In innerdeutschen Bildungsvergleichen liegt Sachsen eigentlich immer vorne. Warum das so ist und warum Sachsen es auch alleine kann, erfahrt ihr in unserem Sonderheft „Fünf Jahre Freie Sachsen: Die Erfolgsgeschichte einer Bürgerbewegung“. Wir blicken zurück – und voraus: Revolution in Weiß-Grün/Die Köpfe und Kämpfer der Bewegung/Unsere Erfolge in den Kommunen/Montagsproteste, Bürgerzentren, Arche Sachsen/Und warum Sachsen es auch allein kann! Viele exklusive Fotos, Interviews und Einblicke in fünf Jahre unbeugsamen Einsatz. HIER bestellen!
Die alten Römer hatten die allgemeine Relativitätstheorie bereits vorweggenommen: Schauten sie von einem Tal auf einen hohen Berg, sagten sie „mons altus“, blickten sie von diesem Berg herab ins tiefe Tal, sagten sie „vallis altus“. Es ist der Kontrast, der zählt. Die einen schätzten bei dieser Kontrastbetrachtung den Aufstieg (ascensus), die anderen den Abstieg (descensus). In der Übertragung auf die Bewertung geistiger Leistungen hat sich der Aufstieg als die bevorzugte Richtung durchgesetzt – weltweit. Weltweit? Nein, ein kleines Land in der Nordhalbkugel leistet dem Einheitsdiktat bis heute Widerstand. Preußen führte um 1850 die absteigende Notengebung ein, später auch das Habsburgerreich. Heute sind es neben Deutschland und Österreich noch Tschechien und die Slowakei, die den Abstieg auf die Eins als Ausdruck höchster Exzellenz würdigen. Alle anderen Zahlensysteme verfahren umgekehrt, sogar das der Schweiz! Die ersten Einstein-Biographien fielen auf seine Sechser für Physik und Mathe im Aargauer Maturazeugnis herein, die heute gerne als Trost für subgeniale Schüler herhalten müssen (Obwohl sich in Bezug auf Einstein eher seine von Kritikern herangezogene Scharlatanerie tröstend verwenden lassen könnte).
Wie könnte dieser Sonderweg gedeutet werden? Ist es der preußisch-deutsche Geist der Askese und Analyse, der vom Großen auf das Kleine kommt und den Einzelnen als besonders wertvoll erkennt? Die Eins steht auch für den Einen, für Gott. Ist es das Ideal der 1:1-Entsprechung von Wissen und Welt?
Katholische Gegenreformation in Sachsen
Und warum ist die Sechs die schlechteste Note? Aus Sexfeindlichkeit? Hatte man etwas gegen Hexagramme? O Schreck: Die Sechs wurde erst 1938 eingeführt und – wie so vieles Gesetzgeberische aus diesen Jahren – auch nach 1945 im Westteil beibehalten! Wozu brauchte man eine noch schlechtere Benotung als „schlecht“? Sollte der Nachwuchs zu teutonischer Qualität gequält werden?
Schauen wir uns der Reihe nach ein wenig in der Geschichte und in der Welt um:
Bewertungen sind so alt wie Wissensübertragung von Älteren auf Jüngere, die neben ihrem angeborenen Lerntrieb noch etwas mehr Anreize benötigen. Das Zahlensystem ist eine relativ späte Marotte der Lehranstalten. Das erste nachweisbare Zensursystem in deutschen Landen wurde in der sächsischen Schulordnung von 1530 verewigt: Unter Herzog Georg dem Bärtigen wurde in der „Ordnung wie es mit den Schulen im Lande gehalten werden soll“ festgelegt, dass Schüler zweimal jährlich (zu Ostern und Michaeli) vor Pfarrer, Bürgermeister und Schultheiß öffentlich geprüft werden mussten. Gute Leistungen wurden mit Semmeln oder Äpfeln belohnt, schwache Leistungen zogen öffentlichen Tadel nach sich. Das war Teil der katholischen Gegenreformation in Sachsen.
Der 1534 gegründete Jesuitenorden baute die Bildung systematisch als Machtinstrument aus. In ihren Klosterschulen führten die Soldaten Jesu das erste dokumentierte Bewertungssystem ein: eine fünfstufige Skala mit lateinischen Bezeichnungen (optime, bene, mediocriter, parum, pejus). Erstmals mussten Schüler formale Prüfungen bestehen, um in die nächste Klasse aufzusteigen. 1599 kodifizierten die Jesuiten ihr Bildungssystem in der „Ratio Studiorum“, dem ersten standardisierten Curriculum der westlichen Welt. Das Grundprinzip: Wer die Prüfung nicht besteht, steigt nicht auf. Dieses Klassensystem – so selbstverständlich es uns heute erscheint – war revolutionär. Die protestantischen Gebiete zogen nach, und so bürgerte sich das Schulsystem ein.
