Detlev Rohwedder im Jahr 1990. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0821-025 / Lehmann, Thomas / CC-BY-SA 3.0.

Blackbox RAF: Einige dringende Fragen zum Rohwedder-Mord

Warum der Prozess gegen Daniela Klette verdächtig wirkte

Die Morde an dem Deutsche Bank-Manager Alfred Herrhausen im November 1989 und an Detlev Rohwedder im April 1991 haben es der herrschenden Klasse leicht gemacht, eine Abwicklung der DDR-Wirtschaft im Sinne internationaler Konzerne und der Finanzindustrie zu vollziehen, ohne dabei auf das eigentlich gebotene Primat der Stärkung der nationalen Wirtschaft zu achten. Brisante Hintergründe, verschwiegene Tatsachen: In unserem Sonderheft „Die DDR – Geschichte eines anderen Deutschlands“ präsentieren wir Ihnen die Geschichte der DDR, wie Sie sie noch nicht kannten – garantiert! Hier bestellen!

Anlässlich der Verurteilung von Daniela Klette zu einer Haftstrafe von 13 Jahren und der erwarteten Mitteilung des von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafmaßes möchte ich meine Sicht auf das Verfahren in folgender Weise stichpunktartig mitteilen: Der nach ursprünglicher, nie revidierter Darstellung der Bundesregierung und der BRD-Justizbehörden von der sogenannten dritten Generation der Rote-Armee-Fraktion (RAF) – und insofern unter Mitwirkung von deren Führungsmitglied Daniela Klette – ermordete Detlev Rohwedder war bekanntlich der erste Präsident der Treuhandanstalt.

Er war vermutlich skeptisch gegenüber den Plänen der Bundesregierung, die DDR-Betriebe für ein Appel und ein Ei an Grundstücksverwerter und ähnliche Interessenten zu verschachern und dadurch auf die innerdeutsche, wirtschaftliche und sozioökonomische Wiedervereinigungs-Integration von BRD und DDR bewusst zu verzichten.

Ich halte diesbezügliche heimliche Befürchtungen der damaligen Bundesregierung wie auch seitens damaliger ausländischer Regierungen für wahrscheinlich, und zwar Befürchtungen dahingehend, dass Rohwedder als Treuhand-Präsident die kritische Hinterfragung der ihm gestellten Aufgaben früher oder später auch öffentlich kommunizieren würde. Denn dies hätte – möglicherweise entscheidend – dazu beigetragen, die latent vorhandene Opposition gegen die systematische Regierungspolitik zur Priorisierung der EU-Integration. vor der Wiedervereinigungs-Integration auf eine Bewusstseinsebene zu heben, auf der sie tatsächlich politisch wirksam geworden wäre, … was bei der, auf die Beseitigung des deutschen Nationalstaates hinauslaufenden, verfassungswidrigen Politik der Bundesregierung sicher nicht im Regierungsinteresse gewesen wäre.

War Rohwedder ein Bremsklotz?

Des Weiteren dürfte es Rohwedder in Bezug auf seine Gestaltungsfreiheit als Treuhand-Präsident mehr als nur irritiert gewesen sein, dass die Treuhand nicht ohne Genehmigung aus Brüssel in die in ihrem Besitz befindlichen ehemaligen DDR-Betriebe investieren durfte. Dadurch wurde eine selbständige deutsche Gestaltung wirtschaftspolitischer Integration zwischen Ost- und Westdeutschland praktisch unmöglich gemacht; zumal natürlich die EU-Kommission erst recht die EU-Integration deutlich höher priorisierte als die innerdeutsche Wiedervereinigungs-Integration. Es ist kaum vorstellbar, dass Rohwedder gegen diese absurde Einschränkung bei der Bundesregierung nicht deutlich protestierte. Detlev Rohwedder dürfte aus diesen Gründen für die damalige Bundesregierung und deren EU-Politik gefährlich geworden sein. Denn die Bonner Regierung hatte sicher eine Reihe von geheimen Zusagen hinsichtlich des Vorranges der EU-Integration vor der Wiedervereinigung gemacht.

