André Poggenburg beim COMPACT-Sommerfest 2025. Bild: Privat.

„Immer mehr Bürger wachen auf“ – Im Gespräch mit André Poggenburg

Ein Interview mit dem früheren AfD-Landesvorsitzenden von Sachsen-Anhalt

André Poggenburg bezieht immer wieder klar für eine Friedenspolitik mit Russland Stellung. Nach der Kriegserklärung von Merz an Russland: Die Geschichte mahnt. Immer wieder hatte die Gegnerschaft europäischer Nationen zu Russland fürchterliche Folgen. In unserem brandneuen Heft „Untergang: Schon wieder Krieg gegen Russland?“ zeigen wir die Gefahr auf. Arne Schimmer schreibt über die neuen Schlafwandler, Jochen Stappenbeck analysiert, warum ein „begrenzter Atomkrieg“ näher rückt und Peter Schreiber untersucht die Drohnen-Panik. Außerdem ein Interview mit dem Filmemacher Mario Nieswandt über seinen neuen Film „WARUM ICH – Wolf D. Kroll“. Dazu vieles, vieles mehr wie ein Interview mit dem Lyriker, Musiker und „Barditus“-Frontmann Uwe Nolte. HIER bestellen!

Nun steht die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt an. Nicht wenige Beobachter halten diese auf Landesebene für die wichtigste seit der Wiedervereinigung und eine der wichtigsten seit der Gründung der Bundesrepublik 1949, weil mit der AfD erstmals eine patriotische Kraft rechts der Union eine absolute parlamentarische Mehrheit erreichen kann. Ist das tatsächlich eine realistische Möglichkeit?

Der Aussage kann ich mich grundsätzlich anschließen. Der Ausgang dieser Wahl könnte ein Novum in der deutschen Nachkriegsgeschichte bedeuten, vor allem vor dem Hintergrund, dass eine Union, die in den letzten Jahrzehnten die Mitte nach links verlassen hat, keine Kraft „rechts“ neben sich dulden will. Und ja, nicht nur eine deutliche Mehrheit als Wahlsieger, sondern sogar eine absolute Mehrheit im Parlament sind möglich und lassen den Altparteienblock bereits zittern.

Der tiefere Grund dafür, dass eine AfD-geführte Landesregierung in Magdeburg überhaupt denkbar ist, sind die enorm hohen Bekanntheits- und Beliebtheitswerte des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund, die dieser sich ab 2022 vor allem über sein TikTok-Profil mit teilweise über 600.000 Followern aufbaute. Sie als früherer AfD-Fraktionsvorsitzender in Magdeburg konnten den Weg Siegmunds seit seinen Anfängen als junger Abgeordneter im Jahr 2016 mitverfolgen. Wäre er den Anforderungen des Amts eines Ministerpräsidenten gewachsen?

Ulrich Siegmund macht vor allem im Bereich Social Media eine tolle Arbeit und hatte sich bereits zu meiner aktiven Zeit als gesundheitspolitischer Sprecher unserer Landtagsfraktion während der sogenannten Corona-Pandemie gut ins Zeug gelegt. Der anstehende Wahlerfolg der AfD ist allerdings vor allem dem Umstand geschuldet, dass immer mehr Bürger aufwachen und erkennen, dass ein Ausweg aus der desaströsen Entwicklung im Lande, ich spreche gern von einem regelrechten Degenerationsprozess, nur in einer oppositionellen Kraft außerhalb des schuldigen Altparteienblocks liegen kann. In dem Sinne profitiert die AfD von viel Vorschussvertrauen. Ob Ulrich Siegmund dem Amt des Ministerpräsidenten letztlich gewachsen ist, kann und möchte ich gar nicht beurteilen. Allerdings kann er das Amt wohl kaum schlechter ausfüllen als die bisherigen Blindgänger.

„Es wäre wünschenswert, wenn das BSW den Einzug schafft“

Könnte die sogenannte Vetternwirtschaftsaffäre Ulrich Siegmund und der AfD in Sachsen-Anhalt weiter Probleme bereiten? Oder ist gar mit weiteren Enthüllungen durch den auf einem Rachefeldzug befindlichen oder sogar gänzlich fremdgesteuerten Ex-AfD-Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt zu rechnen?

Die Vetternwirtschaftsaffäre in der AfD, vor allem in Sachsen-Anhalt, ist tatsächlich ein enormer Negativpunkt. Dabei geht es nicht prinzipiell um das Vergehen an sich, denn das machen andere auch und es ist quasi fast Gepflogenheit. Dass aber eine Oppositionspartei, die es doch deutlich besser machen wollte, dann gewisse Dinge noch deutlich enthemmter und drastischer praktiziert, ist absolut unmöglich und hat Vertrauen gekostet. Sollte nun beispielsweise eine absolute parlamentarische Mehrheit ganz knapp verpasst werden, muss es endlich auch mal personelle Konsequenzen geben. Denn was, wenn nicht das, war parteischädigend. Und ja, ein Jan Wenzel Schmidt auf Rachefeldzug könnte vielleicht auch kurz vor der Wahl nochmal nachlegen. Die Schuld liegt aber nicht bei ihm allein.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das BSW zum Königsmacher des Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt wird. Wäre es da nicht zielführend, den größtenteils berechtigten Ärger über das bisherige Agieren der Wagenknecht-Truppe herunterzuschlucken und das per Brief unterbreitete Gesprächsangebot des BSW über eine Ablösung der bisherigen MP-Amtsinhaber in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern anzunehmen?

