DDR-Oberliga, Erster Spieltag, Saison 1987/1988 - Lok-Mittelfeldspieler Heiko Scholz (Leipzig) vermag sich hier gegen Klaus Becher (Aue) durchzusetzen; im Hintergrund verfolgt Volker Schmidt (Aue) die Szene. - Durch einen sehenswerten Treffer von Liebers behielt der Pokalsieger 1. FC Leipzig gegen Wismut Aue mit 1:0 die Oberhand. Bild: Von Bundesarchiv, Bild 183-1987-0808-022 / Gahlbeck, Friedrich / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5664609

Erzgebirge Aue: Die Macht aus dem Schacht im Sachsenpokal-Finale

Ajax Amsterdam an der Zwickauer Mulde: Geschichte eines Kultvereins

In den vergangenen Jahren wurde auch die Fan-Szene von Erzgebirge Aue mit übelsten politischen Repressionen überzogen. Unser Sonderheft „Gesinnungsjustiz: Politische Prozesse in der BRD“ zeigt: Die Jagd auf Patrioten läuft auf Hochtouren. Alle Hintergründe zum laufenden Prozess gegen die sogenannten Sächsischen Separatisten sowie zu weiteren Skandalprozessen (Gruppe Freital, Reichsbürgerprozess, sog. Lauterbach-Entführer) und einen Artikel zur Repression gegen die Aue-Fans gibt es in unserem Sonderheft zur politischen Justiz gegen Patrioten. HIER bestellen!

Die Fußballfans im Freistaat fiebern dem morgigen Finale des Sächsischen Landespokals entgegen, die Medien raunen schon von einem „Hochrisikospiel“. Dort werden dann Erzgebirge Aue und der FSV Zwickau die Klingen kreuzen. Schon vier Mal konnte der Traditionsverein aus derm Erzgebirge den Sachsenpokal gewinnen und liegt in der Ewigen Rangliste damit gemeinsam mit Sachsen Leipzig auf dem zweiten Platz. Weit vorne liegt der Chemnitzer FC mit insgesamt zwölf Titelgewinnen im Sachsenpokal.

Der Verein aus der sächsischen Bergbaustadt steht einer einzigartigen Tradition, die auch der Grund dafür ist, warum so viele Erzgebirger ihren „Veilchen“ schon seit Jahrzehnten die Treue halten. Anders als viele andere Traditionsvereine war Aue auf der Fußball-Landkarte vor 1945 ein weißer Fleck. Im Sommer 1945 gründen Kriegsheimkehrer eine SG Aue, deren Entwicklung nun aber von ganz anderen Faktoren als den rein sportlichen Gesichtspunkten vorangetrieben wird. Unmittelbar nach Kriegsende kamen nämlich sowjetische Bergbauexperten nach Sachsen, um den dortigen Uranabbau zu erkunden, der im Erzgebirge schon im 18. Jahrhundert betrieben wurde – allerdings nur in einem kleinen Maßstab und um das gewonnene Uran als Nebenprodukt zur Farbherstellung zu nutzen.

1946: Uran-Berggeschrey im Erzgebirge

Den sowjetischen Fachleuten ging es freilich um etwas anderes, denn nach dem Einmarsch der Roten Armee in Mitteldeutschland befanden sich ausgerechnet im westlichen Erzgebirge die praktisch einzig ergiebigen Uranvorkommen im gesamten sowjetischen Machtbereich, die man dringend für den Bau einer Atombombe benötigte. Schon im Mai 1947 erteilte die Sowjetische Militäradministration den Befehl, mehrere sächsische Bergbauanlagen in sowjetisches Eigentum zu überführen, die von einer in Moskau angesiedelten Wismut AG aus verwaltet wurden. Der enorm hohe Arbeitskrafteinsatz, den der Uranbergbau fordert, wurde erst durch Zwangsverpflichtungen und später durch intensive Werbemaßnahmen gedeckt.

Panorama der Großen Kreisstadt Aue, hinterlegt mit den Sachsen-Farben Weiß-Grün. Bild: By Devilsanddust – Own work, CC BY-SA 3.0.

Die vormals geringe Einwohnerzahl kleiner Erzgebirgsstädtchen explodierte regelrecht, so wuchs beispielsweise Johanngeorgenstadt, das heute nur noch gut 3.500 Einwohner zählt, im Jahr 1953 auf etwa 45 000 Einwohner an. Im Jahr 1954 wurde die Wismut AG liquidiert und als Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG) neu gegründet, die bis 1991 Bestand hatte. Natürlich bekam das erzgebirgische Riesenkombinat auch seinen eigenen Betriebssportverein, in dem die besten Sportler aller Wismut-Gemeinschaften zusammengefasst wurden.

