Uwe Nolte: Erst DDR-Punk und Grenzsoldat, dann in den 90er Jahren Begründer der deutschsprachigen Neofolk-Szene. Ein Leben ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen. Bild: privat.

„Auf Scherben schlafen, um meinen Traum zu träumen“

Im Gespräch mit dem Musiker, Lyriker und Grafiker Uwe Nolte

Der Osten leuchtet – kulturell und politisch! Nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt gibt es erstmals eine reale Machtperspektive für das patriotische Lager, AfD und BSW verhandeln derzeit über neue Mehrheiten abseits des etablierten Parteienkartells. Doch was lässt sich überhaupt in einem einzigen Bundesland umsetzen? Kann Remigration auf regionaler Ebene gelingen? Sind zwischen Harz und Burgenlandkreis bald Dinge sagbar, die woanders per Meinungsstrafrecht verboten sind? Und wann starten die Hausdurchsuchungen gegen militante Antifa-Gruppen? All diesen spannenden Fragen widmet sich das Titelthema im brandneuen AUFGEWACHT-Heft mit dem Titel „Machtübernahme: Was jetzt zu tun ist“. HIER bestellen!

Uwe Nolte wurde am 11. Mai 1969 in Merseburg geboren. Der gelernte Tierpfleger leistete seinen dreijährigen Wehrdienst als Fährtenhundeführer bei den Grenztruppen der DDR ab. Große Bekanntheit erlangte er mit „Orplid“, die Gruppe gilt als Begründerin des deutschsprachigen Neofolk-Genres. Sie wurde im Sommer 1996 in Halle an der Saale von Frank Machau und Uwe Nolte gegründet und bestand bis 2020. Die Themen reichten vom germanischen Heidentum über die griechische Sagenwelt bis hin zu Annäherungen an das Christentum und die Romantik. Ein weiteres bekanntes Bandprojekt von Nolte ist die seit 2004 bestehende Metal-Gruppe „Barditus“, deren aktuelles Album „Nibelungentreue“ im Jahr 2025 erschien. Im Verlag Arnshaugk erschienen seine Lyrikbände „Wilder Kaiser“ (2014), „Du warst Orplid, mein Land!“ (2015), „Falke Heime“ (2016) und „Schirjajewo“ (2017). Mehr Informationen über das Schaffen Noltes erhält man auf der Webseite http://noltex.de.

Sie wurden 1969 in Merseburg geboren. Die mitteldeutsche Stadt ist bekannt für ihren Kaiserdom und die dort 1841 aufgefundenen Merseburger Zaubersprüche, einen der wenigen auf Althochdeutsch überlieferten Texte mit Bezug auf Themen und Figuren der vorchristlichen germanischen Mythologie. Das Erbe dieser Stadt haben Sie in dem großartigen, zur Jahrtausendwende erschienenen Orplid-Stück „Der Merseburger Rabe“ verewigt. War Ihnen die Ausrichtung Ihres künstlerischen Schaffens mit diesem Geburtsort in die Wiege gelegt?

Schon als Kind faszinierte mich die Sage vom Raben und jedes meiner Konzerte beginnt mit dem ersten Merseburger Zauberspruch. Merseburg liegt – laut dem Legastheniker-Portal „Indymedia“ – im mythengesättigsten Gau Deutschlands und ist für mich das Herz der Welt: Unbedingt verbinde ich meine Herkunft mit der Strahlkraft des eigenen Werkes. So, wie ich die historische Magie des Ortes in Wort, Ton und Bild umsetze, wird in Zukunft auch mein Name identitätsstiftende Wirkung für Merseburg und darüber hinaus haben. Ich wuchs in der Kosmonauten-Straße auf und ging in die Gagarin-Schule: mein Blick richtet sich seit jeher aufs Kosmische. Unio mystica ist mein Ziel! Zeitgeist und Tendenz überlasse ich mit Vergnügen den Tänzern ums Goldene Kalb. Um im Malstrom abendländischer Kulturzerstörung lebendig zu bleiben, muss man eine tiefe, haltgebietende Wurzel haben, die sich weit ins heimatliche Myzel verzweigt. Meine heißt: Merseburg!

Gelernter Tierpfleger, 1987 Bezirksmeister im militärischen Mehrkampf, Wehrdienst als Fährtenhundeführer bei den Grenztruppen der DDR – wie blicken Sie heute auf Ihr Leben in der DDR zurück?