Es wäre erstmal sehr wünschenswert, wenn das BSW als weitere Opposition außerhalb des Altparteienblocks den Sprung ins Parlament schafft und dabei den linken Parteien Stimmen entreißt. Und ja, dann wird es Gespräche zwischen AfD und BSW geben müssen und beide Parteien werden klar Farbe bekennen und aufeinander zugehen müssen. Wer sich dann sperrt, ist raus, und hat seine Berechtigung verloren! Allerdings ist es praktische Gepflogenheit, sich vor der Wahl nicht allzu sehr festzulegen. Ich hätte mir vom BSW allerdings noch deutlichere, klarere Aussagen gegen die Brandmauer gewünscht. Vielleicht kommt da noch was.

„Frieden ist das wichtigste Thema“

Es gibt Spekulationen über mögliche CDU-Überläufer zur AfD nach der Wahl. Ein realistisches Szenario oder reines Wunschdenken?

Das ist so herum denkbar und sogar wünschenswert, aber genauso auch andersherum möglich. Es könnte beispielsweise jetzt schon Schläfer in der AfD geben, die für genau diesen Moment dort mitmischen und dann im letzten Augenblick durch Überlaufen den Sieg kosten.

Welche Themen sollte die AfD im Wahlkampf aufgreifen, wo drückt der Schuh besonders?

Ganz klar in dieser Reihenfolge: Frieden, Remigration, soziale Gerechtigkeit und ganz allgemein: Kampf dem Linksstaat zugunsten der Schaffung eines echten, freiheitlichen Rechtsstaats.

Warum sind Sie 2013 der AfD beigetreten? Was hat Sie an der damaligen AfD besonders angesprochen?

Mich haben die Themen EU und Euro-Währungsunion und die klare Kritik der AfD an den diesbezüglichen Fehlentwicklungen auf die Partei aufmerksam gemacht. Hinzu kam das scheinbare Vorhandensein eines gesunden Patriotismus, was leider nicht beständig der Fall war, und ist in der AfD, sonst wäre ich ja nicht für die Verwendung des Begriffes „Volksgemeinschaft“ – ein Begriff den Friedrich Ebert von der SPD einst groß gemacht hat – durch den Bundesvorstand von meinen Ämtern enthoben worden.

Was sollte die AfD trotz ihrer bisherigen Erfolge noch besser machen und wo lauern die größten Gefahren für die Partei? Und weiter: Derzeit wird viel über die innere Spaltung Deutschlands geredet – gerade auch wegen der AfD-Erfolge, obwohl die AfD ja auch in einigen westdeutschen Bundesländern kurz vor dem Überspringen der 20-Prozent-Marke steht. Wo und wie sind Sie aufgewachsen? Wie hat die DDR-Zeit und der Mauerfall Ihre Sicht auf Deutschland und Politik geprägt?

Wie man so schön sagt, bin ich gelernter DDR-Bürger. Ich habe einen Systemwechsel miterlebt und, wie die meisten Ossis, – oder richtigerweise Mitteldeutschen -, mehr Gespür und Drang für Widerstand als unsere Westverwandtschaft. Ausnahmen bestätigen die Regel. Die Spaltung im Lande existiert, wobei das von der Obrigkeit auch genau so gewollt und Teil ihrer Strategie ist. Der Graben Ost – West ist dabei nur eine der vielen vorhandenen Bruchstellen.

Die AfD sollte insgesamt mutiger werden, mehr wagen, sich weniger wegducken und vor allem – authentisch sein! Der Verfassungsschutz kommt sowieso, das hatte ich bereits damals immer wieder erklärt – und letztlich Recht behalten. Nichts hassen die Bürger mittlerweile mehr als parteipolitischen Lug und Trug, nichts braucht das Land mehr als klare Verlässlichkeit und ein uneingeschränktes Bekenntnis zum einzigen Souverän – dem deutschen Volk.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

André Poggenburg, geb. 1975, absolvierte 1991 eine kaufmännische Ausbildung. Nach dem Abschluss der Sekundarschule im Jahr 1991 absolvierte er zunächst eine kaufmännische Ausbildung. Später erlernte er den Beruf des Behälter- und Apparatebauers und bildete sich per Fernlehrgang zum Technischen Betriebswirt weiter. 2013 trat er der damals neu gegründeten Alternative für Deutschland (AfD) bei. Innerhalb der Partei stieg er rasch auf. Von 2014 bis 2018 war er Landesvorsitzender der AfD Sachsen-Anhalt. Zudem gehörte er von 2015 bis 2019 dem Bundesvorstand der Partei an. Gemeinsam mit Björn Höcke verfasste er 2015 die „Erfurter Resolution“, ein Positionspapier des nationalkonservativen Flügels der AfD. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2016 trat Poggenburg als Spitzenkandidat an. Die AfD erreichte mit 24,3 Prozent der Stimmen den zweiten Platz und zog mit ihm in den Landtag ein, wo er bis 2018 Fraktionsvorsitzender und damit Oppositionsführer war. Das damals unter ihm als Spitzenkandidat erzielte Resultat blieb für lange Jahre das beste AfD-Ergebnis auf Länderebene. Gegenwärtig tritt er regelmäßig als Moderator und Kommentator bei COMPACT-TV auf und moderiert und kommentiert Sendungen zu politischen Themen. Auf seinem Gut Nöbeditz in Stößen finden auch Veranstaltungen von COMPACT wie die Sommerfeste des patriotischen Magazins statt.

Das Interview wurde von Arne Schimmer geführt.

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