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Das IOC hat sich tatsächlich zu diesem Frevel hinreißen lassen: Die Nordische Kombination ist nach mehr als 100 Jahren aus dem Programm der Olympischen Winterspiele gestrichen worden. Die Spitze des Internationalen Olympischen Komitees nahm die Sportart aus dem Wettkampfplan für die Spiele 2030 in den französischen Alpen. Der Vorgang ist ein Musterbeispiel für die totale und rückhaltlose Kommerzialisierung der großen Sportwettbewerbe. Die große Tradition und die Schönheit einer kleineren Sportart sind nichts wert, wenn die Einschaltquoten nicht stimmen und der Rubel dann mal etwas gebremster rollt.
Die Nordische Kombination aus Skispringen und Langlauf war das zentrale Ereignis des allerersten Holmenkollen-Festivals, das am 30. und 31. Januar 1892 im „nordischen Olympia“ stattfand. Schon bei den ersten Olympischen Winterspielen 1924 im französischen Charmonix zählte die Nordische Kombination zum Programm, Austragungsorte waren das Olympische Skistadion und die Schanze „Le Mont“, der Wettbewerb endete mit einem norwegischen Dreifachsieg. Die alpine Abfahrt, die heute als olympische Königsdisziplin gilt, wurde beispielsweise erst 24 Jahre später in Sankt Moritz ins olympische Programm aufgenommen.
Es gibt auch kaum eine andere Wintersportart, die den Trainern so viel abverlangt. Für den möglichst weiten Flug von der Skischanze werden möglichst drahtige und leichte Athleten benötigt, deren Muskulatur eine hohe Schnellkraft aufweist. Gute Langläufer hingegen benötigen Ausdauer und eine ausgeprägte Muskulatur. Das erfordert höchstes Können sowohl von den Sportlern als auch ihren Betreuern ab.
Georg Thoma: Deutschlands „schnellster Postbote“
Es waren schon immer die großen Persönlichkeiten, die diesem Sport seine ganz besondere Note verliehen haben. Der König dieser Sportart ist bis heute eigentlich Georg Thoma geblieben. Im Jahr 1960 wurde Thoma sensationell als erster Mitteleuropäer im kalifornischen Squaw Valley unweit des Lake Tahoe Olympiasieger in der Nordischen Kombination. Zuvor war die Dominanz der Skandinavier in dieser Sportart geradezu total gewesen, bei den acht olympischen Wettbewerben, die zu diesem Zeitpunkt ausgetragen worden waren, gab es sieben norwegische und einen finnischen Olympiasieger (Heikki Hasu 1948 in Sankt Moritz). Im Tal der Indianerfrau stürzte sich Thoma erst mit Pudelmütze von der Schanze, um dann auch noch wider alle Erwartungen seinen Vorsprung in der Loipe zu verteidigen.

Für den Skisport in Deutschland war dieser Triumph eine Art Äquivalent zum „Wunder von Bern“ mit langanhaltender Wirkung. Thoma bekam von der Presse das Etikett „schnellster Postbote Deutschlands“ verpasst, bei seiner Rückkehr in seinen Heimatort Hinterzarten im Schwarzwald säumten 25.000 Menschen die Straßen, die dem frischgebackenen Olympiasieger in einem offenen VW Cabrio zujubelten. Schon die Geschichte von Georg Thoma wurde als einmalig empfunden. Als sechstes von sieben Kindern eines Schwarzwälder Pferdeknechts lernte er in der Nachkriegszeit noch den Hunger kennen und begann schon im Alter von acht Jahren als Hirtenbub zu arbeiten, wofür er 30 DM pro Jahr erhielt. Den Weg zur Schule, der elf Kilometer lang war, musste er in diesem Alter auch schon alleine bewältigen. Es war eine harte Zeit für ihn, über die er später nur sagen würde, dass in ihr „das Fundament für meinen späteren sportlichen Erfolg“ gelegt wurde. Gerade wegen dieser Vorgeschichte riss Thomas Olympiasieg die Menschen in Deutschland besonders mit.
Im Schwarzwald war das der Startschuss für den Aufbau einer professionellen Infrastruktur im Bereich des nordischen Skisports, es entstanden Skischanzen und zahlreiche Langlaufloipen. Schonach wurde ab dem Jahr 1967, als hier zum ersten Mal der „Schwarzwaldpokal“ vergeben wurde, zu einer Art Mekka der Nordischen Kombinierer.
Von den zahlreichen Bemühungen in der Region um die Förderung des nordischen Skisports profitierte auch Georg Thomas Neffe Dieter, der im Jahr 1994 im Skispringen bei den Olympischen Spielen in Lillehammer die Goldmedaille mit der Mannschaft gewann. Die Nordische Kombination wurde nun zusehends von einer skandinavischen zu einer deutschen Domäne.
Eric Frenzel: Super-Sachse mit drei olympischen Goldmedaillen
Schon im Jahr 1968 gewann der Allgäuer Franz Keller aus Nesselwang für die damalige gesamtdeutsche Mannschaft die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Grenoble. Danach begann die Ära des Ulrich Wehling. Dem gebürtigen Hallenser, der für den „Sportclub Traktor Oberwiesenthal“ startete, gelang als einzigem Nordischen Kombinierer in der Geschichte der Sportart das Kunststück von drei Olympiasiegen hintereinander – 1972 in Sapporo, 1976 in Innsbruck und 1980 in Lake Placid. Den ersten Mannschaftswettbewerb, der bei Olympischen Spielen in der Nordischen Kombination ausgetragen wurde, gewannen 1988 im kanadischen Calgary auch die Deutschen, und zwar die Mannschaft der Bundesrepublik Deutschland. Bei den Olympischen Winterspielen in Turin im Jahr 2006 gab es mit dem Schwarzwälder Georg Hettich wieder einen deutschen Olympiasieger in der Einzelwertung. 2014 bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi (im Einzel von der Normalschanze und 10 Klilometer Langlauf) und 2018 bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang (im Einzel von der Normalschanze und 10 Klilometer Langlauf sowie im Teamwettbewerb) holte dann Eric Frenzel aus Annaberg-Buchholz insgesamt drei Goldmedaillen.

Mittlerweile ist Frenzel Bundestrainer der Nordischen Kombinierer. In einer Stellungnahme gegenüber dem Sender „Eurosport“ äußerte er:
„Mir fällt es schwer, Worte dafür zu finden. Das war eine herbe Enttäuschung. Dass wir nicht mehr zur olympischen Geschichte gehören werden, tut enorm weh.“
Dabei hatten die Nordischen-Kombinierer in den letzten Jahrzehnten enorm daran gearbeitet, ihre Sportart attraktiver zu machen. Durch die Einführung des sogenannten Gundersen-Formats wurden Vorsprünge und Rückstände beim Skispringen in Zeitabstände beim abschließenden Langlauf-Wettbewerb umgerechnet, was häufig zu spannenden und dramatischen Verfolgungsrennen führte, die manchmal erst auf der Zielgeraden entschieden wurden. Seit 2018 gibt es außerdem internationale Wettbewerbe im Damenbereich und seit 2020 auch einen Weltcup der Damen.
Es hat alles nichts genutzt, bei Einschaltquoten im TV und Teilungszahlen in sozialen Netzwerken hat man gegen stark akrobatisch geprägte Sportarten aus dem Snowboard- und Freestyle-Bereich keine Chance. Schade, dass dies für das IOC mittlerweile wohl das einzige Kriterium zu sein scheint, wenn es um die künftige Gestaltung des Olympia-Programms geht.
■ Arne Schimmer
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