AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund beim Simson-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt. Bild: Filmkunstkollektiv.

Patriotischer Polit-Popstar gegen CDU-Apparatschik

Vor der Schicksalswahl in Sachsen-Anhalt

Sollte die AfD morgen bei der Wahl in Sachsen-Anhalt die parlamentarische Mehrheit im Landtag erhalten, dann hätte Deutschland auf Landesebene die erste Friedensregierung! Nach der Kriegserklärung von Merz an Russland: Die Geschichte mahnt. Immer wieder hatte die Gegnerschaft europäischer Nationen zu Russland fürchterliche Folgen. In unserem brandneuen Heft „Untergang: Schon wieder Krieg gegen Russland?“ zeigen wir die Gefahr auf. Arne Schimmer schreibt über die neuen Schlafwandler, Jochen Stappenbeck analysiert, warum ein „begrenzter Atomkrieg“ näher rückt und Peter Schreiber untersucht die Drohnen-Panik. Außerdem ein Interview mit dem Filmemacher Mario Nieswandt über seinen neuen Film „WARUM ICH – Wolf D. Kroll“. Dazu vieles, vieles mehr wie ein Interview mit dem Lyriker, Musiker und „Barditus“-Frontmann Uwe Nolte. HIER bestellen!

Obwohl gleich vier Wahlen im Herbst 2026 anstehen – auf Landesebene in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sowie der kommunale Urnengang in Niedersachsen – bestimmt vor allem eine Frage die Schlagzeilen: Wird Ulrich Siegmund der erste AfD-Ministerpräsident Deutschlands? Und wenn ja, reicht es sogar für eine absolute Mehrheit der Sitze im neuen Magdeburger Landtag? Das Bundesland, das von seiner eigenen Politik als „Land der Frühaufsteher“ verspottet wurde, in Anspielung auf die zahlreichen Pendler, die weite Wege zur Arbeit (oft in benachbarte West-Bundesländer) antreten müssen, liegt dieses Mal nicht nur geographisch relativ in der Mitte der Republik, sondern ist auch politisch das Zentrum der Aufmerksamkeit. 2,1 Millionen Einwohner, davon rund 1,7 Millionen am 6. September 2026 wahlberechtigt, entscheiden morgen möglicherweise über die Zukunft des ganzen Landes. Denn stürzt die CDU, fällt Merz. Und mit ihm wohl auch die Brandmauer. Für Patrioten und Nationalisten ist der Urnengang deshalb wohl die wichtigste Entscheidung des Jahres.

Schon seit Jahrzehnten ist Sachsen-Anhalt ein Bundesland, in dem sich die Hoffnungen vieler Heimattreuer zu erfüllen schienen. Rechte Parteien konnten bereits Ende der 90er-Jahre große Erfolge erzielen, enttäuschten jedoch und hinterließen einen verbrannten Boden. Und sogar bei der AfD wiederholt sich dieses Auf und Ab, nur jetzt in einer neuen Dimension und möglicherweise mit einem „Happy End“. Am 26. April 1998 erzielte die Deutsche Volksunion (DVU) in Sachsen-Anhalt durch den materialintensiven Wahlkampf des Multimillionärs Gerhard Frey aus dem Stand heraus 12,9 Prozent der Stimmen. Ein Aufschrei ging durch das Land. Doch die Fraktion, fast ausnahmslos Polit-Anfänger ohne jede Erfahrung, zerlegte sich binnen Wochen. Die DVU flog in der Folge aus dem Landtag, es folgte eine weitgehende Stagnation.