Die DDR war meine Agoge! Ich habe gelernt auf Scherben zu schlafen, um meinen ureigenen Traum zu träumen. Das war eine harte, aber gute Schule. Den Tiger ritt ich, wie man so schön in Neofolk-Kreisen sagt. Ähnliches gilt inzwischen für die mit sozialen Tabus verseuchte und dadurch zu Tode domestizierte BRD-Gegenwart. Ich hatte als Unteroffizier der Grenztruppe die Berechtigung, ins vorgelagerte Sperrgebiet zu gelangen. Eine Flucht war jederzeit möglich.

Doch ich wusste schon damals instinktiv, dass mein Glück – als Waldgänger –systemunabhängig ist. Die Natur ist für mich das Maß der Dinge, zumal im Moment die DDR keineswegs der Vergangenheit anzugehören scheint. In allen Ecken der Gesellschaft grinst ihre ideologische Fratze mit anderen Emblemen siegreich hervor. LBTQT-Augenterror, Überwachung, staatliche Bevormundung, Traditions- Kunst & Berufsverbot, Entfremdung, Kriegshetze und und und. Sätze, wie: „Man muss heutzutage aufpassen, was man sagt!“, wollte ich eigentlich nie wieder hören. Letztlich liegt es aber an jedem selbst, sich mittels gelebter Individualität dem kollektiven Zwang zu widersetzen. Dem Mutigen winkt das Glück!

„Ich lerne von den Toten und schaffe Kommendes“

In Ihrer Jugend gehörten Sie zur Punk- und Metalszene von Halle. Was bedeutete es in der späten DDR, sich in solchen Subkulturen zu bewegen? Hat sich Ihnen eine Erinnerung besonders eingebrannt?

Man wurde als bunter Vogel eigentlich von allen Seiten angefeindet. Für die dummgraue Bevölkerung sowie die Staatsbüttel war man Freiwild. Ständig gab es Einschränkungen, Konflikte und Gewalt. Oft wurde ich über Nacht im Polizeigewahrsam seelisch und körperlich misshandelt. Um morgens wieder freizukommen, musste man schriftlich bestätigen, dass man nicht geschlagen wurde. Im Sommer 84 betrat ich mit wallendem Haar den Palast der Republik. Ich trug ein Nicki der britischen Metal-Combo „Saxon“. Darauf zu sehen war ein Ritter mit blutigem Schwert. Sogleich umringte mich die Stasi. Ich wurde eingesperrt und Verhöre erfolgten. Man drohte mir an, mich nur in Unterhosen wieder auf die Straße zu lassen, weil ich mit meiner „Gammlermode“ das Ansehen der DDR schädigen würde. Ich saß als Kind in einer Zelle mit Kriminellen. Diese Demütigung sitzt tief, hat aber mich letztlich bestärkt, nie einem System zu dienen.

Zur sogenannten Wende wurde ich gezwungenermaßen Antifaschist, denn das Deutschland-Gebrüll der ehemaligen, plötzlich kackbraunen DDR-Duckmäuser war unerträglich für mich. Sie sehnten sich nach keiner Nation und damit einhergehender Identität, sondern nach der D-Mark, nicht mehr und nicht weniger, was ich als falsch und widerlich empfand. Im März 93, also eigentlich schon am Ende der sogenannten Baseballschlägerjahre, wurde ich von einem Dutzend Nazi-Schihäds halbtot geprügelt. Diese, mich zum Künstler formende Initiation, bzw. der später im fadenscheinigen Licht des „Öffentlichen Rechts“ geführte Prozess, ließen mich schon in jungen Jahren dem rechten und linken Narrenspiel entsagen.               

Der Lyriker und Essayist Rolf Schilling ist enger Freund und Mentor von Ihnen, er schrieb das Vorwort zu Ihrem ersten Gedichtband. Sehen Sie sich in einer Art literarischen Tradition, die Schilling begründet hat, der ja zu DDR-Zeiten eine Art Dichter in der inneren Emigration war?

Rolf Schilling lernte ich 1995 durch Lutz Dammbecks Film „Zeit der Götter“ kennen. Ich war dermaßen von sprachlicher Fulminanz und Üppigkeit seiner Bilder beindruckt, dass ich erst viele Jahre später die echte Begegnung wagte. Ich – damals noch ein schwarzmetallischer Punk – wollte nicht als namenloser Schatten in seinem Licht verzucken und musste erst ein eigenes Werk beginnen. 2006 habe ich ihn dann zu einem gemeinsamen und denkwürdigen Konzert im Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig geladen, welches wir mit Bravour meisterten und das heute sicherlich nicht mehr in dieser Art möglich wäre.

