Symbolbild griechischer Sprachenstreit. Bild GROK.

Homers Rache: Griechenlands irrer Sprachenstreit

Grammatik ist Revolution

Griechenland musste sich im 19. und 20. Jahrhundert zwischen Ost und West entscheiden und weigerte sich, die eigene Identität aufzugeben. In unserem brandaktuellen Heft „Ami go Home“ machen wir deutlich, dass sich auch Deutschland nicht für eine einseitige Westbindung entscheiden und auf keinen Fall von Washington in den Dritten Weltkrieg hineinziehen lassen darf. Außerdem Interviews mit Christian Fischer von der „AG Willkommen“ der FREIEN SACHSEN sowie mit Anselm Lenz und Hendrik Sodenkamp, den Herausgebern der Wochenzeitung „Demokratischer Widerstand“. HIER bestellen!

In Deutschland entwickelte sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert das Hochdeutsche als überregionale Schrift- und Bildungssprache, während die Dialekte im Alltag lebendig blieben (vgl. die schwäbische Werbung „Wir können alles… bis auf Hochdeutsch.“ Neue Variante: „…bis auf wählen“.). Bis etwa 1800 war Standarddeutsch sogar überwiegend schriftlich; im 19. Jahrhundert wurde es dann durch Schule, Grammatiknormen und später Massenmedien zur überwiegenden muttersprachlichen Rede. Dieses Phänomen wird Diglossie genannt bzw. standardsprachlich-dialektales Gefälle. Es ist in vielen Ländern verbreitet, aber nicht überall gleich stark ausgeprägt. In den slawischen Sprachen zum Beispiel ist es vernachlässigbar.

Ein kleiner Ausflug über den Tellerrand: In Griechenland war dieses Gefälle im 19. und 20. Jahrhundert besonders scharf und politisch aufgeladen, denn die Hochsprache wurde sozusagen über Nacht künstlich geschaffen. Das brachte eine starke soziale Selektion mit sich: Verwaltung, Bildung und öffentliche Aufstiegswege waren an die Hochsprache gebunden, wodurch große Teile der Bevölkerung vom formellen Sprachgebrauch ausgeschlossen wurden. Aber der Reihe nach:

Wozu einfach, wenn es auch kompliziert geht? Das scheint schon immer das heimliche Motto der griechischen Kultur zu sein. Anders als die Angehörigen der romanischen Sprachfamilie, deren Weiterentwicklungen des Lateinischen in den diversen Teilen des ehemaligen Imperium Romanum zu anerkannten Regional- oder Nationalsprachen wurden, wollten die Griechen sich nach dem Abschütteln des 400-jährigen osmanischen Jochs von 1821 bis 1830 eine ganz neue Sprachform des Griechischen geben. Statt also einfach die mündlich überlieferte, volkstümliche Redeweise zum Beispiel der Athener zur Nationalsprache zu küren, sollte die Gunst des heroischen Augenblicks genutzt werden, um an die alte Größe der Vorfahren anzuknüpfen und dauerhaft das „Barbarentum“ fern zu halten.

Fast wie die Zionisten

So wie Plato und Perikles, wie Aristophanes und Euripides wollte und sollte man wieder reden und schreiben – und zwar als ganzes Volk. Das würde allerdings eine gewaltige Umerziehung bedeuten und eine psychologisch äußert prekäre Abwertung der natürlich entwickelten Rede. Vergleichbar mit der sozialistischen Utopie, einen neuen Menschen zu schaffen, lief diese Idee auf die Schaffung neuer Muttersprachler hinaus, die noch dazu eine kompliziertere Sprache sprechen sollten als vorher.

Ganz so abwegig, wie es im Rückblick scheint, war dieses Vorhaben nicht: Sehr erfolgreich mit einem vergleichbaren Konzept sollten später die Zionisten sein, deren Wiederbelebung des Bibelhebräischen eine sehr große Nähe zur tradierten Sprache ihrer Vorfahren erreichte. Der psychologische Vorteil war jedoch die fehlende Konkurrenz durch eine allen Hebräern verständliche, natürlich gewachsene Sprache. Das Jiddische ist bekanntlich mehr Deutsch als Hebräisch. Wenn man das erhabene und grammatisch hochkomplexe Altgriechische mit dem Neugriechischen vergleicht, wird man zwar mit den Eliten des frisch befreiten Hellenenvolks mitfühlen können, aber auch mit dem Volk, das sich der Gefahr ausgesetzt sah, die normale, spontane Verständigung zu verlieren und dadurch tiefe psychologische Traumata zu erleiden.

