionen sagt er wohl nur noch wenigen Menschen etwas: Anton Günther war ein deutscher Volksdichter, Sänger und Komponist von Volks- und Mundart-Liedern im Erzgebirge. Sein Werk umfasst neben einigen Erzählungen und Gedichten rund 140 Lieder. Das Lied „Deitsch on frei wolln mer sei“ gilt als die heimliche Hymne des Erzgebirges. Günther wurde am 5. Juni 1876 in Gottesgab im Böhmischen Erzgebirge geboren, wo er auch am 29. April 1937 starb. Er gilt zudem als Erfinder der Liedpostkarte.

Ein Kind des Gebirges

Der „Tolerhans-Tonl“, wie er im Arzgebirgischen genannt wurde, entstammte einer kinderreichen Familie mit sechs Geschwistern. Vater Johann Günther arbeitete im nahegelegenen St. Joachimsthal als Bergmann, später als Weißwarensticker und Zeichner in seinem Heimatdorf. Da er durch Musizieren Geld dazuverdiente, wurde auch Anton früh an den Gesang und das Liedgut seiner Heimat herangeführt. Dieser empfand seine Kindheit, die von vielen Pflichten gekennzeichnet war, trotz der bescheidenen Verhältnisse als reich und schön. Besonders der enge Zusammenhalt von Eltern und Geschwistern war prägend und bestimmte viele Entscheidungen in seinem Leben. 

Als Anton Günther zwölf Jahre alt war, starb seine Mutter. Nach dem Tod seines Vaters 1901 kehrte Günther aus Prag in sein Elternhaus zurück und der 25jährige musste sich um seine Familie und vor allem die Geschwister kümmern. Die geerbte kleine Landwirtschaft reichte nicht zum Unterhalt. Darum ergänzte Anton Günther seine Einkünfte, ähnlich wie zuvor sein Vater, mit Auftritten als Sänger und Musiker.

Anton Günthers Familie um 1900 in Gottesgab. Bild: Anonym – Deutsche Fotothek, Gemeinfrei.

Er heiratete am 9. Juli 1908 Marie Zettl, Tochter eines Zimmermanns. Der Ehe entstammen drei Kinder, darunter Erwin (1909–1974), der als Mundartsprecher im Volkskunst-Ensemble „Heiteres Erzgebirge“ um Joachim Süß und die Geschwister Caldarelli bekannt wurde. Er war maßgeblich an der Zusammenstellung des Lebenswerkes seines Vaters beteiligt, das Gerhard Heilfurth bereits 1937 herausgab. Neben der Werkausgabe folgte dann 1962 auch noch die Erstausgabe von Heilfurths Biografie „Der erzgebirgische Volkssänger Anton Günther: Leben und Werk“, die in der Bundesrepublik in mehreren Auflagen erschien.

Ursprünglich wollte der spätere Liedermacher Förster werden, weil er eine besondere Liebe zur Natur und zum Wald mitbrachte. Aber sein Zeichentalent ließ ihn eine Lehre beim Lithografen Eduard Schmidt im sächsischen Buchholz aufnehmen. Dank seines Fleißes und seiner Begabung konnte ihm der Meister zwölf Monate der Lehrzeit schenken. Sein Weg führte ihn dann nach Prag an die k.u.k. Hoflithographie-Anstalt A. Haase. Als Kind der Berge blieb die große Stadt ihm immer fremd. Die Sehnsucht nach der Heimat war es, die Anton Günter schließlich zum Dichter werden ließ. Mit anderen böhmischen Erzgebirgern, die wie er in Prag lebten, traf er sich regelmäßig zum „Guttsgewer Obnd“ (Gottesgaber Abend). Bedrückend war für den Mann vom Erzgebirgskamm auch der ständige Druck, Geld für seine große Familie heranschaffen zu müssen, obwohl er selbst in eher ärmlichen Verhältnissen lebte.

Für diese Prager Treffen, bei dem zur Gitarre Lieder aus der Heimat gesungen wurden, verfasste Günther 1895 eines seiner bekanntesten Lieder, „Drham is’ drham“ (Daheim ist daheim). Die große Resonanz auf dieses Lied veranlasste ihn, den Text auf Lithographie-Stein zu zeichnen und als Postkarte in Verkehr zu bringen. Die zunächst im Selbstverlag veröffentlichten Lieder auf Postkarten mit Zeichnungen wurden laut Zuth später von H. Scherrer und Theodor Salzmann mit Gitarrensatz versehen und beim Leipziger Verlag Hofmeister in sechs Sammlungen gedruckt.