Er war damals der einzige lebende Künstler, der mir etwas zu sagen hatte. Ansonsten lerne ich nur von den Toten und schaffe Kommendes. Mit Rolf Schilling habe ich ein Hörbuch namens „Gesang überm Quell“ produziert und er selbst ist auf der Orplid-Veröffentlichung „Greifen-Herz“ mit dem Titel „Gesang an den Horusfalken“ zu hören. Ich liebe dieses Stück!

„Im Osten geht die Sonne auf“

2020 haben Sie die Musikgruppe „Orplid“, die das deutschsprachige Neofolk-Genre begründete, nach dem Album „Deus vult“ und der Gesamtausgabe „Legatum“ aufgelöst. Warum genau zu diesem Zeitpunkt?

Der mit dem ganzen Corona-Schwindel einhergehende Zeitüberschuss ermöglichte mir, diese beiden aufwändigen, mit Buch und Kunstdrucken versehenen Veröffentlichungen zu verwirklichen. Das war der Zenit. Mehr gab es nicht zu sagen…

„Barditus“, 2004 begonnen und 2021 mit dem Musiker „Anti-Christian“ von der Band „Stern des Bundes“ wiederbelebt, bewegt sich zwischen Neofolk und Black Metal. Was reizt Sie nach Jahrzehnten der Akustikgitarre am härteren Klang?

Seit früher Jugend bin ich glühender Anhänger der Heavy Metal-Fraktion, genauer gesagt bin ich sogar Manowarrior. Im Alter kehrt man zum Ursprung zurück. Der klassische Neofolk ist mir zu melancholisch und teils belanglos geworden. Ich suche Herausforderung, Dynamik und Essenz. „Anti-Christian“ setzte mit seiner Musik derart erfrischende Akzente, dass ich gezwungen war, ein neues Genre zu erfinden: DKF (Deutscher Kraftfolk)! Bestes Beispiel ist unser aktuelles, von mir gemachtes Musik-Video „Meine Walküre“ vom kommenden Album „All-Raunen-Sang“, zu entdecken auf meiner Internetseite: www.noltex.de

Von 2009 bis 2013 lebten Sie in Schirjajewo an der Wolga, im Haus des Malers Ilja Repin. Was suchten Sie dort?

Es heißt ja nicht umsonst im Volksmund: „Im Osten geht die Sonne auf.“ Weiter ausführend antworte ich mit einem Text aus meinem gleichnamigen Gedicht-Band:

SCHIRJAJEVO

Ort, der mich möglich erst machte,
Schenkte mir Weite und Raum,
Ort, der mein Wollen entfachte,
Ort, für mein Herz ohne Traum:

Ich trank dein heiteres Mühen
Sommers, erkoren und frei,
Durfte in Wonnen erblühen
Und ich war glücklich dabei.

Ort, an der Wolga gelegen,
Von Marmors Wirken gestützt,
Ort, wo noch östlicher Segen
Atmet, von Bergen geschützt.

Ort, wo ein bronzener Löwe
Woge und Schwelle bewacht,
Heimstatt von Otter und Möwe,
Vom Schild der Sonne bedacht.

Ort, schon bewundert von Skythen,
Reich an gestaltendem Sinn,
In deinen waltenden Mythen
Fand ich zu neuem Beginn.

Nie satt vom steten Verbleiben,
Sah mit den Augen vom Kind
Ich oft ins Immerfroh treiben
Adler und Wolke im Wind.

Bist du schon Saum aus Legende,
Vom Licht des Märchens erhellt,
Oder nur Anfang vom Ende
Einer versunkenen Welt?

Rasin hat frech dich erkundet,
Repin dein Zweifeln gemalt,
Stalin dein Schweigen verwundet,
Aber dein Innerstes strahlt:


Lada weht nachts durch die Hütten,
Gütig, von Zeit nicht vereist,
Will ihren Gaben verschütten
In jeden offenen Geist.

Brauch lebt – und wachende Ahnen
Schirmen sein heimliches Sein,
Wenn sich der Schlafenden Bahnen
Kreuzen am Dreigesicht-Stein.

Auch lädt die Wiese zum Tanze,
Rauscht ihrer Ewigkeit Lied,
Singt mit Zikade und Wanze,
Kündet vom Eiland Orplid…

Einmal, wenn mürbe von Ferne,
Bricht meiner Pilgerschaft Stab,
Lächelt der Glanz deiner Sterne
In meiner Einsamkeit Grab –

Wird meine Träume erhellen,
Schenken mir einstiges Glück,
Trägt meine Sehnsucht auf Wellen
Wieder zur Wolga zurück.


