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Den ersten Teil dieses Textes können Sie hier lesen.
Heute hat sich diese anti-meritokratische Haltung nochmals verstärkt. Leistung und Wettbewerb gelten im woken Deutschland des Jahres 2026 fast schon als semifaschistisch. Die Abschaffung von Schulnoten wird derzeit so heiß diskutiert wie selten zuvor. Goethe soll an Berliner Schulen künftig nur noch in einfacher Sprache gelesen werden. Alles soll am besten auf Teletubbie-Niveau heruntergedimmt werden, während Neurobiologen warnen, dass den jungen Menschen elementare Fähigkeiten abhanden kommen, wenn sie nirgendwo mehr gefordert werden. Siegertypen produziert eine solche Gesellschaft nicht mehr.
Natürlich kann man einwenden, dass angesichts von insgesamt acht Goldmedaillen bei den zurückliegenden Winterspielen die Gesamtbilanz doch noch ganz gut ist. Ein Blick in die einzelnen Disziplinen zeigt aber, welche Probleme es gibt:
- In der einstigen deutschen Paradedisziplin Biathlon, geprägt durch Ausnahmeläufer wie Michael Greis, Magdalena Neuner oder der im vergangenen Jahr im Karakorum-Gebirge unter tragischen Umständen ums Leben gekommenen Laura Dahlmeier, wurde diesmal das schlechteste Abschneiden seit der Wiedervereinigung verzeichnet. Es gab nur eine Bronzemedaille für die Mixed-Staffel.

- In den drei Wettbewerben der Nordischen Kombination, wo Deutschland seit Sotschi 2014 immer mindestens eine Goldmedaille geholt hatte, gab es diesmal keine einzige Medaille. Der Erzgebirger Eric Frenzel aus Annaberg-Buchholz hatte in dieser Disziplin 2014 und 2018 noch die Goldmedaille gewinnen können.
Totaler Absturz im Eisschnelllauf
- Noch niederschmetternder fällt die Bilanz im Eisschnelllauf aus. In den ersten zwei Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung lieferten sich Deutschland und die Niederlande bei Olympischen Winterpielen in dieser Disziplin regelrechte Länderkämpfe, wobei DDR-sozialisierte Athleten wie Gunda Niemann-Stirnemann und Claudia Pechstein stapelweise Medaillen abräumten. Seit den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi hat Deutschland in dieser Disziplin keine einzige Medaille mehr gewonnen.
Der Grund dafür liegt vor allem in zwei völlig unterschiedlichen Sportkulturen. In den Niederlanden zählt das Eislaufen zum nationalen Erbe. Schon die niederländische Nationalheilige Lidwina von Schiedam, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts lebte, war eine Schlittschuhläuferin. Bereits um 1800 gab es organisierte Kurzstreckenrennen mit Tausenden Zuschauern und hohen Preisgeldern. Der wichtigste emotionale und kulturelle Anker der Sportart ist die Elfstedentocht („Tour der elf Städte“) in Friesland: Ein zirka 200 Kilometer langes Natureis-Rennen über Kanäle und Seen, das die elf historischen friesischen Städte verbindet.

1967 wurde mit dem Thialf-Stadion (benannt nach Thialf, einem Diener des Gottes Thor in der nordischen Mythologie) in Heerenveen ein einzigartiges nationales Zentrum für diese Sportart geschaffen. Lange Zeit galten Heerenveen und Berlin-Hohenschönhausen als die beiden wichtigsten Zentren dieser Sportart,doch mittlerweile hat die niederländische Stadt dem Sportforum Hohenschönhausen klar den Rang abgelaufen. In Deutschland war Eisschnelllauf kulturell eben nie so tief verankert wie in den Niederlanden, deshalb brach hierzulande die Erfolgsära mit dem Rücktritt der letzten, noch zu DDR-Zeiten geformten Spitzenathleten ab.
Niederlande überrunden Deutschland
Bei den Wettkämpfen in Mailand und Cortina haben sich die Niederlande nun erstmals in der Geschichte der Winterspiele im Medaillenspiegel vor Deutschland platziert – ein kleines Land wohlgemerkt, das über kein einziges eigenes Wintersportgebiet verfügt und in etwa so viele Einwohner hat wie das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen. Auch das ist mehr als nur eine Fußnote, sondern ein Indikator dafür, dass sich Leistungspotentiale gerade dramatisch verschieben. Deutschland als weltweit bewunderte Nation der Perfektionisten – das war einmal.
Der Sportwissenschaftler Ingo Froböse stellte schon mit Blick auf das schwache Abschneiden deutscher Sportler bei Olympia 2024 eine Verbindung zur Entwertung des Abiturs her und äußerte:
„Wenn fast 40 Prozent beim Abschluss eine eins haben, dann passt doch in der Leistungsbewertung irgendetwas ganz grundsätzlich nicht. Leistung ist nicht mehr das was Leistung einmal war. … Wir brauchen letztendlich Wettkämpfe, wir brauchen Leistungsmessung, insbesondere im Kindes und Jugendalter, und das wollen wir offensichtlich nicht mehr.“
Vielleicht wird sich dieser Gedanke angesichts der deutschen Dauerkrise ja auch hierzulande mal wieder durchsetzen.
■ Arne Schimmer
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