Das Erzgebirge wurde damals zunehmend beliebt als Urlaubs- und Kurregion. Gaststätten und Vereine luden Günther zu Unterhaltungsabenden für Einheimische und Gäste vor allem ins sächsische Erzgebirge ein (Fichtelberg, „Neues Haus“ in Oberwiesenthal, „Dreckschänke“ im böhmischen Breitenbach). Der Erzgebirgsverein trug Anton Günther die Mitgliedschaft an und es gibt kaum einen Ort im Gebirge, in dem er nicht aufgetreten ist. Selbst König Friedrich August von Sachsen ließ sich 1907 auf dem Fichtelberg von ihm vorsingen. Er trug die Lieder „Der alte Hannelsma“, „De Pfeif“, „Feierobnd“ und „De Ufenbank“ vor, zuletzt dann das kurz vorher entstandene „Wu de Wälder haamlich rauschen“ mit dem Kehrreim „Mit kenn König mächt ich tauschen, weil do drubn mei Haisel stieht“, das der König sich ausdrücklich erbat und das ihm besonders gefiel.

Das Motto des Ritters

Aber der Volkssänger absolvierte auch Auftritte in Leipzig, Dresden, Berlin und Wien. 1908 entstand mit „Deitsch un frei wolln mer sei“ der Marsch, der heute als inoffizielle Hymne des Erzgebirges gilt. Die zugehörige Liedpostkarte wurde von Günther mit den Farben Schwarz – Rot – Gold versehen. Das Motto „Deutsch und frei“ stammt dabei nicht von dem Erzgebirgssänger selbst. Er hat es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von Richard Jacob Ritter von Dotzauer (1816 – 1887) übernommen, der diesen Slogan unter den Deutschböhmen bekannt machte. Der sudetendeutsche Bankier und Unternehmer ging als Mäzen und Wohltäter in die Regionalgeschichte ein, da er Schulgründungen, den Bau von Eisenbahnstrecken sowie die Arbeit von Armenhäusern und Handwerksbetrieben großzügig unterstützte. Wegen seiner großen Verdienste auf vielen Gebieten wurde ihm 1867 der vererbbare Adelstitel verliehen.

Günther deckte eine breite Palette an Themen ab, so schuf er 1912 den „Schneeschufahrer-Marsch“. Der Skisport nahm im Erzgebirge ab etwa 1900 Fahrt auf und der „Tolerhans-Tonl“ empfand keine Berührungsängste zu dieser „Neiheit“, die da von Skandinavien und den Alpen kommend auf den Erzgebirgskamm hinüberschwappte. Gerade in Gottesgab und im benachbarten Oberwiesenthal entwickelte sich die neue Sportart schnell auch zu einem an Bedeutung rasch zunehmenden ökonomischen Faktor.

Sehr erfolgreich waren Schallplattenaufnahmen des Sängers, der sich selbst mit der Gitarre begleitete. Einen nicht unwesentlichen Teil der Einnahmen brachte Günther 1911 in eine Stiftung ein, die Kranke, Alte und Arme in seinem Heimatort unterstützte und an seinem Erfolg teilhaben ließ. Den Boden für diesen Erfolg hatte auch der enge Freund und Mitarbeiter Friedrich Nietzsches, der Annaberger Peter Gast (eigentlich Heinrich Köselitz) bereitet. Im „Glückauf“, der 1878 begründeten Zeitschrift des Erzgebirgsvereins, setzte er sich für die Bewahrung und Dokumentation der Mundartdichtung ein und beklagte deren Geringschätzung. Kulturpessimistisch wies Gast darauf hin, dass die „Ursprünglichkeit“ immer mehr dahinschwinde und der erzgebirgische „Dialekt der Bescheidenheit“ verlorenzugehen drohe – das sind interessante und zeitkritische Schlussfolgerungen für einen Nietzscheaner.

Fremdheit im neuen Staat

Den Ersten Weltkrieg erlebte Anton Günther als österreichischer Soldat an der serbischen Front. Infolge einer Verletzung am Fuß verbrachte er einige Zeit in einem Lazarett in Komotau. Anschließend wurde er zum Kriegshilfsdienst abkommandiert. Im Herbst des Jahres 1918 kehrte Günther nach Gottesgab zurück. Einer seiner Brüder, Julius, hatte den Krieg nicht überlebt, und Anton Günther unterstützte fortan auch die Familie seines Bruders.

