Mit Molotow-Cocktails und erbeuteten Waffen kämpften die Ungarn im Herbst 1956 gegen sowjetische Panzer. Die Biografie „Der Panzersprenger von Karl-Marx-Stadt: Josef Kneifel: Die Biografie“ befasst sich mit dem fast unglaublichen Leben des Widerstandskämpfers Josef Kneifel, der 1980 mit einem Sprengstoffanschlag gegen das sowjetische Panzerdenkmal in Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt, die DDR-Führung in Rage versetzte. Wer sich für die dunklen, die harten, die kompromisslosen Seiten des DDR-Widerstands interessiert – und nicht nur für Kerzen in der Gethsemanekirche und „Wir sind das Volk“ – kommt an diesem Buch nicht vorbei. Eine Biografie, die einem der mutigsten Männer unseres Landes nach 1945 endlich das verdiente Denkmal setzt! HIER zu bestellen!
„Lang lebe Ungarn und Europa. Wir werden für Ungarn und Europa sterben. Seit den frühen Morgenstunden greifen russische Truppen Budapest und unsere Bevölkerung an. Bitte, melden Sie der ganzen Welt den hinterhältigen Angriff auf unseren Freiheitskampf. Unsere Truppen sind in Kämpfe verwickelt. Der Sender Petöfi ist noch in unserer Hand. Hilfe, Hilfe, Hilfe! – SOS, SOS, SOS!“ – Das war der letzte dramatische Appell, der in der Nacht vom 4. auf den 5. November 1956 von einem Fernschreiber der früheren Budapester Zeitung „Freies Volk“ aus abgesetzt wurde, und in dem die westliche Welt abermals um Hilfe für die Aufständischen in Ungarn gebeten wurde. Die Hilfe kam natürlich nicht.
In den Straßen Budapests und anderer ungarischer Städte flossen nun Ströme von Blut. Noch bis zum 7. November beteiligten sich zwischen 10.000 und 15.000 Aufständische allein in der ungarischen Hauptstadt an gleichermaßen heroischen wie aussichtslosen Straßenkämpfen gegen die sowjetischen Panzer. Den härtesten Widerstand hatten die Besatzer ausgerechnet im Budapester Arbeiterviertel Csepel sowie der Arbeiterstadt Sztálinváros (Stalinstadt, heute Dunaújváros), die 70 Kilometer südlich von Budapest liegt, zu brechen, wo sich die Kämpfe sogar bis zum 11. November 1956 hinzogen. Heute gehen die Historiker davon aus, dass zwischen dem 23. Oktober 1956 und dem 11. November 1956 bei Kampfhandlungen 2 700 Ungarn und 700 sowjetische Soldaten getötet wurden, was ihn zum blutigsten antikommunistischen Aufstand in der Geschichte des Kalten Krieges macht. Nur in Ungarn nahm die niedergeschlagene Revolution die Form eines Bürgerkriegs an, der völlig unerwartet über die damalige ungarische Regierung und die sowjetische Besatzungsmacht hereinbrach.
Das geschleifte Stalin-Denkmal
Mit blankem Entsetzen blickte die gesamte kommunistische Welt damals auf den Volksaufstand in Ungarn. Galt Ungarn denn nicht als sozialistisches Vorzeigeland, im Fußball repräsentiert durch jene „Wunderelf“, die in 32 Pflichtspielen vier Jahre lang unbesiegt blieb, bis sie von der deutschen Mannschaft im WM-Endspiel von Bern am 4. Juli 1954 geschlagen wurde? Der Westen zeigte sich ebenso fassungslos und unvorbereitet – wie konnte es denn ein Volk geben, noch dazu im zivilisierten Europa, das sich sehenden Auges in einen völlig aussichtslosen Krieg gegen eine militärisch hochüberlegene Besatzungsmacht stürzte? Die „Kreml-Astrologen“, also die vermeintlichen Experten für den sowjetischen Machtbereich, hatten den Ungarn-Aufstand in keiner Weise vorhergesehen. Zur Überraschung aller wurde dieser dann auch nicht von enteigneten Großgrundbesitzern oder von bürgerlichen Schichten getragen, sondern von den ungarischen Studenten und Arbeitern sowie der „Volksarmee“ einschließlich zahlreicher Offiziere, die bis dahin als die junge und loyale Elite des kommunistischen Staates gegolten hatten.
