Der Begriff „ethnic voting“ (englisch für „ethnische Wahl“) ist im wissenschaftlichen Diskurs der USA schon lange verankert und wurde erstmals von dem Politologen Raymond E. Wolfinger, der an der University of California in Berkeley lehrte, definiert. In seinem 1965 in der „American Political Science Review“ erschienenen Aufsatz „The Development and Persistence of Ethnic Voting“ beschreibt er das Phänomen als eine Parteipräferenz ethnischer Gruppen, die sich nicht allein durch sozioökonomische Faktoren erklären lässt, sowie als die Tendenz, parteiübergreifend für oder gegen Kandidaten der eigenen Gruppe zu stimmen. Unsere AUFGEWACHT-Ausgabe für den November enthält Beiträge zum derzeit heiß diskutierten Titelthema ethnische Wahl sowie zwei Hammer-Interviews mit Jungeuropa-Verlagsleiter Philip Stein und der Buchhändlerin, Verlegerin und Messeorganisatorin Susanne Dagen ‼️ AUßERDEM BIETEN WIR UNSEREN LESERN JETZT ACHT SEITEN MEHR UMFANG! HIER BESTELLEN!
Mit den in der heutigen Nacht anstehenden Midterm-Wahlen könnte die US-Politik vor einer entscheidenden Wende stehen. Zum Verhängnis könnte es Donald Trump werden, dass mittlerweile auch viele rechte US-Politiker, -Journalisten und -Wähler seine Politik ablehnen und die MAGA-Bewegung nur noch in einer Schrumpfform existiert. Warum das so ist, darüber hat AUFGEWACHT-Redakteur Sascha A. Roßmüller ein Gespräch mit der rechten US-Influencerin Rebecca Hargraves geführt.
Ich denke, man darf Dich als eine reichweitenstarke Influencerin des politisch dissidenten Lagers in den USA und gefragte Interviewpartnerin einordnen, auch bekannt unter dem Pseudonym „Blonde in the Belly of the Beast“. Doch beschreibe Dich doch den deutschen Lesern bitte kurz selbst: Was war Dein politischer Start, welche Entwicklung hast Du seither durchlaufen und wer bist Du privat?
Ich begann als neugieriger libertärer Teenager, der sich um freie Märkte, Kapitalismus und individuelle Freiheit sorgte. Als mein Verständnis der Welt reifte – unter anderem durch die Arbeit an der Wall Street in New York und im Immobilienbereich in Seattle – entwickelte ich eine klarere Sicht auf die Unterschiede zwischen Gruppen und ein umfassenderes Bild der menschlichen Natur. Meine Sicht auf die Welt änderte sich drastisch, nachdem ich 2015 Paris und Amsterdam besucht hatte. Die Städte, die ich einst liebte, hatten sich durch die Migration stark verändert. Ich fühlte mich nicht mehr sicher, und die Atmosphäre war feindlich geworden. Diese Reise war der Moment, als ich beschloss, meinen YouTube-Kanal zu starten. Sie war der Anlass, nicht nur die Kosten des Multikulturalismus, sondern auch Geschlechterverhältnisse, Politik und historische Ereignisse zu erforschen, die meiner Meinung nach falsch dargestellt wurden. Meine Arbeit ist ein Herzensprojekt. Meine größte Leidenschaft ist jedoch die Erziehung meiner kleinen Töchter. Meistens bin ich eine gewöhnliche Frau, beschäftigt mit Aktivitäten wie Kochen, Putzen und auf die Kinder aufpassen.
„Trumps Antrieb sind Eigeninteresse und Ego“
Lass uns auf US-Präsident Donald Trump zu sprechen kommen. Während er zwar viele Anhänger in seiner zweiten Amtszeit schwer enttäuschte, hast Du Dich bereits vorher von ihm abgewendet, und – so ich nicht irre –, ihm schon im November 2024 bei der damaligen Präsidentschaftswahl Deine Stimme versagt. Wie lautet Rebecca Hargraves Urteil über Donald Trump?
Ich habe 2016 für Trump gestimmt, aber danach nicht mehr. Nach seinem katastrophalen außenpolitischen Vorgehen gegen Syrien und den enormen Staatsausgaben war ich desillusioniert und begann, nicht nur über „die Bewegung“ nachzudenken, sondern über unsere Sache. Die schärfsten Enttäuschungen kamen in letzter Zeit mit seiner unkritischen Hingabe an Israel, rücksichtslosen militärischen Verstrickungen mit dem Iran und einer allgemeinen Albernheit, die nicht mehr zu ertragen ist. Er ist ein Mann mit wenig Überzeugung, getrieben von Eigeninteresse und Ego. Solch einem Mann ist niemals zu trauen. Ich war töricht zu glauben, dass er die Hoffnungen und Interessen des weißen Amerikas repräsentiert.

Was wurde im Zuge der, nennen wir es „Deep-Trump“-Mutation, aus der Alt-Right- bzw. MAGA-Bewegung? Besteht hier noch eine gewisse Relevanz, und entwickeln sich alternative Strömungen eines authentischen Nationalismus in den USA?
