Messi-Graffiti in Barcelona, wo der argentinische Wunderspieler seine fußballerisch besten Jahre verbrachte. Bild: Aniol - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0.

Vom Schlachtfeld zum Spielfeld: Messis Sieg und seine Falkland-Assoziation

44 Jahre später: Der lange Schatten der Malvinen bei der WM 2026

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Was für ein  Halbfinale gestern in Atlanta bei der Fußball-WM in den USA! Argentinien gewann dramatisch mit 2:1 gegen England und zog ins Finale ein. England ging in der 55. Minute durch Anthony Gordon (FC Barcelona) in Führung. Die Argentinier konnten das Spiel einmal mehr in den letzten Minuten drehen – wie schon im Sechzehntelfinale gegen Kap Verde, im Achtelfinale gegen Ägypten und im Viertelfinale gegen die Schweiz. Enzo Fernández (FC Chelsea) glich in der 85. Minute mit einem Distanzschuss aus. In der 92. Minute köpfte Lautaro Martínez (Inter Mailand) den Siegtreffer.

Die Vorlagen zu beiden Toren gab Lionel Messi (Inter Miami), für dessen Leistungen und Rekorde so langsam die Superlative ausgehen. Alleine schon der Blick auf seine WM-Statistiken zeigt, dass er eine ganz eigene Kategorie für sich selbst darstellt. Er ist mit 33 Einsätzen WM-Rekordspieler und mit 21 Toren WM-Rekordtorschütze. Nach dem Triumph von Atlanta erinnerte sich Messi dann allerdings laut „Buenos Aires Times“ an einen verlorenen Krieg seines Landes. Er bezeichnete den Sieg im Halbfinale als „etwas ganz Besonderes, vor allem angesichts der historischen Hintergründe im Spiel gegen England“. Er spielte damit auf den britisch-argentinischen Falklandkrieg des Jahres 1982 an. Die argentinischen Spieler entfalteten nach dem Spiel außerdem ein kleines Transparent mit der Aufschrift „Die Falklandinseln gehören zu Argentinien“ auf dem Spielfeld.

Reagan im Zwiespalt

Der Hintergrund: Am 19. März 1982 spielte sich ein seltsames Schauspiel auf der unbewohnten Insel Süd-Georgien, die in der Nähe der Antarktis liegt, ab. Als Schrotthändler verkleidete argentinische Soldaten hissten zum Erstaunen der dortigen Pinguin-Kolonie eine Fahne ihres Landes. Am 2. April 1982 landeten argentinische Soldaten dann auch an einem Strand der Insel Ostfalkland an. Wenig später ernannte sich der argentinische Brigadegeneral Mario Menéndez zum Militärgouverneur des gesamten Archipels, wofür er die nachträgliche Zustimmung seiner Regierung bekam.

Die Annexion des britischen Überseegebiets durch die „Gauchos“ löste im von der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher regierten Vereinigten Königreich helle Empörung aus. Bald schon brach von der britischen Hafenstadt Portsmouth aus eine Armada von 36 Kriegsschiffen auf, um die 13.000 Kilometer lange Fahrt in den äußersten Südatlantik anzutreten. In heutigen Rückblicken wird der Konflikt als reiner „Überfall“ des „faschistischen“ und von dem Militärdiktator Leopoldo Galtieri regierten Argentiniens auf die Falklandinseln dargestellt. Völkerrechtlich aber sprachen – und sprechen bis heute – so viele Argumente für die argentinische Position, dass im Jahr 1982 selbst der damalige US-Präsident Ronald Reagan damit gezögert haben soll, sich an die Seite seines engsten Verbündeten, des Vereinigten Königreichs, zu stellen.

Argentinischer Soldatenfriedhof auf Ostfalkland. Bild: Chris Pearson from Leuchars, Scotland – Argentine Cemetry, CC BY 2.0,

Schon 1828 hatte die argentinische Regierung eine Kommandantur auf den Malwinen gegründet, die von dem in Hamburg geborenen hugenottischen Kaufmann Louis Vernet geleitet wurde. Fünf Jahre später aber besetzten die Briten die Inselgruppe, vertrieben die spanischsprachige Bevölkerung und verboten jede weitere Zuwanderung vom argentinischen Festland. Eine UN-Resolution von 1965 erklärte, dass das Archipel dekolonisiert werden müsste, womit die argentinische Position von den Vereinten Nationen anerkannt wurde. Als Buenos Aires im Frühjahr 1982 die Einnahme der Falklandinseln meldete, traf das deshalb auch auf fast ungeteilte Zustimmung in ganz Lateinamerika, wo auch außerhalb Argentiniens Tausende von Straßen und Plätzen nach den Malwinen benannt sind. Selbst die sandinistisch-marxistische Regierung Nicaraguas (!) bot der politisch völlig konträr zu ihr stehenden Regierung in Buenos Aires 1982 Militärhilfe zur Verteidigung der Falklandinseln an.

Nicaragua unterstützte Argentinien

Am Ende aber setzte sich die weit überlegene britische Marine durch, die aber zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg schwere Verluste hinnehmen musste. So wurde die HMS Sheffield, eines der damals modernsten Kriegsschiffe, von der argentinischen Luftwaffe versenkt. Am 14. Juni 1982 gab General Menéndez, der sich mit seinen Soldaten in der Inselhauptstadt Port Stanley verschanzt hatte, auf. Somit blieben die Falklandinseln eine angelsächsische Festung innerhalb Lateinamerikas und sichern Großbritannien den Zugang zur Antarktis. Argentinien wiederum hat seine Ansprüche bis heute nicht aufgegeben.

Das Kriegsende lag genau in der Zeit der Fußball-WM 1982 in Spanien. Die britische Regierung unter Margaret Thatcher diskutierte damals ernsthaft, ob England, Schottland und Nordirland (alle diese drei britischen Mannschaften hatten sich damals für das Turnier in Spanien qualifiziert) die WM boykottieren sollten. Letztlich entschied man sich dagegen, da man eine Niederlage im Propagandakrieg befürchtete. Während der WM in Spanien kam es zu keinem Aufeinandertreffen von Argentinien mit einer britischen Mannschaft. Die fand dann aber vier Jahre später beim WM-Viertelfinale Argentinien – England am 22. Juni 1986 in Mexiko-Stadt statt, das Argentinien mit 2.1 gewann. Das spiel schrieb WM-Geschichte; Maradona erzielte hier sowohl sein berühmtes „Hand Gottes“-Tor wie auch das „Tor des Jahrhunderts“, bei dem er sieben englische Spieler umspielte.

Das Spiel wurde noch vom Falklandkrieg überschattet, obwohl die argentinische Militärdiktatur zu diesem Zeitpunkt schon mehr als drei Jahre Geschichte war. Maradona äußerte nach dem Spiel:

„Obwohl wir vorher gesagt hatten, Fußball habe nichts mit dem Malvinas-Krieg zu tun, wussten wir, dass dort viele argentinische Jungs gestorben sind … Das war unsere Rache.“

Er sprach davon, „ein Land statt nur eine Mannschaft“ besiegt zu haben. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Fußball und Politik häufig ineinandergreifen.

 Arne Schimmer

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