In der Abgeschiedenheit des russischen Landlebens erschuf ich – auch von Wrubel und Repin inspiriert –Bilder in der Tradition des europäischen Symbolismus. Diese Werke sollten auf einer Ausstellung in der Willi Sitte-Galerie in Merseburg im Februar 2013 präsentiert werden. Leider wurde mein Schaffen drei Tage vor der opulent angekündigten Vernissage Opfer der sogenannten Cancel Culture. So viel zur Kunstfreiheit im Land der Vielfalt!    

„Meine Kunst ist Meditation“

2017 haben Sie mit Dr. Baal Müller und Rudolf Seitner den Orphischen Kreis gegründet. Wie würden Sie diesen Kreis mit Ihren Worten beschreiben?

Wir sind ein loser Verbund von Freunden mit ähnlichem ästhetischen Empfinden. Ab und zu machen wir ganz zwanglos eine gemeinsame Veranstaltung, so auch am 10. Oktober dieses Jahres in Questenberg, gemeinsam mit Rolf Schilling und interessanten Musikern, die man nicht alle Tage zu Gesicht bekommt. Wir haben auch viele Verehrer aus dem linken Spektrum, die uns aus lauter Ehrfurcht in Staub und dornigem Gebüsch aus weiter, weiter Ferne fotografieren, um in ihren seltsamen Büchern Werbung für den Orphischen Kreis zu machen. Dabei könnten sie es doch viel einfacher haben und unsere Veranstaltungen direkt besuchen. Dann träfen sie allerlei wunderbunte und lebensverliebte Menschen, die Rudolf Seitners vietnamesischen Weisen oder Dr. Baal Müllers brahmanischen Ausführungen folgen.

Ein Elementarereignis: Uwe Nolte gibt mit seiner Band „Barditus“ ein Konzert. Bild: privat.

                 
Wie haben Sie den Mauerfall 1989 erlebt? Bruch, Befreiung oder Verlust?

Alle drei genannten Dinge wogten damals in wilder Brandung meines Herzes. Ich war einfach nur überwältigt. Es gab, nachdem der Wortakrobat Schabowski seinen realitätsverändernden Zauberspruch abließ, erstmal Grenzalarm in meiner Kompanie. Wir mussten alle voll aufmunitioniert an den „Kanten“, so hieß der antifaschistische Schutzwall im Soldatenjargon und im Morgengrauen sah ich sie kommen, jene Spezies, die ich nur vom Geruch her aus dem Intershop kannte: westelbisch sozialisierte Humanoide!

Ein Offizier schrie: „Schießt, schießt auf die Schweine!“, andere jubelten wiederum und umarmten die tags zuvor noch als Klassenfeinde deklarierten menschlichen Gestalten. In dem ganzen Tohuwabohu dieser Tage verweigerte ich Befehl und Waffe, musste dafür mehrere Monate in einem Tagebau schuften, bevor ich im März 1990 degradiert und in Unehren entlassen wurde. Mein Studienplatz, für den ich extra drei Jahre zur qualvoll empfundenen Fahne musste, löste sich auch in Luft auf, aber der Weg war frei, um jenseits bürgerlicher Norm, Wotan sei Dank, „Uwe Nolte“ werden zu können.  

Sie beschreiben Ihre Lyrik als „formstreng“ und an Joseph von Eichendorff und Nikolaus Lenau orientiert. Als Vorbilder geben Sie Friedrich Hölderlin, Friedrich Nietzsche und Jakob Böhme an. Sind das nur ästhetische Entscheidungen oder gleichzeitig auch Kampfansagen an den etablierten Politikbetrieb?

Das Adjektiv „formstreng“ stammt nicht von mir. Es ist eine Erfindung von Wikipedia-Schreiberlingen. Dichtung ohne strenge Form ist schlichtweg keine Dichtung! Das Lenau und Eichendorff meine geistigen Väter waren, gebe ich gerne zu. Inzwischen lese ich aber kaum noch Bücher oder Gedichte, sondern belausche Wolke, Woge und Wind. Hölderlin, Nietzsche und Böhme werden immer Dreigestirn meines Himmels sein. Dieses Empfinden ist rein ästhetischer Natur und hat nichts mit Politik zu tun. Ich bin Künstler und darf alles, außer am „etablierten Politikbetrieb“ teilnehmen, denn Erfolg korrumpiert. Meine Kunst ist Meditation, kein Marktgeschrei! Gerne zitiere als Abschluss an dieser Stelle Hölderlin: „…Des Menschen Worte verstand ich nie./Ein heilig´ Herz/Zog mich Unendlichem entgegen.“

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Das Interview wurde von Arne Schimmer geführt.

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