Hochsprachliche Elemente auf dem Etikett einer Ouzoflasche: 1. Adjektiv κλασσικόν: mit Endung -ν 2. Polytonische Schreibweise: Οὖζο 3. Wortschatz: οίκος 4. Partizip Aorist Passiv: ιδρυθείς 5. Dativ (vor) der Jahreszahl 1896. Bild: Rokwe – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0.

Über 160 Jahre beherrschte diese Sprachfrage die Innenpolitik. Die Parteien hießen Attizisten auf der einen und Demotizisten auf der anderen Seite. Die Attizisten wollten die Rückkehr zum klassischen Attisch und nannten ihre Kunstsprache Katharevusa (Καθαρεύουσα, die Reine). Die Kräfte dahinter: Kirche, Bürokratie, Nationalkonservative. Die Demotizisten wollten die Volkssprache (Δημοτική, die Völkische/Volkstümliche) zur alleinigen Verkehrssprache machen. Anhänger waren: Dichter, Lehrer, Linke, Bauern. Ihr Kernargument: Lebensnähe, demokratische Basis. Auf der Seite der Volkssprachler waren auch die sogenannten „Kleftes“, was wörtlich Diebe bedeutet. Das waren Räuberbanden, die entscheidenden Anteil an den militärischen Erfolgen des Befreiungskampfes hatten. Die Ottomanen hatten den Griechen vierhundert Jahre lang den Besitz von Waffen untersagt. Ihre Anführer wurden vom Volk verehrt und von der aufgeklärten Elite gehasst.

Revolutionäre oder Bolschewisten?

Die enorme Spannung zwischen beiden Lagern lässt sich erahnen, wenn man sich vorstellt, nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon würden die deutschen Eliten sich angeschickt haben, aus der glorreichen Sprache der germanischen Vorfahren von 500 v. Chr. eine Amtssprache zu modellieren, das Volk und vorneweg die Dichter aber dagegen Sturm gelaufen wären. Goethe hätte statt seines Geheimratstitels mit einem geheimen Verlies vorlieb nehmen müssen. Auf das griechische Selbstbewusstsein drückte nicht nur die Last der genialen antiken Vorväter – vergleichbar mit der Belastung von Kindern genialer und berühmter Eltern –, sondern auch noch des Oströmischen / Byzantinischen Reichs mit seinem unfassbar zähen Überdauern von über 1.000 Jahren – von der endgültigen Reichsteilung 395 n. Chr. bis zum Fall Konstantinopels am 29. Mai 1453. Das in dieser Zeit genutzte Griechisch wird heute Mittelgriechisch genannt. Die Aussprache war schon fast wie im Neugriechischen, aber in der Struktur war noch der alte Geist konserviert.

Die Attizisten hatten den besten Start: Von 1830 bis 1870 war die Katharevousa einzige Staats- und Bildungssprache. Verfassung, Gesetze, Zeitungen und die Universität Athen kommunizierten ausschließlich auf diese archaische Weise. Bei den Dichterwettbewerben 1851–1870 war nur Katharevousa erlaubt. Dimotiki-Lyriker wurden ausgeschlossen. Kirche, Armee und Bürokratie waren vollständig attizistisch. Dann allerdings formierte sich die Dichter-„Generation 1880“ und ließ die Stimmung in Richtung Dimotiki kippen. Die Öffentlichkeit schätzte ihre revolutionäre Lyrik. Bürgerkriegsähnliche Zustände entbrannten um 1900. Der Autor der Seite www.hellenica.de schreibt: „Vertreter der Katharevousa beschimpften Demotizisten als „μαλλιαροί“ (Langhaarige), „ἀγελαῖοι“ (Herdentiere) und „χυδαϊσταί“ (Vulgärsprachler), während die Anhänger der Volkssprache ihre Widersacher als „γλωσσαμύντορες“ (Sprachverteidiger), „σκοταδιστές“ (in geistiger Finsternis Lebende), „ἀρχαιόπληκτοι“ (Altertümler), „μακαρονισταί“ (= Nachahmer eines übertrieben antikisierenden Sprachstils) oder „συντηρητικοί“ (Reaktionäre, Konservative) bezeichneten.

Auch beschuldigten die hochsprachlichen Puristen die Demotizisten des Bolschewismus und einer panslawistischen Gesinnung.“ Schon diese phantasievollen und fast schon niedlichen „Beschimpfungen“ zeugen vom Stellenwert der Sprache bei den Griechen. 1901 starben acht Menschen in Straßenschlachten über Dimotiki-Übersetzungen der Evangelien und von Demosthenes. Wenn man schon die Gnade erfuhr, das jesuanische Wort Gottes in seiner Sprache empfangen haben, dann war es Blasphemie, es in die Sprache des Pöbels zu übersetzen, so die attizistische Logik. Goethes „Faust“ heißt heute schließlich auch nicht „Pattschhändchen“.