Ein Verein als Zankapfel der Politik

Diese Entwicklung ging auch an den Auer Fußballern nicht spurlos vorüber. So wurde die SG Aue 1949 erst in BSG Pneumatik Aue (BSG steht für Betriebssportgemeinschaft), und ein Jahr später dann in BSG Zentra Wismut Aue umbenannt. Bis 1951 steigt die Mannschaft viermal auf und einer bis heute im Erzgebirge legendären Mannschaft gelingt der Durchmarsch von der Kreisklasse bis in die Oberliga. Aber dann folgt eine Episode, wie sie wohl nur der DDR-Fußball mit seinem Drang zur Zentralisierung und zu politischen Entscheidungen und seiner Ignoranz gegenüber lokalen Prägungen schreiben konnte. 1954 sollte die Betriebssportgemeinschaft Wismut in die Bezirkshauptstadt Karl-Marx-Stadt, das alte Chemnitz, verlegt werden, natürlich inklusive der erfolgreichen Fußballer als sportlichem Aushängeschild. Diese wollen aber in Aue bleiben und drohen mit Streik, wie bald auch tausende von Bergbauarbeitern. Dieses Schreckensszenario, das die Uranlieferungen der DDR an die Sowjetunion unterbrechen könnte, zog Kreise bis in die DDR-Staatsspitze und wurde von Generalsekretär Walter Ulbricht zur Chefsache gemacht (so berichtet es zumindest die Auer Vereinschronik „Die Macht aus dem Schacht“).

Es kam zu einem typischen politischen Kuhhandel: Am 13. November 1954 wurde zwar der „SC Wismut Karl-Marx-Stadt“ ins Leben gerufen, die „Sektion Fußball“ blieb jedoch in Aue. Nun begann die Glanzzeit des Vereins, der 1956, 1957 und 1959 die DDR-Meisterschaft gewann und im Zuge der daraus resultierenden Qualifikationen für den „Europacup der Landesmeister“ so klangvolle Namen wie Ajax Amsterdam, IFK Göteborg oder Young Boys Bern im Lößnitztal empfangen konnte, wobei man 1959 immerhin bis ins Viertelfinale vorstoßen konnte. Ab 1963 durfte der Verein dann auch wieder unter dem Namen „BSG Wismut Aue“ antreten, und ab 1966 präsentierte man sich in den charakteristischen violetten Trikots, die den Auern den Spitznamen „Veilchen“ eintrugen. So wurde man zum Dauerbrenner des mitteldeutschen Fußballs und spielte 39 Jahre lang, von 1951 bis 1990, ununterbrochen in der DDR-Oberliga, länger als jede andere Mannschaft. Die ganz großen Erfolge wollten sich zwar nicht mehr einstellen, aber in den achtziger Jahren gelang eine kleine Renaissance, und Aue qualifizierte sich 1985 und 1987 sogar noch zweimal für den UEFA Cup (also die heutige Europa League).

Erfolgreich auch in der Bundesrepublik

Mit dem Ende der DDR-Oberliga, die in den Jahren 1990/91 ihre letzte Saison spielt, scheint für Aue eine besonders schwere Zukunft anzubrechen, da der Verein komplett auf den Wismut-Konzern ausgerichtet war, der ab 1991 ja praktisch nur noch damit beschäftigt war, die von ihm hinterlassenen Schäden wieder zu beseitigen. Aber ausgerechnet Aue gelingt die Umstellung auf die neuen Verhältnisse so gut wie kaum einem anderen DDR-Traditionsverein.

Das liegt wohl an der erzgebirgischen Bodenständigkeit, die den Verein davor bewahrt hat, sich mit schillernden Figuren als Manager oder Präsidenten einzulassen, die anderswo im mitteldeutschen Fußball verbrannte Erde hinterlassen haben. Seit 1992 tritt man unter dem Namen FC Erzgebirge Aue an, von 2003 bis 2008, von 2010 bis 2015 und von 2016 bis 2022 spielte man in der Zweiten Bundesliga. Besonders erwähnenswert ist die lange Ära von Trainer Gerd Schädlich, die von 1999 bis 2007 währte und in der dem Verein 2003 der erstmalige Aufstieg in die Zweite Bundesliga gelang.

In der laufenden Saison ist Aue zwar aus der Dritten Liga abgestiegen, der Gewinn des Sachsenpokals würde der Saison dann aber noch einen versöhnlichen Ausklang verleihen. Und wenn das Derby gegen den Erzrivalen FSV Zwickau ansteht, dann brennt im gesamten Erzgebirge ohnehin die Luft!

Arne Schimmer

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