Das Erzgebirge lebt, das Erzgebirge bleibt eigen und widerständig! Deitsch on frei wolln mer sei – die brandneue AUFGEWACHT ist da! Im Juni 2026 jährt sich der Geburtstag von Anton Günther zum 150. Mal. Der „Tholer-Hans-Tonl“ aus Gottesgab, der größte Volksdichter und Sänger des Erzgebirges, dessen Lieder bis heute in jedem Winkel des Gebirges nachklingen, war eine einmalige Figur in der Kulturgeschichte des Erzgebirges. Wir haben ihm die Titelgeschichte unseres aktuellen Hefts „150 Jahre Anton Günther: Lieder gegen das Unrecht“ gewidmet. Außerdem eine Reportage über das Jungeuropa-Lesertreffen 2026, ein von Sascha A. Roßmüller geführtes Interview mit der US-amerikanischen Journalismus-Legende Peter Brimelow sowie vieles, vieles mehr! HIER bestellen!
Mehr als 500 Millionen Jahre ist das Erzgebirge alt. Bereits vor rund 4.000 Jahren, in der Bronzezeit, wurde hier das Zinnmineral Kassiterit systematisch abgebaut. Nicht in Adern tief im Fels versteckt, sondern in den Seifen gebunden – jenen Ablagerungen, die Regen, Schmelzwasser und die Zeit selbst aus den höheren Lagen herabgespült hatten. Aus diesem Zinn würde Bronze entstehen, jene harte Legierung, aus der Äxte, Schwerter und Schmuckstücke geschaffen werden konnten. Auch schon zu historischen Zeiten blieb das Erzgebirge ein im Herbst wolkenverhangener und im Winter schneebedeckter Urwald, Drohung und Verheißung zugleich.
1168 entdeckte man in der Nähe der heutigen Stadt Freiberg dann erste Silbererzvorkommen. Im Zuge des ersten „Berggeschreys“ wurden entlang der Handelsroute nach Böhmen die ersten Städte gegründet. Im 13. Jahrhundert avancierte Freiberg zum Hauptsilberlieferanten Europas. Mit der Zeit erschöpften sich die Vorkommen, der Rückgang schien unaufhaltsam zu sein. Doch um1470 wurden auf dem Schneeberg bei der späteren gleichnamigen Stadt reiche Silbererzvorkommen entdeckt. Dieses neuerliche Berggeschrey löste eine zweite Welle an Städtegründungen aus, in Marienberg wurde die erste Renaissance-Planstadt nördlich der Alpen errichtet. Bergleute und Siedler strömten in die Region, bald war das Erzgebirge das am dichtesten besiedelte Mittelgebirge Europas.
Der Zwickauer Kaufmann Martin Römer, ursprünglich im Tuch- und Safranhandel tätig, wurde Berghauptmann auf dem Schneeberg und soll zeitweilig zum reichsten Mann Europas aufgestiegen sein. Die landesherrlichen Einnahmen – also der Zehnt – aus dem Bergbau stiegen enorm an. Das sicherte nicht weniger als das Überleben des Landes.

1488 beschrieb ein unbekannter Grubenbesitzer die Bedeutung des Bergbaus für Sachsen so: „Hette Meissen nicht das Bergwerck zu Freyberg gehabt, Meissen were längst Behemisch geworden.“ Und die Einnahmen aus dem erzgebirgischen Silberbergbau waren es dann auch, die eine der wichtigsten weltgeschichtlichen Wendungen überhaupt ermöglichten: Sie schufen Friedrich dem Weisen die finanzielle und wirtschaftliche Grundlage, die es ihm ermöglichte, Martin Luther trotz massiven Drucks von Papst und Kaiser als den Zentralmächten der damaligen Zeit zu schützen – ohne dass er selbst dadurch existentiell gefährdet wurde. Das hätte sich damals kaum ein zweiter Fürst in Europa erlauben können.
In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kam es dann zu einer Art drittem Berggeschrey. Die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut betrieb als regelrechter Staat im Staate den Uranbergbau in Schlema, Aue, Johanngeorgenstadt und Annaberg und machte damit das sowjetische Atomprogramm erst möglich. Was bei all diesen historischen Wendepunkten oft zu kurz kommt, das ist der Blick auf die Menschen im Erzgebirge. „Gezähe“ nennt der Bergmann seine Arbeitsgeräte und Werkzeuge. Über viele Jahrhunderte hinweg bildeten Schlägel und Eisen die Hauptbestandteile dieser Ausrüstung. Man macht sich kaum eine Vorstellung davon, wie beschwerlich das Leben für viele Erzgebirger noch zur vorletzten Jahrhundertwende ausfiel.

Ein damals noch junger Mann und Sänger, Anton Günther, machte sich zu dieser Zeit zunehmend einen Namen in der Region. Seine Liedpostkarten kursierten in den Städten und Dörfern des Gebirges, sie waren so etwas wie das TikTok des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie enthielten den Liedtext, die Noten und eine vom Künstler selbst in kräftigen Strichen gefertigte Zeichnung. Das war genau das, was der damals gerade entstehende Wandervogel als erste deutsche Jugendbewegung benötigte, wenn es die jungen Leute mit der Klampfe in der Hand in die Natur zog. Und die Texte des Volkssängers gingen ins Herz. Ganz unprätentiös wurde das beschwerliche, aber auch schöne und einfache Leben der Erzgebirger geschildert. Der Dreh- und Angelpunkt des Güntherschen Universums war ein kleines Bergstädtchen mit dem wunderschönen Namen Gottesgab.
Es war einmal die höchstgelegene Stadt Mitteleuropas, heute – nach Vertreibung der Deutschen – ist es kaum mehr ein Dorf mit weniger als 200 Einwohnern. Den Geist Günthers kann man dort immer noch spüren, wie Jochen Stappenbeck in seiner Reportage herausgearbeitet hat. Versäumen Sie bloß nicht, diese Region einmal zu besuchen. An kaum einem anderen Ort kann man so plastisch erfahren, zu welchen Leistungen unser häufig schlechtgeredetes Volk schon im Mittelalter in der Lage war. Und zu welchen Paukenschlägen es heute in der Lage ist, man denke bloß an den Wahlsieg von Stefan Hartung in der ersten Runde der Oberbürgermeisterwahlen von Aue. Wenn ganz Deutschland etwas mehr wie das Erzgebirge wird, dann gelingt uns die dringend benötigte Wende in letzter Stunde vielleicht doch noch.
■ Arne Schimmer
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