Hermann Hesse im Jahr 1927. Bild: Gret Widmann (†1931), Gemeinfrei.

Hermann Hesses Rat: „Jeden Abend sollst du deinen Tag“

Widerstand und Seelenhygiene

Das wahre Leben spielt sich vor Ort in den Kommunen ab, hier beginnt und endet jeder politische Widerstand. „Rathausrevolte: Die Patrioten kommen!“ – in diesem Heft zeigen wir, wie kommunale Graswurzel-Krieger zum Albtraum des Establishments zwischen Werra und Neiße werden! 47,3 Prozent für Stefan Hartung bei der OB-Wahl in Aue – Bad Schlema für einen Kandidaten der FREIEN SACHSEN waren das bislang wohl größte Fanal, das ein patriotischer Kandidat auf kommunaler Ebene setzen konnte. Wir zeigen in diesem Heft, wie katastrophal die Krise der kommunalen Haushalte wirklich ist und wie sich die schon gewählten AfD-Bürgermeister sowie Landrat Robert Sesselmann bislang bewährt haben. HIER bestellen!

Jeden Abend sollst du deinen Tag

prüfen, ob er Gott gefallen mag,

ob er freudig war in Tat und Treue,

ob er mutlos lag in Angst und Reue;

sollst die Namen deiner Lieben nennen,

Haß und Unrecht still vor dir bekennen,

sollst dich alles Schlechten innig schämen,

keinen Schatten mit ins Bette nehmen,

alle Sorgen von der Seele tun,

daß sie fern und kindlich möge ruhn.

Dann getrost in dem geklärten Innern

sollst du deines Liebsten dich erinnern,

deiner Mutter, deiner Kinderzeit;

sieh, dann bist du rein und bist bereit,

aus dem kühlen Schlafborn tief zu trinken,

wo die goldnen Träume tröstend winken,

und den neuen Tag mit klaren Sinnen

als ein Held und Sieger zu beginnen.

Eichendorff, Novalis, Tieck, erste Hälfte des 19. Jahrhunderts? Nein, Hermann Hesse schrieb dieses Gedicht 1912. So manch Held und Sieger wird es zwei Jahre später vor dem Schlafengehen im Schützengraben in Gedanken rezitiert haben. Das ist nicht ironisch gemeint. Die seelische und körperliche Robustheit unserer Vorfahren bei gleichzeitiger Empfindungsbereitschaft wirkt umso erstaunlicher, je weiter wir uns von ihr entfernen. Die damalige Schroffheit in der Existenzbestreitung wurde dem heutigen Zivilisationsmenschen dank der technischen Errungenschaften und des Fürsorge-Staatskonzepts erlassen – auf Kosten der Auflösung der tradierten Strukturen wie Volk, Großfamilie, Religion, Ehre und Heimat sowie des intuitiven Bedürfnisses nach seelischer Hygiene. Die dauerhafte, technogene Reizüberflutung wird als alternativlos hingenommen, als Zerstreuung genossen oder aktivistisch rationalisiert. Deswegen ist das Gedicht von Hesse wie für uns geschrieben.

Mockup Cover Aufgewacht "Rathausrevolte"

„Keinen Schatten mit ins Bette nehmen“. Wem beschieden ist, zur Nacht nicht alleine in die Horizontale zu gehen, sollte allerdings vorsichtig beim Rezitieren dieser Zeile sein, damit keine Missverständnisse entstehen. Jeder probiere aus, wie und wie lange das tägliche Reinigungsritual der Seele vor dem Eintauchen in den Schlaf von statten gehen sollte. Ein Waldspaziergang, ein Buch, ein Gedicht? Das „Prüfen“ sollte dabei weniger mit dem Verstand als mit dem Gefühl des Verzeihens, auch sich selbst gegenüber, geschehen, um innere Vergiftung, Überreizung und Empörung abzustreifen. Der Verweis auf das heroische Erwachen am nächsten Morgen mag witzig oder pathetisch klingen. Aber Hesse trifft hier ins Schwarze: Als innerlich geordneter Mensch ist man bereits Held und Sieger, und die Umstände fügen sich nach diesem Sein wie die Magnetspäne nach dem Magnet. Ein Held ist derjenige, der seine Seele nicht verwahrlosen lässt und damit auch seine Mitmenschen und Mitstreiter aufbaut.

Jochen Stappenbeck

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