Aus Kreml-Sicht fehlt den Ukrainern nur das richtige Puzzlestück in ihrem Selbstverständnis. Bild: KI-generiert.

Identitäre Spezialoperation in Moskau, Brüssel und Kiew

Ergänzendes zur Friedensinitiative von Sachsen-Anhalt

Nationale Identität ist den Chefplanern der Globalisierung ein Dorn im Auge. Die nationale Identität der Deutschen ist stark durch die Geschichte des Deutschen Reichs bestimmt. Dieses Heft mit dem Titel „Das Reich: Heilig.Deutsch.Stark“ führt dem Leser die innere Schönheit und Größe des deutschen Mittelalters vor Augen – von der Wiederbelebung der Reichsidee durch Karl den Großen bis zur Reformation Luthers und den Bauernkriegen, von der ottonischen Renaissance zu Johannes Gutenberg, dem „Mann des Jahrtausend“, vom Friedrich II., dem „Staunen der Welt“ bis zu Preußens Anfängen in der Mark Brandenburg. Das reich illustrierte Sonderheft ist in die drei Kapitel „Die Zeit vor Deutschland“, „Imperium germanicum“ und „Der Weg in die Neuzeit“ gegliedert und bietet einen faktengesättigten Überblick über die deutsche Geschichte im Zeitraum von etwa 800 bis 1525 und eine erschöpfende Darstellung der Entwicklung der Reichsidee und -geschichte in dieser Zeit. Bildgewaltig, beeindruckend, erhebend! HIER bestellen!

Am 14. Oktober nahm der neue Landtag von Sachsen-Anhalt den Antrag „Friedensgespräche statt Ausweitung des Krieges in der Ukraine“ an, der fünf Kernforderungen enthält:

1. Sofortiger Waffenstillstand und Aufnahme von Friedensverhandlungen mit Russland.

2. Sofortige Aufhebung der Wirtschaftssanktionen gegen Russland.

3. Einstellung der finanziellen Ukraine-Unterstützung, soweit sie über humanitäre Hilfe hinausgeht.

4. Aussetzung der Waffenlieferungen an die Ukraine.

5. Hinwirken auf einen neutralen Status der Ukraine im Rahmen einer langfristigen Friedensordnung.

Der 89-jährige Wolf Biermann durfte sich schon am Vorabend bei Sandra Maischberger darüber lustig machen, indem er ein Bemühen um „Frieden um jeden Preis“ unterstellte und die Antragsteller als „Erben der beiden deutschen Diktaturen“ bezeichnete. Sven Schulze (CDU) nannte den Antrag ein „Brautgeschenk an das BSW“. So dummdreist „das argwöhnische Kommentariat“ (Björn Höcke) ist, es macht deutlich, dass die Gräben zwischen dem Friedens- und dem Kriegslager unverändert tief sind.

Ein Aspekt, der zur Annäherung beitragen kann, ist die Aufklärung zu den gemeinsamen anti-identitären Langfriststrategien in Brüssel und Moskau: Zersetzung und Auflösung gewachsener Strukturen wie Familie, Volk und Nation ist Teil der Langzeitagenda, die wir unter „Agenda 2030“ oder „Great Reset“ beschreiben können. Die Verteidigung nationaler Identität wird in der westlichen Propaganda als das absolut Böse gebrandmarkt – außer es handelt sich um die Ukraine.

Seit fast fünf Jahren wird der Ukrainekrieg von beiden Machtblöcken immer gerade so in der Schwebe gehalten, so dass eine Fortführung unerlässlich scheint. Es ist also von Anfang an eine im Hintergrund orchestrierende Kriegsagenda anzunehmen. Die EU müsste den Kreml eigentlich dafür loben, die aus seiner Sicht schädliche ukrainische Ideologie mit einer für die heutige Welt kompatibleren ersetzen zu wollen. Zwei Meldungen aus russischen Medien illustrieren diese Richtung.

Im Sommer wurde bekannt, dass die Russische Staatsbibliothek in Moskau, im Volksmund „Leninka“ genannt, ein geschlossenes Magazin für „destruktive Literatur“ eingerichtet hat. Die Bezeichnung erinnert an den sowjetischen „Spezchran“, den Sonderbestand für Literatur, die dem gewöhnlichen Bürger vorenthalten wurde. Der neue Bestand umfasst rund 20.000 Bücher, die meisten sind auf Ukrainisch. Zugang haben Geheimdienstmitarbeiter sowie geprüfte Nationalismus-Forscher. Die Exemplare stammen zum großen Teil aus den „neuen“ Gebieten. Gewöhnlich werden je ein bis zwei Exemplare zur Aufbewahrung nach Moskau gebracht. Didaktisches Ziel ist laut Wadim Duda, Direktor der Leninka, „die Geschichte der Russophobie“ zu erforschen und zu dokumentieren. Einer Korrespondentin des „Kommersant“ wurde ein Besuch gestattet. Sie entdeckte unter anderem Boris Reitschusters „Putinokratie“ und Kinderbücher wie etwa das über zwei Prinzessinnen, die einander heiraten.