14 Jahre später, zur Landtagswahl im Frühjahr 2011, durchkreuzten ein Seebeben vor Japan und das folgende Nuklear-Unglück von Fukushima den Traum der NPD vom damals dritten Einzug in einen Ost-Landtag. Die Atomkatastrophe im Land der aufgehenden Sonne führte zu einem überraschenden Höhenflug der Grünen. Die NPD scheiterte mit 4,6 Prozent nur knapp am Einzug. Eine Enttäuschung für die eigenen Anhänger und der Beginn eines bundesweiten Abwärtstrends, der mit schließlich dem Verlust aller Landtagsfraktionen endete. Doch der Boden war fruchtbar und 2016 sahnte schließlich die AfD mit ihrem damaligen Spitzenkandidaten André Poggenburg ab: 24,3 Prozent, das bis dahin beste Landesergebnis der Parteigeschichte. Sachsen-Anhalt war DIE rechte Hochburg. Doch auch die erste AfD-Fraktion sorgte für Turbulenzen, einige Getreue der ehemaligen Vorsitzenden Frauke Petry traten aus, auch Poggenburg selbst – freilich aus ganz anderen Gründen – kehrte der AfD den Rücken. Zur nächsten Landtagswahl, die im Juni 2021 stattfand, als sich die Partei während der Corona-Zeit in einem bundesweiten Tief befand, folgte ein empfindlicher Rücksetzer: Nur noch 20,8 Prozent erzielte die AfD in dem Bundesland zwischen Harz und Elbe, was Verluste von über drei Prozent für die sonst so erfolgsverwöhnte Partei bedeutete. Kein Desaster, aber ein Dämpfer. Doch davon ist fünf Jahre später keine Rede mehr, denn die Stimmung hat sich längst geändert: Euphorie, wohin das Auge reicht und Umfrageergebnisse, bei denen sogar eine Verdoppelung des Ergebnisses von 2021 möglich scheint. Möglicherweise wird es der höchste Zuwachs, den eine Partei jemals bei einer Landtagswahl erzielt hat. Und vielleicht reicht es tatsächlich zur absoluten Mehrheit der Landtagssitze, die bereits bei 43 bis 44 Prozent liegen könnte, wenn mehrere kleinere Parteien am Landtagseinzug scheitern.

Uli Siegmund: Der Mann der Massen

Nein, der zu erwartende Erfolg in Sachsen-Anhalt liegt nicht allein an Ulrich Siegmund, der zu einem der ersten Politiker gehörte, dessen Reden im sozialen Netzwerk TikTok Millionen begeisterten und dessen immer fröhliche Art zu seinem Markenzeichen wurde. Überall östlich der ehemaligen Zonengrenze liegt die AfD zwischen 35 und über 40 Prozent. Der Anstieg ist primär ein Erfolg der Marke AfD, dem Protestventil gegen die katastrophale Politik der Altparteien. Ganz gleich, ob die Bundesregierung von Scholz oder Merz angeführt wird. Und trotzdem wäre der bevorstehende Erfolg in Sachsen-Anhalt ohne einen Mann wie Ulrich Siegmund nicht möglich. Unermüdlich zieht der 35jährige bereits seit Monaten, weit vor der eigentlichen Wahlkampfzeit, mit fast täglichen Veranstaltungen durch das Land. Oft erscheinen hunderte Bürger, manchmal sogar tausende – alle wollen dem Shooting-Star der AfD die Hand schütteln oder für ein Selfie posieren. Und Siegmund weist in seiner bodenständigen Art keinen Wunsch zurück und genießt den Rückhalt der Massen. Ein besseres Zeichen könnte es vor dem Wahltag kaum geben. Insbesondere im Vergleich zu seinem blassen CDU-Kontrahenten Sven Schulze, der während der laufenden Legislaturperiode als Ministerpräsident eingesetzt wurde, um überhaupt ein bisschen Bekanntheit zu erlangen.

Ulrich Siegmund bei einer Kundgebung der AfD in Schönebeck in Sachsen-Anhalt. Bild: Filmkunstkollektiv.