Als Bewegung haben wir uns fraktioniert, und das stellt eine ernsthafte Gefahr dar, wenn man an Schwung gewinnen und Veränderungen herbeiführen will. Einige unterstützen Trump immer noch blind, unabhängig von seinen erklärten Interessen. Andere, die ihre Karrieren und ihr Privatleben für ihn aufs Spiel gesetzt haben, haben den Willen verloren, überhaupt noch politische Veränderungen anzustreben. Aber wir finden immer noch unseren Weg. Jeder, der kein ausschließliches Interesse an rein politischen Lösungen hat, ist mein Freund. Aber wie wir vorankommen und wie wir ein Nationalbewusstsein in einem multikulturellen Land entwickeln, wird unser Schicksal bestimmen. Die nächsten Jahre werden entscheidend für die Bildung dieses nationalen Bewusstseins sein. Ich hoffe, dass es weiterhin aufkeimt, auch in kleinen Dingen.
Du kannst trotz Deiner jungen Jahre bereits auf eine reichhaltige Erfahrung an Online-Shows zurückblicken, wirst oft von Podcast-Betreibern als Gast nachgefragt, und betreibst auch selbst zwei regelmäßige Sendungen, „The Reset“ sowie „Outlaws“. Beschreib doch bitte kurz diese Formate, und teile mit, wo diese zu finden sind.
Ich würde 38 kaum als jung bezeichnen, aber ich habe meinen YouTube-Kanal vor fast elf Jahren gestartet. Trotzdem nimmt eine Frau in einem bestimmten Alter Komplimente, wo immer man sie bekommt. „The Reset“ ist eine Show, die ich zusammen mit Cameron Macgregor moderiere. Wir diskutieren aktuelle Themen im Hinblick auf die bevorstehende Neugestaltung der westlichen Gesellschaften. Wir versuchen, die Gespräche lösungsorientiert zu halten, was angesichts der Enttäuschung, die viele auf der Rechten jetzt empfinden, wichtig ist. Man kannst dies auf meinem YouTube-Kanal („Blonde in the Belly of the Beast“ und @RebeccaHargraves1), auf Rumble („BlondeBeast“) und auf X (@Blondes_Tweets) finden. Ich moderiere auch einen eher „True-crime“-artigen Podcast mit Devon Stack namens „Outlaws“, der auf meinem YouTube-Kanal und auf seinem Rumble-Kanal („Blackpilled“) verfügbar ist. Wir betrachten historische Themen durch eine abweichende Linse und versuchen, dabei die Lacher auf unserer Seite zu haben.
„Der Raum für US-Militärabenteuer wird schrumpfen“
Im Juli dieses Jahres sah man Dich als Mitorganisatorin einer klassischen Veranstaltung in Manhattan, also diesmal persönlich vor Ort und nicht im digitalen Raum. Was kannst Du uns darüber berichten? Würdest Du auch in Deutschland auftreten?
Ich würde gerne in Deutschland auftreten! Constantin von Hoffmeister, Cameron Macgregor, Adam von „Mainstream Dissident“ und ich haben in New York City eine kleine Veranstaltung über Multipolarität und westliche Anpassung organisiert. Ich habe gelernt, wie schwierig es ist, derartige Zusammenkünfte zu organisieren. Dennoch ist der Gang in reale Räume ein wesentlicher nächster Schritt für das, was online begonnen hat. Wir planen in den kommenden Monaten und Jahren ähnliche, aber größere Veranstaltungen, und ich freue mich darauf, Teil davon zu sein.
Abschließend, was bedeutet der geopolitische Wandel in Richtung Multipolarität für die USA und wie beurteilst Du die den demographisch-gesellschaftlichen Status Quo der USA?
Multipolarität bedeutet, dass die Vereinigten Staaten die Welt nicht mehr als eine erweiterte Werkbank ihrer eigenen Präferenzen behandeln können. Mit dem Aufstieg anderer Machtzentren wird Washingtons Spielraum für rücksichtslose militärische Abenteuer und moralisierende Außenpolitik schrumpfen. Theoretisch sollte das eine Wende nach innen erzwingen: weniger Verstrickungen, weniger Ausgaben für die Kriege anderer und mehr Aufmerksamkeit für das, was im eigenen Land passiert. Ich habe kein Vertrauen, dass die derzeitige politische Klasse diesen Kurswechsel vollziehen wird. Trumps Bilanz zeigte, wie leicht „America First“ in Ego, Protektionismus und denselben alten Militarismus zurückfällt. Eine multipolare Ordnung produziert nicht automatisch ein gesünderes Amerika. Es beseitigt nur einige der Illusionen, welche der Realitätsverweigerung dienen. Der demografische und soziale Status quo ist bereits eine solche Quittung. Großangelegte Migration und intensive pro-multikulturalistische Propaganda haben den Charakter amerikanischer Städte sowie das amerikanische Bewusstsein verändert. Hohe Kriminalität, eine Gesellschaft mit geringem Vertrauen und ein völliger Mangel an Einheit sind nicht aufrechtzuerhalten, ohne eine Rebellion zu provozieren.
Ich glaube immer noch, dass Nationalismus die wahrscheinlich langfristige Antwort auf demografische Veränderungen und staatliche Übergriffe sein wird. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Amerikaner dieses Bewusstsein in einem Land aufbauen können, das heute nicht in diesen Begriffen denkt.
Rebecca, vielen herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!
Das Interview wurde von Sascha A. Roßmüller geführt.
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