Stechschritt und Bauernkriegspanorama, „Auferstanden aus Ruinen“ und Preußen-Renaissance: Die DDR stellte sich selbst in eine von ihr erst erschaffene deutsche Traditionslinie. Nach der Staatsgründung1949 entstand ein „rotes Sparta“, das sich als national geprägter Vorposten eines antiimperialistischen Befreiungskampfs gegen den Westen verstand. Dieses Buch wirft einen ganz eigenen Blick auf die Geschichte der DDR und ihrer beiden prägenden Führungspersönlichkeiten Walter Ulbricht und Erich Honecker in ihrem Bemühen, eine sozialistische Nation zu erschaffen. Es geht um neue Schulen der Malerei und Ost-Punk, um den Traum von einem Roboter-Sozialismus und die Erfindung der ersten PCs sowie um Familienpolitik und Olympiasiege. Am Ende entsteht ein neues Bild von einem untergegangenen Land, das sie in diesem Buch neu kennenlernen werden. HIER das Buch „Die rechte DDR: Das rote Sparta“ bestellen!
Im Oktober 1989 gab es laut späteren Erhebungen 330 Demonstrationen und Kundgebungen in 171 Städten und Gemeinden der DDR. Das Territorium des heutigen Bundeslandes Sachsen war dabei sowohl die Speerspitze als auch das Kernland der Revolution. Hier fand schon am Abend des 8. Oktober die erste nachweisbare Demonstration vor einem MfS-Gebäude statt – nämlich der Stasi-Kreisdienststelle von Bischofswerda, einer Kleinstadt in der Westlausitz in der Nähe von Dresden. Hier lag mit dem Bezirk Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) auch die – gemessen an der Zahl der Kundgebungen sowie der Orte, in denen demonstriert wurde – mit Abstand aktivste Protesthochburg des Landes. Die DDR-Obrigkeit wirkte wie gelähmt und war die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden ohnehin nicht gewöhnt. Am 18. Oktober 1989 wurde SED-Generalsekretär Erich Honecker im Rahmen einer Sitzung des Zentralkomitees der SED von allen seinen Ämtern entbunden und Egon Krenz per Akklamation zum neuen Generalsekretär der Partei bestimmt, doch das änderte nichts an der Agonie in der SED-Spitze.
Die einzige Möglichkeit zur Stabilisierung des Arbeiter- und Bauernstaates wäre wohl eine „nordkoreanische Lösung“ gewesen, also die rigorose Abschnürung der DDR auch noch von allen benachbarten Ostblockländern. Und tatsächlich setzte die Führung in Pankow zwischenzeitlich auf genau diese harte Linie. Schon am 4. Oktober 1989 hatte die DDR-Regierung noch unter Erich Honecker auf die massive Ausreisebewegung mit einer Schließung der Grenzen zur Tschechoslowakei und zu Polen reagiert. Diese drakonische Maßnahme führte aber nur einige Tage später zu den ersten Großdemonstrationen, da durch die wegfallenden Möglichkeiten der Ausreise der Druck im Kessel erheblich anstieg. Also musste man eine neuerliche Kehrtwende hinlegen und erlaubte ab dem 1. November 1989 den DDR-Bürgern wieder die Ausreise über die Tschechoslowakei. Dies führte nun dazu, dass das „sozialistische Bruderland“ an der Südgrenze der DDR tagtäglich mit Tausenden von mitteldeutschen Flüchtlingen konfrontiert war und deshalb nun seinerseits mit einer einseitigen Grenzschließung drohte.
Pfiffe gegen die SED-Redner
Auch in der Hauptstadt Ost-Berlin, in der es lange relativ ruhig blieb, überschlugen sich nun die Ereignisse. Zwei örtliche Theater-Initiativen hatten für den 4. November 1989 zu einer Demonstration für Meinungs- und Versammlungsfreiheit auf dem Berliner Alexanderplatz mobilisiert, die Angaben über die Teilnehmerzahl schwanken zwischen 200.000 und einer Million. Unter den Rednern waren Schauspieler wie Ulrich Mühe oder
Jan Josef Liefers, Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley oder Marianne Birthler, Autoren wie Christa Wolf oder Stefan Heym, spätere PDS-Größen wie Gregor Gysi und Lothar Bisky, aber auch Vertreter der SED-Nomenklatura wie das Politbüromitglied Günter Schabowski (der freilich erst fünf Tage später seinen ganz großen Auftritt haben sollte) oder Stasi-Generaloberst a. D. Markus Wolf sowie der LDPD-Vorsitzende Manfred Gerlach, der am 6. Dezember 1989 Egon Krenz als Staatsratsvorsitzenden ablöste und der letzte DDR-Politiker war, der dieses Amt ausübte. Es handelte sich um die erste und einzige Großdemonstration der Wendezeit, die offiziell angemeldet und genehmigt war. Es gab Polizeischutz, Fernsehübertragung und eine Rednerliste, die noch stark von Vertretern der SED und der Blockparteien geprägt war. Es handelt sich um das in seiner Deutung wohl umstrittenste Ereignis der gesamten Wendezeit. Die einen sprechen bis heute von einem Fanal, das bedauerlicherweise nicht den Auftakt zum Beginn einer erneuerten DDR bildete. Die anderen fühlen sich bei der Erinnerung an das Großereignis im Schatten des Fernsehturms an die Maxime „Was du nicht verhindern kannst, das führe einfach selber an“ erinnert.

Die deutsche Frage spielte in den damaligen Reden nur eine untergeordnete Rolle. Die Redner forderten die volle Herstellung bürgerlicher Freiheiten (die eigentlich schon im KPD-Gründungsaufruf vom 11. Juni 1945 versprochen worden war) und das Fortbestehen einer demokratisch reformierten DDR. Dass fünf Tage später die Mauer fiel, lief dem Selbstverständnis der meisten Beteiligten eher zuwider, weil es die Dynamik von der inneren Reform auf die nationale Frage verschob. Und die Demonstration wirkte sich möglicherweise auch in einem anderen Punkt anders aus als geplant. Eine Demonstration mit mehreren Hunderttausend Teilnehmern in der Hauptstadt, genehmigt und live im DDR-Fernsehen übertragen, wäre einige Wochen zuvor noch undenkbar gewesen. Die Übertragung wirkte in jedes Wohnzimmer hinein und beschleunigte die Erosion der Angst. Außerdem wurde sichtbar, dass die SED nicht in der Lage sein würde, die Protestbewegung über Zugeständnisse anzuführen, sondern von ihr schon zur Seite gestoßen wurde. Die SED-Redner Markus Wolf und Günter Schabowski wurden ausgepfiffen und die Nachwuchshoffnung Gregor Gysi erhielt keinen überdurchschnittlichen Zuspruch. Der Rücktritt der Regierung Stoph am 7. November und des gesamten Politbüros am 8. November wirkten da wie die endgültige Bestätigung eines rasenden Machtverfalls, der im Mauerfall des 9. November 1989 gipfelte.
■ Arne Schimmer
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