Es waren die Preußen, die es im 19. Jahrhundert per Standardisierung und Schulpflicht (1763/1810) „industrialisierten“. Preußen schuf das erste moderne, skalierbare Zensursystem. Als erstes etablierte man 1850 ein dreistufiges Bewertungssystem in den Gymnasien. Doch die drei Zahlen (1,2,3) waren zu grobmaschig – zu viele Schüler blieben in der Mitte hängen. Also erweiterte man auf vier, dann auf fünf Stufen. Das Problem blieb: Bei einer ungeraden Zahl tendieren Lehrer zur Mitte. Die Note 3 wurde zu einer Bewertung, die eigentlich nichts aussagte.
Die Lösung kam 1938 unter dem NS-Regime: Reichserziehungsminister Bernhard Rust ordnete die Umstellung auf ein sechsstufiges Notensystem an. Die Logik: Eine gerade Anzahl von Noten zwingt den Lehrer, sich zu entscheiden – entweder für die obere oder die für untere Hälfte. Es war also eher ein Druckmittel für den Lehrer, das bequeme Mittelfeld zu verlassen.
Chinas 100-Punkte-System
Nach 1945 kehrten Österreich und später die DDR zum fünfstufigen System zurück. Man war ja nicht mehr „nazi“. Mit der Wiedervereinigung 1990 eroberte die Sechserskala das gesamte Bundesgebiet.
Die Diskussion um Sinn und Unsinn der „Notenlotterie“ soll hier ausgespart werden. Nur ein Hinweis auf die Ergebnisse aus den 1960er Jahren: Der Bildungsforscher Karl-Heinz Ingenkamp legte einen Deutschaufsatz 92 verschiedenen Lehrkräften vor. Nur 40% vergaben dieselbe Note. Die restlichen 60% kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen – teilweise mit einer Streuung von drei Notenstufen. Dieses Experiment wurde vielfach wiederholt, mit ähnlichen Ergebnissen.
Der Blick in die Welt zeigt, dass sie tatsächlich sehr bunt ist: In der nach oben offenen Skala greift sich jedes einzelne Bildungssystem willkürlich einen Punkt heraus, meist sind es die 5, 10 oder 100, und fächert dann den Abstieg je nach pädagogischer Raffinesse ab.

In Italien zum Beispiel ist man recht hart: Die 10 wird äußert selten vergeben und unter der 6 ist man schon durchgefallen.
China verwendet das 100-Punkte-System als Standard für Schul- und Universitätsnoten. Es stammt aus der kaiserlichen Prüfungstradition des 7. Jahrhunderts und hilft heute bei der exakten Differenzierung von Millionen Schülern. Das System spiegelt Chinas meritokratische Tradition wider: Leistung wird als absolute Messgröße, nicht als relative Rangfolge gesehen. Ursprünglich wurden Beamtenkandidaten mit objektiven Punktzahlen für die Kenntnisse der konfuzianischen Texte bewertet. In der aufsteigenden Notengebung zeigt sich auch die fernöstliche Hochachtung des Alters.
Im angelsächsischen Bereich und etwa in Japan und Korea haben sich die Buchstaben A-F durchgesetzt. In England sind sie seit 1792 dokumentiert. Buchstaben unterstreichen die hierarchische Differenzierung. Die Alpha-Tiere sind zum Führen auserkoren. Von der „Schönen Neuen Welt“ kennen wir die inferioren Klassen der „Deltas“ und „Epsilons“. Das britische System verwendet Klassifikationen wie First (1st), Upper Second (2:1), Lower Second (2:2) und Third (3rd). An Schulen werden oft Buchstabennoten von A bis U verwendet.
In Russland wurde die schlechteste Note, die 1, 1992 abgeschafft, weil sie als zu demütigend galt und auch in den Jahren seit 1935 selten vergeben wurde. Man kann sie aber noch aus dem Munde des Lehrers hören in der Bedeutung von „abgrundtief schlecht“. Die schlechtesten Schüler heißen „Dwojeschniki“. Die Höchstnote 5 wird meist „Pjatjorka“ genannt. Eine Supermarktkette heißt „Pjatjorotschka“ – in der Verheißung eines optimalen Preis-Leistungsverhältnisses.
In Dänemark ist die 12 das Non plus Ultra, während für unterirdische Leistungen die -3, also minus Drei, vorgesehen ist. Eigentlich auch eine gute Idee, zumal die Skala nach unten offen ist. Hätten die Fische ein Notensystem, wäre die beste Note -100 und die schlechteste die Null.
Jochen Stappenbeck
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