Ein Ergebnis des Ersten Weltkrieges war die Gründung der Tschechoslowakei, in deren Gefolge die nationalen Minderheiten, darunter Millionen Sudetendeutsche, entgegen den zuvor gemachten Versprechungen benachteiligt wurden. Dies verletzte den heimatverbundenen Künstler sehr und wurde Gegenstand seiner Lieder.

Eine besondere Würdigung seines Schaffens erfuhr er am 5. Juni 1936 zu seinem 60. Geburtstag. Höhepunkt war die Einweihung eines Gedenksteins auf dem Marktplatz von Gottesgab. Die politischen Ereignisse der Zeit gingen an ihm nicht spurlos vorüber. Der Verkauf seiner Platten wie auch die für ihn wirtschaftlich notwendigen Auftritte im Deutschen Reich wurde immer schwieriger. Was für ein Unterschied war das doch zu den seligen Zeiten, als die sächsische und die österreichische Monarchie noch existiert hatten und es keine Probleme bei den Grenzübertritten gab. Das alles bedrückte den sensiblen Poeten und so setzte er am 29. April 1937 seinem Leben ein Ende. Schon am Nachmittag vermelden die Rundfunksender Prag, Berlin und Wien die Nachricht vom Tod Anton Günthers. Der Rundfunk Leipzig gestaltet am Nachmittag eine Trauerfeier. Für den Ortspfarrer Josef Dürmuth ist es keine Frage, dass es für Anton Günther eine kirchliche Trauerfeier gibt, obwohl das von der Ordnung der katholischen Kirche her eigentlich nicht möglich ist. Am Sonntag, dem 2. Mai 1937, wird der Sänger des Erzgebirges zur letzten Ruhe geleitet. Tausende sind gekommen, um Abschied von ihm zu nehmen. Anton Günthers Texte zeichnen sich durch Heimatliebe und einen völkisch geprägten Patriotismus aus. Sein Lied „Deitsch on frei wolln mer sei“ und andere Texte mit vergleichbarem Inhalt wurden in diesem Sinne von der Sudetendeutschen Partei – und werden auch heute noch – politisch verwendet.

Günthers Familie wurde nach Kriegsende 1945 vertrieben, ließ fast alles zurück – auch Noten und Zeichnungen – und siedelte sich im nahen Oberwiesenthal an. Dort starb seine Frau Maria 1958, ohne jemals wieder nach Gottesgab gekommen zu sein. Sein Grab samt Grabplatte ist im Gegensatz zu den Gräbern vieler anderer deutscher Einwohner erhalten geblieben, nur wenige Meter entfernt befindet sich auch die Grabstätte seiner Großmutter. Der Gedenkstein auf dem Marktplatz wurde in der Nachkriegszeit zerstört. Anfang der 1990er Jahre konnte er durch einen neuen ersetzt werden, wobei die lange verschollen geglaubte originale Bronzetafel erneut Verwendung fand.

Kinder deutscher Vertriebener im Jahr 1948. Die Vertreibung seiner Volksgruppe musste Günther nicht mehr erleben. Seine Familie floh von Gottesgab in das benachbarte Oberwiesenthal. Bild: Wikimedia Commons.

Interessant an der Rezeptionsgeschichte Günthers ist, dass er sogar in der DDR in einem bescheidenen Rahmen stattfinden durfte, obwohl dort Vertriebenenthemen sonst absolut tabu waren. Aber die Popularität des „Tolerhans-Tonl“ war insbesondere im Erzgebirge so hoch, dass die SED-Kulturfunktionäre von einer totalen Unterdrückung seines Werkes dann doch lieber Abstand nahmen. Einige der vielen Anton-Günther-Gedenksteine wurden zwar abgeräumt, viele überdauerten aber die Zeitspanne bis 1989/90. 1956 konnte in der DDR außerdem die politisch gesäuberte Auswahl „Anton Günther: Eine Auswahl seiner Gedichte, Lieder, Sprüche und Geschichten“ erscheinen. Im Erzgebirge und auch im Vogtland wurden nach dem Mauerfall zahlreiche Plätze und Straßen nach Anton Günther benannt. Im Westen Deutschlands gingen sie in der Regel auf Initiativen der Sudetendeutschen Landsmannschaft zurück. 1995 wurde der grenzüberschreitende „Anton-Günther-Weg“ eingeweiht. Teile seines Nachlasses befindet sich seit 2011 im Museum für Sächsische Volkskunst und im Wiesenthaler K3 (seit 2014), dem Museum der Stadt Oberwiesenthal.

 Stefan Paasche/Arne Schimmer

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