Günter Maschke steuerte schon zum ersten Buch des neurechten Vordenkers Benedikt Kaiser ein Vorwort bei. In seinem neuen Buch „Der Hegemonie entgegen“ erklärt Kaiser die wichtigsten Begriffe Antonio Gramscis – darunter „Hegemonie“, „Alltagsverstand“, „organischer Intellektueller“ und „historischer Block“ – anhand zeitgenössischer Beispiele, räumt mit verbreiteten Missverständnissen auf und weist der Metapolitik ihren Platz vor und neben der Parteipolitik zu. HIER bestellen!
Was war Günter Maschke nicht alles? Berater von Fidel Castro im revolutionären Kuba, Häftling in dem berühmten Gefängnis in Landsberg am Lech, Ehemann von Johanna Ensslin, der Schwester der bekannten RAF-Terroristin, und zu Beginn der 90er Jahre dann Lehrer für Strategien des Anti-Guerillakampfes an der Marinehochschule von La Punta in Peru. Ein Leben zwischen all jenen politischen Extremen, die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts aufzubieten hatte. Dabei wirkte Günter Maschke im echten Leben manchmal eher wie ein Mann des 19. Jahrhunderts, was insbesondere seine Abneigung gegen elektronische Kommunikationsmittel anging, nicht einmal einen Computer soll er lange Zeit besessen haben.
Die kubanische Lektion
Er war jedenfalls eine Persönlichkeit, die ihre gesamte Umgebung sofort in den Bann zog. Geradezu unglaublich belesen, von subtiler Intellektualität und dazu noch ausgestattet mit einem rhetorischen Talent, das einen vom ersten Moment einer Unterhaltung an in den Bann zog. Günter Maschke wurde am 15. Januar 1943 in Erfurt geboren. 1947 wurde er von dem Textilfabrikanten Walter Maschke aus Bad Sulza und dessen Frau Meta adoptiert. 1949 siedelte die Familie in die damalige französische Besatzungszone nach Trier über. Schon 1960 trat er in die illegale KPD ein, 1964 baute er eine Gruppe der „Subversiven Aktion“ an der Tübinger Universität auf. Im gleichen Jahr heiratete er Johanna Ensslin, die Schwester der späteren RAF-Terroristin Gudrun Ensslin. Maschke zählte zwar zur Neuen Linken, teilte aber nicht deren Illusionen über einen „neuen Menschen“.
Wegen seines ausgeprägten Interesses für Machtfragen und seines Realitätssinns gab ihm Rudi Dutschke den Spitznamen „Maschkiavelli“. Der Wehrdienst, zu dem er eingezogen wurde, machte ihm eigentlich Spaß, da die Bundeswehr damals aus seiner Sicht noch eine echte Armee mit schneidigen und teilweise bei der Wehrmacht ausgebildeten Offizieren war. Aus politischen Gründen beging er dennoch Fahnenflucht und setzte sich nach Wien ab.

Von dort aus sollte er zurück in die Bundesrepublik abgeschoben werden, floh zuvor aber weiter nach Kuba. Hier bewegte er sich eine Zeitlang in den höheren Machtzirkeln, war von den dort herrschenden Zuständen aber bald völlig desillusioniert. Zwar litt Kuba heftig unter dem US-Embargo, aber das Ausmaß der hausgemachten Misswirtschaft schockierte ihn. Grotesk war aus seiner Sicht auch das Verhalten seiner Kollegen vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Wenn diese zu Besuch auf die Karibikinsel kamen, wehrten sie geradezu hysterisch jede von Maschke geäußerte Kritik ab. Schließlich wurde Maschke auch in Kuba verhaftet und nach Deutschland abgeschoben, wo er eine 13monatige Haftstrafe in dem berühmten Gefängnis in Landsberg am Lech verbüßte. Trotz dieser Erfahrung blieben für ihn die Vereinigten Staaten von Amerika wegen ihrer zahlreichen Interventionen der „Schurkenstaat Nummer 1“, wie er später in einem Interview bekräftigte. Maschke wandte sich in der Folgezeit immer stärker der politischen Rechten zu, Jürgen Habermas nannte ihn „den einzigen echten Renegaten der 68er“.
Nestor der internationalen Carl Schmitt-Forschung
In der Folgezeit machte sich der 2022 verstorbene Maschke insbesondere als Herausgeber des Werkes von Carl Schmitt einen Namen, die beiden von ihm kommentierten Aufsatzsammlungen „Staat, Großraum, Nomos“ (1995) und „Frieden oder Pazifismus“ (2005) gelten als Meilensteine der Carl Schmitt-Forschung. Vor allem argumentierte er mit einer Radikalität, die bei vielen heutigen Rechten wohl alle Alarmglocken auslösen würde. In der neuesten Folge des Jungeuropa-Podcasts „Von rechts gelesen“ werfen Benedikt Kaiser und Philip Stein (Volker Zierke fehlte diesmal krankheitsbedingt) schon im Titel die Frage auf „Maschke und die Neue Rechte: Sind wir alle längst eingehegt?“ und porträtieren Maschke als personifiziertes „Gegenmodell zur AfD“. Beide wissen auch zahlreiche Anekdoten aus Begegnungen mit dem Meister in Frankfurt am Main zu berichten, der dort als Mittelpunkt und intellektuelles Gravitationszentrum eines Zirkels agierte, der Besucher aus ganz Deutschland anzog.
Den neuesten Jungeuropa-Podcast kann man sich HIER anhören.
■ Arne Schimmer
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