Deswegen gibt es den begründeten Verdacht, dass der Mord an Rohwedder in seinem Düsseldorfer Wohnhaus am 1. April 1991 mit Wissen der Bundesregierung von einem deutschen oder ausländischen Geheimdienst verübt wurde. Der Öffentlichkeit präsentierten die Behörden allerdings ein Bekennerschreiben der sog. Dritten Generation der Roten Armeefraktion (RAF). Es wurde in diesem Mordfall offenbar nie wirklich mit Hochdruck ermittelt. Auch nach 35 Jahren liegen offiziell keine Erkenntnisse vor. Auch die Fahndung nach den Mitgliedern der Führungsebene der RAF wurde offensichtlich mehr oder weniger eingestellt. Daniela Klette und weitere RAF-Führungsmitglieder lebten offenbar jahrzehntelang unbehelligt ein fast normales bürgerliches Leben in der BRD, nur unterbrochen von gelegentlichen Einbrüchen oder Raubüberfällen zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts. Und jahrzehntelang zeigte auch kaum ein BRD-Mainstream-Medienorgan, welcher Provenienz auch immer, auch nur das geringste Interesse an der hochbrisanten Frage, welcher Zusammenhang zwischen dem seltsamen Desinteresse von Polizei und Staatsanwaltschaft an der Fahndung nach der Dritten RAF-Generation und dem Rohwedder-Mord bestehen könnte.

Herrhausen
Alfred Herrhausen im Jahr 1985. Der 1989 ermordete Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank wurde im November 1989 ebenfalls von dedr ominösen dritten Generation der RAF ermordet, obwohl er sich für einen Schuldenerlass für die Dritte Welt eingesetzt hatte. Foto: Von Wolf P. Prange – Historisches Institut der Deutschen Bank, Frankfurt am Main, CC BY-SA 4.0.

Auch die extrem plausiblen politischen Implikationen des Rohwedder-Mordes an sich sind m.W. bis dato von keinem einzigen BRD-Presseorgan oder -Sender überhaupt erwähnt oder auch nur angedeutet worden. Auch als das Mitglied der RAF-Führungsebene Daniela Klette am 26. Februar 2024 in Berlin unerwartet festgenommen wurde, thematisierte kaum ein Medienorgan ernsthaft die dadurch entstandene Möglichkeit, den Rohwedder-Mord aufzuklären oder zumindest die RAF-Täterschaft auszuschließen – – – Hätten sich die Medien hier anders verhalten, wäre natürlich die Frage nach der wirklichen Täterschaft wieder aktuell geworden – und vielleicht auch tatsächlich in der Öffentlichkeit .gestellt worden.

Garweg und Straub bleiben frei

Bezeichnenderweise sind Klettes Komplizen Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub nicht festgenommen worden, obwohl Garweg sich aus dem Untergrund mit einem offenen Bekenntnis zu den RAF-Verbrechen an die Öffentlichkeit gewandt hat. Die Festnahme Klattes erfolgte offenbar nicht aufgrund systematischer Fahndungen der Sicherheitsbehörden, sondern vielmehr aufgrund der Bemühungen von Privatpersonen, die gegen die Frau, als die sich Klette ausgab, Verdacht geschöpft hatten. Dem Vernehmen nach zwangen diese Personen durch ihr penetrantes Insistieren praktisch die Behörden zur Festnahme von Daniela Klette.

Nach der Festnahme wurde bekannt, dass die Klette und mindesten zwei RAF-Komplizen jahrzehntelang unentdeckt in Berlin gelebt hatten. Bei der unzweifelhaften Brisanz des Mordes an Rohwedder und der offiziellen Bezeichnung der Tat als RAF-Mord eine absolut unglaubliche Geschichte! Nach der Festnahme von Klette am 26. Februar 2024 dauerte es ca. ein Jahr bis zum Beginn des Verfahrens gegen sie vor dem Landgericht Verden im März 2025. Gegenstand der Anklage sind lediglich die „Überfälle“ Klettes, Garwegs und Staubs im Zeitraum 1999 und 2016, nicht ihre Vergangenheit bei der RAF.

Auch dies ist ein total unglaubwürdiges Verhalten der Staatsanwaltschaft und aus meiner Sicht ein Umstand, der eine, an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit für die Annahme impliziert, dass es sich beim Mord an Detlev Rohweder um eine Geheimdienstoperation handelt, die mit Wissen der Bundesregierung durchgeführt wurde. Deswegen halte ich es nicht nur für mein Recht, sondern für meine Pflicht, diese Annahme öffentlich zu äußern und zur Diskussion zu stellen. Nach wie vor wird in der auffällig spärlichen und offenbar inhaltlich reglementierten Berichterstattung über den Fall in den gesamten BRD-Medien, soweit ich überblicken kann, strikt darauf verzichtet, die äußerst verdächtige Ausblendung der RAF-Verbrechen, insbesondere der ursprünglich offiziell angenommenen RAF-Täterschaft beim Rohwedder-Mord, in irgendeiner Form zu thematisieren. Eine mediale Disziplin und Zensur/ Selbstzensur („Schere im Kopf“), die, außer bei uns, wohl nur in Diktaturen denkbar ist.

 Per Lennart Aae

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