 Die Katharevousa hielt sich an der Macht. Der Höhepunkt der Kämpfe war der „Orestie-Aufstand“ von 1903, als Aischylos’ „Orestie“ in Dimotiki übersetzt und aufgeführt wurde. König Georg I. intervenierte, die Regierung stürzte. 1911, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, erlaubte Premier Venizelos, Dimotiki-Schulbücher zu drucken und die ersten drei Schuljahre in der Volkssprache abzuhalten. Dann nahmen ausnahmsweise die außenpolitischen Aufgaben die Überhand beim Versuch, sich aus dem Weltkrieg herauszuhalten. Danach wurde man übermütig, und versuchte 1922, Kleinasien wieder unter griechische Kontrolle zu bringen: Die Folge war eine schwere Niederlage gegen die Türkei und Massenvertreibungen, wodurch 1,5 Millionen überwiegend Dimotiki sprechende Flüchtlinge ins Mutterland kamen.

„Das Reine“ und die Militärdiktatur

Das führte letztlich zum Umschlag. Ansonsten wäre Griechenland sprachlich heute ähnlich zweigeteilt wie die arabische Welt, die die klassische Hochsprache und die Dialekte strikt voneinander trennt. Allerdings mit dem Unterschied, dass die griechische Welt eben nur ein Land ist, das derzeit von elf Millionen Menschen besiedelt wird, und ein paar Millionen in der Diaspora und ein halbes Zypern. Ein letzter Versuch, „die Reine“ durchzusetzen, ging von der Militärdiktatur von 1967 bis 1974 aus. Selbst als danach die Volkssprache praktischerweise als Sprache der Demokratie angepriesen werden konnte, dauerte es noch ein paar Jahre, bis 1976 die Regierung Dimotiki zur alleinigen Amtssprache machte – bezeichnenderweise wurde das Gesetz aber noch in der Hochsprache verfasst. 1982 wurde zuletzt die polytonische Rechtschreibung abgeschafft und das monotonische System, das nur noch einen Akzent kennt, als verbindlich festgelegt.

Ein Nachteil für die „Reine“ war neben der gehobenen, alltagsfernen Lexik und der komplizierten Grammatik, dass sie nach den natürlich evolvierten Ausspracheregeln ausgesprochen wurde, was die Verständigung selbst für Griechen untereinander erschwerte. So gibt es für den Laut „i“ sechs verschiedene Schreibweisen, die im antiken Hellas verschieden ausgesprochen wurden. (So im Wort Dimotiki, dass in attischer Aussprache „Dämotikä“ klingt.)

Letztlich hat die siegreiche Dimotiki viel vom Sprachstreit profitiert, indem sie lexikalisch, phonetisch und grammatikalisch angereichert wurde und so heute über eine riesige Ausdrucksspanne verfügt. Die Attizisten hätten im Vergleich zu den Nachfolgesprachen des Lateinischen oder Germanischen in der Volkssprache die immer noch erstaunlich große Kontinuität durch die Jahrtausende hindurch erkennen und würdigen können.

Aufgrund der Sprachenfrage war in Griechenland der Unterschied zwischen „links“ und „rechts“ stark geprägt vom Gegensatz „volkstümlich / völkisch“ und „elitär“. Erst die globalistische Ideologie des Anti-Patriotismus machte den Linken den Schutz des Eigenen suspekt. Aber das ist ein anderes Thema.  

Angesichts der globalen Nivellierung des geistigen Standards der Völker wäre ein Erfolg der „Reinen“ wünschenswert gewesen. In Straßeninterviews, etwa auf dem Kanal „Easy Greek“, zeigt sich, dass die antiken Texte kaum mehr verstanden werden, obwohl die Schüler einige Jahre mit dem Altgriechischen gequält werden. Über die Jahrhunderte gab es viele Bedeutungsveränderungen in der Lexik. So drückt man „quälen“ heute mit dem Verb aus, was die Alten „erziehen“ nannten, „paideuo“. „We don’t need no education…“

Für Interessierte: Auf http://www.hellenica.de/Griechenland/Info/GriechischeSprachfrage.html gibt es ein Beispiel zur Veranschaulichung der Diglossie, die allerdings weniger die grammatikalische als die barocke Umständlichkeit des Ausdrucks hervorhebt

Jochen Stappenbeck

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