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Dass das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen trotz aller Versöhnungsreden weiterhin von totaler Einseitigkeit geprägt ist, zeigt sich an einem Ereignis, dass sich kurz nach dem Angriff der Wehrmacht auf Polen in der westpreußischen Stadt Bromberg Anfang September 1939 abspielte.
Im Unterschied zur Vertreibung der Ostdeutschen in dden Jahren 1945/46 lässt sich dieses nicht als bloße Folge deutscher Kriegsverbrechen darstellen.Am 3. September 1939 und in den Tagen danach kam es in großen Teilen der Siedlungsgebiete der Volksdeutschen in Polen zu Massakern an Zivilisten. Beteiligt waren zurückweichende polnische Truppen, Milizen und aufgewiegelte Zivilisten.

Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle, Kriegsrichter und Gerichtsmediziner führten in Bromberg Untersuchungen durch. In Posen wurde eine „Gräberzentrale“ eingerichtet. Der Leiter, Kurt Lück, sprach im Oktober 1939 von ungefähr 1.000 in Bromberg ermordeten Volksdeutschen. Für ganz Polen wurde die Zahl der volksdeutschen Opfer im November 1939 mit 5.437 angegeben. Diese Zahlen zeigen die gewaltige Dimension der Massaker an. Heute stört man sich vor allem am Begriff „Bromberger Blutsonntag“, weil dieser NS-Propagandasprech gewesen sei. An den Verbrechen und Massakern selbst scheint man bis heute hingegen kaum Anstoß zu nehmen. Sie kommen weder in den Schulbüchern noch in den meisten zeitgeschichtlichen Dokumentationen vor. Das ist kein Wunder, stehen sie doch der heute praktizierten Schwarz-Weiß-Malerei in der Darstellung der Geschichte des 20. Jahrhunderts entgegen. Dabei kann man die Bromberger Massaker durchaus als ein heute verschwiegenes Schlüsselereignis dieser Geschichte einstufen. Sie zeigen, was die deutsche Minderheit in Polen in der Zwischenkriegszeit insgesamt zu erdulden hatte und warum das deutsch-polnische Verhältnis schon zu Zeiten der Weimarer Republik so miserabel war.
Erinnerung an Opfer ist notwendig
An deutschen Universitäten und historischen Instituten gibt es dazu derzeit keine wissenschaftliche Bearbeitung; aus den letzten Jahren liegen keine neuen Forschungsergebnisse vor. Besonders das Schicksal der Volksdeutschen in Mittel- und Ostpolen mit mehreren hundert Toten – also außerhalb der bis 1919 zum Deutschen Reich gehörenden Provinzen Posen und Westpreußen – hat die Zeitgeschichtsforschung bisher kaum beachtet. Die Aufregung ist dann umso größer, wenn Nicht-Historiker dieses Thema aufgreifen und an die Verbrechen erinnern.
Sicherlich hat auch die NS-Propaganda die Massaker aufgegriffen und die soliden Zahlen der Wehrmacht-Untersuchungsstelle stark hochgesetzt. Das kann im Umkehrschluss aber wohl nicht bedeuten, unerwünschte Ergebnisse zur Zahl der deutschen Opfer heute zurückzuhalten, damit das deutsch-polnische Verhältnis nicht belastet wird. Die Opfer haben eine Erinnerung verdient, auch wenn sie nach dem Urteil der heutigen Zeit auf der „falschen Seite“ der Geschichte standen. Nur die historische Wahrheit kann zu echter Versöhnung führen!
■ Kurt Koriath
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