Energie effizient nutzen – aber wie? Der rote Faden der Ausgabe „Energie-Wahnsinn: Sachsen sucht den Ausweg“ ist die Frage, worauf wir uns konzentrieren sollten in Zeiten der kollektiven existentiellen Bedrohung. Die Bundesregierung macht keinen Hehl daraus, dass es sich auf jeden Fall lohne, die gesamtdeutsche Energieversorgung in eine noch nie dagewesene Krise zu manövrieren. Das Gedankenspiel, welche theoretischen Chancen für eine Energieautarkie Sachsens bestehen, führt zu verschiedenen Überlebensmodellen. HIER dieses hochbrisante und spannende Heft bestellen!
Schon die Journalisten von damals waren viel zu beschäftigt, um die Hauptquelle zu ihrem Thema zu befragen. So erfanden sie eine „Dampf-Chaise“ und schrieben in der „Coburger Zeitung“ vom 28. September 1888: „Dieselbe hat dieselbe Spurweite wie jedes andere Gefährt, ist einfacher und practisch construirt und dürfte nach Fertigstellung großes Interesse aller Geschirrbesitzer hervorrufen.“ Das genannte Gefährt bezog seine Energie jedoch nicht aus Dampf, sondern aus einem Tudor-Akkumulator. Das sind langlebige und effiziente Bleiplatten-Batterien. Das Erfindergenie dahinter ist der gebürtige Pfälzer Andreas Flocken (1845–1913).
Es herrscht Gründerzeitstimmung in Coburg. Wie Pilze schießen Häuser und Fabrikgebäude aus dem Boden, am Stadtrand entstehen Fabrikanten-Villen. Erfindungen beflügeln Phantasie und Produktivität. Flocken steigt 1880 in den Trubel ein und errichtet in Coburg eine Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen. Das Geschäft brummt sofort. 1885 erweitert er seinen Firmenkomplex um eine Dampfsägemühle, die er später mit einem Elektro-Dynamo betreibt. 1888 gliedert Flocken dem Unternehmen eine Abteilung für Elektrotechnik an. Dort entwickelt er das erste elektrisch angetriebene Automobil der Welt, zumindest das erste vierrädrige. Flocken wird auch als Erfinder der Spurstange genannt. Ob er seine Fahrzeuge verkaufte oder die technischen Tüfteleien nur für sich selbst anstellte, ist unklar. Seine letzten bekannten Modelle hatten luftbereifte Räder und eine neu entwickelte Achsschenkellenkung, wie auf einem Foto von 1903 zu sehen ist.
Andreas Flocken vor Carl Benz
Bedauerlich für den Nachruhm des Erfinders: Just um Zeit diese traten die Diesel- und Benzinmotoren ihren Siegeszug an. Bis dahin lief etwa ein Drittel der Automobile über Elektroantrieb. Da die Klimarettung damals noch nicht oberste Priorität war, wurden die E-Autos gnadenlos vom Markt gefegt. Andreas Flocken geriet in Vergessenheit. Der Autor Halwart Schrader entdeckte ihn wieder und porträtierte Flocken in seinem Buch „Deutsche Autos 1886 bis 1920“. Dieses Buch fiel dem Heimatforscher Christian Boseckert in die Hände, der den Wissensstand 2009 in einem Aufsatz zusammenfasste. Gleichzeitig setzte die große Wiederbelebung des Themas Elektromobilität ein. Der Verein RetroClassicCultur (RCCV) wurde auf den frühen Elektrowagen aufmerksam. Franz Haag, Mitglied im RCCV, beschloss 2010, den Flocken-Elektrowagen nachzubauen. Pläne oder Konstruktionszeichnungen gab es nicht. Haag stützte sich auf die Fotos und Beschreibungen aus Schraders Buch sowie einschlägige Literatur über Lenksysteme. „Ich versetzte mich gedanklich in die Zeit von 1888 und versuchte, die Ideen und Gedanken von Andreas Flocken nachzuvollziehen“, so der Autoliebhaber aus Marktoberdorf im Allgäu.

Haag vermutete, dass Flocken sich von Gottfried Daimler inspirieren ließ, der zwei Jahre zuvor seinen Verbrennungsmotor in eine Pferdekutsche eingebaut hatte. Einem anderen berühmten Erfinder, Carl Benz, war Andreas Flocken in einem entscheidenden Punkt voraus, indem er das Prinzip der Achsschenkellenkung anwendete, an das sich Benz bei seinen 1886 und 1888 gebauten Motorwagen noch nicht herangewagt hatte. Dessen Autos fuhren deswegen nicht auf vier, sondern noch auf drei Rädern. Haag präsentierte das Gefährt 2011 auf der „RetroClassic Stuttgart“. Es fuhr mit einer Geschwindigkeit von rund 15 Stundenkilometern und einer Reichweite von etwa 40 Kilometern.
Ein weiteres Flocken-Projekt zeigt, wie selbst damals nicht blindlings Innovationen eingeführt wurden, sondern sie einem gemeindebezogenen Schaden-Nutzen-Kalkül unterzogen wurden: Von 1891 bis 1901 stellte Flocken acht Anträge für den Bau von oberirdischen Starkstromleitungen. Die Stadtverwaltung hielt Flocken lange hin, weil sie befürchtete, dass dann größere Betriebe von Gas zu Strom wechseln und dadurch die Einnahmen des Städtischen Gaswerks schmälern würden.
Andreas Flocken verbesserte seinen Wagen kontinuierlich und installierte auch elektrische Scheinwerfer. In Coburg erregte er bei seinen Fahrten großes Aufsehen. Vornehme Damen sollen angesichts des geräusch- und pferdelosen Wagens Angstschreie ausgestoßen haben. Um bei seiner Tochter nach ihrer Heirat vorzufahren, ersteigerte Flocken 1905 eine Wassermühle in der Nähe ihres neuen Wohnsitzes. Wenn er die rund 35 Kilometer lange Strecke dorthin gefahren war, konnte die Batterie neu geladen werden. Dass der Wagen nie Serienreife erreichte, war also indirekt die Schuld der Tochter: Hätte sie 150 Kilometer weiter eingeheiratet, wäre dem erfinderischen Vaterherz sicher eine entsprechende Idee gekommen.
■ Jochen Stappenbeck
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