Dass Siegmund nicht nur allgegenwärtig ist, sondern sich auch medial verkauft wie zuvor kaum ein Politiker, dürfte auch an seiner professionellen Begleitung liegen: Bei jedem Auftritt sind mehrere Medienaktivisten dabei. Es dürfte kein Geheimnis sein, dass diese oft aus den Reihen des Filmkunstkollektivs stammen; einem Medienprojekt, das sich die Professionalisierung des patriotischen Lagers auf die Fahnen geschrieben hat. Er wird in Szene gesetzt, die Zusammenschnitte seiner Auftritte, ob bei einer Kundgebung vor Tausenden oder beim Besuch im örtlichen Handwerksbetrieb, erreichen ein bis dato nicht gekanntes Niveau. Andere Landesverbände, die eine solche Art der Außendarstellung bisher nicht für nötig erachteten, dürften ihre Ansichten angesichts dieses Wahlkampfes überdenken.

Doch wird es für Siegmund tatsächlich zur Mehrheit reichen? Es wird denkbar knapp, das steht schon jetzt fest. Und auch die üblichen Protagonisten, etwa das linke Kampagnennetzwerk Campact, dürfte sich noch Möglichkeiten einfallen lassen, den Landtagseinzug von Grünen und SPD zu sichern. Beide Parteien kämpfen um das Überspringen der Fünf-Prozent-Hürde, ihr Scheitern würde die Wahrscheinlichkeit einer blauen Regierung massiv erhöhen.

Blackbox BSW

Doch selbst, wenn es nicht zur absoluten Mehrheit reicht, könnte Ulrich Siegmund Ministerpräsident werden. Beispielsweise, wenn bei der geheimen Wahl nicht alle CDU-Abgeordneten Sven Schulze ankreuzen. Möglicherweise sogar, weil ihnen für den Fall eines Sieges von Siegmund Möglichkeiten der Mitarbeit unter einer blauen Landesregierung in Aussicht gestellt werden könnten. Und vor allem dann, wenn das BSW über die Fünf-Prozent- Hürde springt. Zuletzt sah das Meinungsforschungsinstitut INSA die Partei genau auf dem schicksalshaften Wert. Die Werbekampagne, die mit klaren, populistischen Feindbildern wie Kanzler Friedrich Merz, dem ukrainischen Despoten Wolodymyr Selenskyj und EU-Diktatorin Ursula von der Leyen arbeitet, könnte zu einem Einzug führen. Dann würde sich zeigen, ob die Wagenknecht-Partei, wie schon in Brandenburg, Sachsen und Thüringen, erneut zum Steigbügelhalter des Parteienkartells wird oder aus ihren Fehlern gelernt hat. Den aktuellen Beteuerungen, nicht erneut für einen Kandidaten der CDU zu stimmen, sollte zumindest so lange nicht geglaubt werden, bis Taten gesprochen haben. Doch spätestens nach der Wahl dürfte es im Falle eines Einzugs der erst im Januar 2024 gegründeten Partei wohl zu Gesprächen zwischen AfD und BSW kommen – die Wagenknecht-Truppe stünde dann vor der Schicksalsfrage, ob sie zukünftig Teil des politischen Wandels sein möchte oder den letzten Rest Glaubwürdigkeit als Anhängsel von CDU und SPD verspielt.

Selten dürfte ein Urnengang für solch eine Spannung gesorgt haben, denn politische verlieren können alle. Gelingt es der AfD nicht, in die lang ersehnte Regierungsverantwortung zu kommen, könnte sich, gerade angesichts der hohen Erwartungshaltung, unter Unterstützern die Einstellung verbreiten, dass es ohnehin nichts bringt, überhaupt noch wählen zu gehen. Das ist jedoch, gemessen an der Gefahr, die Kanzler Merz droht, ein überschaubares Problem. Stürzt nämlich die CDU in Sachsen-Anhalt, wäre er nicht mehr zu halten. Kommt die AfD in Regierungsverantwortung, mischt das bundesweit alle Karten neu. Und der CDU bliebe nur noch die Option der Minderheitsregierung im Bund. Mit wechselnden Mehrheiten, inklusive partieller Unterstützung durch die AfD. All das ist natürlich ein Blick in die Glaskugel, doch ab morgen Abend wissen wir mehr.

 Michael Brück

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