Der Begriff des „Ukrainismus“

Ende August kündigte die Russische Militärhistorische Gesellschaft ein neues Schulbuch zur ukrainischen Geschichte an. Es soll von der Einheit des altrussischen Volkes handeln und die Entstehung des „Ukrainismus“ klären. Zielgruppe seien Schüler in dem Gebiet, das sich „heute noch unter Kontrolle des Kiewer Regimes“ befinde. Eine genaue Begrenzung des Gebietes wurde nicht genannt. 

„Ukrainismus“ besitzt neben einer sprachwissenschaftlichen Bedeutung seit dem frühen 20. Jahrhundert auch eine politische Begriffsgeschichte als polemisches Wort. Wer in Russland heute noch neutral von „Ukrainern“ spricht, gerät schnell in den Verdacht der heimlichen Sympathie mit dem Feind. Im nationalen Lager populär ist deshalb der Ausdruck Украинствующие (ukrainstvujustschije) im Sinne von „die verbissen auf Ukrainer machen, alles ukrainisieren wollen“. Es klingt dabei das Verb für „militant“ (воинствующий) mit. 1939 machte der russische Emigrant Wassili Schulgin den Begriff mit seiner Broschüre „Украинствующие и мы“ populär. Die Illusion, eine eigenständige Nation mit einer eigenen Sprache zu sein, ist aus dieser Sicht erst richtig durch die vom Kiewer Regime und dessen westlichen Drahtziehern befeuerte Gegenwehr gegen die brüderlichen Wiedervereinigungsanstrengungen aus dem Kreml losgetreten worden; was wiederum als Beleg für den NATO-Stellvertreterkrieg angesehen wird. Eine Entsprechung auf der ukrainischen Seite ist „Рашизм“ (Raschismus). Im Mai 2023 erhob das Parlament in Kiew diesen Begriff offiziell zur Bezeichnung der russischen Staatsideologie. Der Kiewer Blick auf die russische Identität geht ebenso von einer fatalen Fehlprogrammierung aus. Im Unterschied zu Moskau hat man keine Umerziehungsansprüche, man möchte einfach nur die Beziehung kappen und Teil des Westens werden.

Historische Parallelen identitätsverändernder Strategie

Da hätten wir etwa die Wiedereingliederung des „Reichslands Elsaß-Lothringen“ ab 1871 ins Deutsche Reich nach ungefähr zwei Jahrhunderten unter französischer Herrschaft. Über Schule, Presse und Behördenwesen wurde konsequent germanisiert. Der Unterschied zur Ukraine: Es betraf zum großen Teil ethnisch Deutsche, die zwischen zwei Staaten geraten waren, ohne vorher einen eigenen elsässischen Staat gehabt zu haben. Außerdem nahmen etwa 50.000 Elsässer die Option wahr, französische Untertanen zu bleiben und nach Frankreich zu ziehen. Mit Metz wurde allerdings eine überwiegend französische Stadt einverleibt, deren Germanisierung mehr Zeit benötigt hätte als die wenigen Jahrzehnte bis 1918.

Einen eigenen Staat mit eigener Sprache hatten die Polen vor den polnischen Teilungen. Russifizierung und Germanisierung mochten zwar in vielen Fällen tatsächlich aus Polen neue Russen oder Deutsche gemacht haben, bestärkten insgesamt aber erst recht die eigene nationale Identität.

Ein drittes Beispiel: In Korea unter japanischer Herrschaft von 1910 bis 1945 wurde Japanisch zur Nationalsprache des kolonialen Bildungssystems. Langfristziel der Japaner war, aus den Koreanern loyale Untertanen des japanischen Kaiserreichs zu machen. Dazu gehörten japanische Sprache, japanische Gebräuche und japanische Namen. Aber die brutale Ausbeutung Koreas als Kolonie verhinderte eine Verschmelzung der Identität mit den Besatzern.

Die russische Methode ist eine andere: Der Kreml beteuert, überhaupt keine egoistischen, ausbeuterischen Absichten zu haben. Im Gegenteil, seine Spezialoperation ist vom Geist einer therapeutischen Mission beseelt, den Ukrainern ihre wahre Identität zurückzugeben. 

Was bedeutet das für den Ukrainekrieg? Im gemeinsamen Kampf gegen das Natürliche und Identitäre und für die große digitale Transformation sind die derzeitigen Entscheider im Westen und in Russland in Wirklichkeit Verbündete. Die Gleichschaltung der Machtblöcke in der Coronazeit darf nicht vergessen werden. Die Fortführung und Ausweitung des Krieges liegt im Interesse der verfeindeten Machtblöcke, um die Erschöpfung der Ressourcen zu erzielen und die alte Ordnung zu zerstören. In George Orwells „1984“ heißt es über den Zweck des dauerhaften Krieges: „The object of the war is not to make or prevent conquests of territory, but to keep the structure of society intact.” Mit „Gesellschaftsstruktur“ meint Orwell freilich nicht Familie, Volk oder Tradition, sondern die Machtstruktur. Und dieser Satz lässt offen, welche Art von Menschen oder Wesen die künftige Gesellschaft bewohnen sollen. Die Umstellung der sich de-industrialisierenden Staaten auf die Kriegswirtschaft soll noch einmal einen Stabilitätsschub geben. Sowohl der russische Anspruch auf die Deutungshoheit über die Identität der Ukrainer als auch die westliche Unterstützung der Ukraine ohne definiertes politisches und finanzielles Endziel machen den dauerhaften Krieg am wahrscheinlichsten.

■ Jochen Stappenbeck

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