So entzündete sich der Funke des ungarischen Freiheitskampfes am Nachmittag des 22. Oktober 1956 in der Aula der Technischen Hochschule in Budapest auf einer großen Studentenversammlung, die mit Debatten über Fahrpreisermäßigungen und günstigere Wohnbedingungen begann und nach einer durchdiskutierten Nacht mit der Verabschiedung einer Resolution endete, die an den Grundlagen des Kommunismus in Ungarn rüttelte. Gefordert wurde in 16 scharf formulierten Punkten beispielsweise der Abzug der Roten Armee, die Vernichtung der Geheimakten der ungarischen Staatssicherheit, die Abhaltung freier Wahlen und die Herstellung völliger Meinungs- und Pressefreiheit. Diesen Forderungskatalog wollten die Studenten am Abend des gleichen Tages noch im Rahmen einer Demonstration am Denkmal des Revolutionsgenerals der Jahre 1848/49, Józef Bem, erheben. Die Machthaber, insbesondere der erst kurz zuvor aus dem Belgrader Exil zurückgekehrte Parteichef Ernő Gerő, der als orthodoxer Stalinist galt, reagierten kopflos – zuerst wurde die Demonstration verboten, dann doch noch genehmigt. Nun brachen alle Dämme, denn am Abend des 23. Oktober 1956 schlossen sich auch Zehntausende von Arbeitern und Soldaten der Studentendemonstration an, bis die Masse der Aufständischen, die vor das Budapester Parlament weiterzogen, auf eine Zahl einer Viertelmillion Personen angewachsen war.

Nun überschlugen sich innerhalb weniger Stunden die Ereignisse. Schon am Nachmittag war das Stalin-Denkmal auf dem Heldenplatz gestürmt und mit einem Traktor vor das Parlamentsgebäude gezogen worden. Gerő beschimpfte die Aufständischen nun in einer Rundfunkrede als „Konterrevolutionäre“, „Chauvinisten“ und „Pöbel“, was nur dazu führte, dass sich ein Teil der Massen auf den Weg zur Zentrale des Ungarischen Rundfunks machten, um dort das Verlesen ihrer Forderungen zu erzwingen. Es war vermutlich Gerő, der den dort stationierten Einheiten der ungarischen Staatssicherheit ÁVH einen Schießbefehl erteilte, was dazu führte, dass nun die ersten Toten auf Seiten der Revolutionäre zu beklagen waren. Unterdessen hatte auch schon die Rote Armee begonnen, militärisch einzugreifen, aber selbst dieses militärische Schreckensszenario konnte die Aufständischen nicht mehr aufhalten, zumal sich diese teilweise aus Waffendepots der Ungarischen Volksarmee selbst bewaffneten.
Imre Nagy – vom Stalinisten zum Patrioten
Nun begann die erstaunliche Wandlung des Imre Nagy vom ehemaligen stalinistischen Kader zum ungarischen Patrioten. Nagy hatte für lange Zeit eine Bilderbuchkarriere als stalinistischer Vorzeigekader gemacht: Im Jahr 1953 wurde er Ministerpräsident, wobei er in seiner Amtsführung dann allerdings schon im Rahmen eines „Neuen Kurses“ eine größere ungarische Selbstständigkeit gegenüber der Sowjetunion forderte und deshalb im Jahr 1955 als „Rechtsabweichler“ aller seiner Posten enthoben wurde. In der aufgeheizten Situation des 23. Oktober 1956 schien Nagy der richtige Mann zu sein, um die Lage einerseits zu beruhigen, andererseits aber die Macht für die ungarische kommunistische Staatspartei MDP zu sichern. Doch Nagy funktionierte nicht in diesem ihm zugedachten Sinne, ebenso wenig wie der ungarische Verteidigungsminister Oberst Pál Maléter, der als ehemaliger Spanienkämpfer ein kommunistischer Nationalheld war, der aber den Volksaufstand nicht niederschlug, so wie es sein Auftrag gewesen war, sondern sich an die Spitze der Aufständischen stellte und deren militärische Führung übernahm.
Für zwei Wochen im Herbst des Jahres 1956 schien in Ungarn nun alles möglich: Die Errichtung eines nationalen „ungarischen Sozialismus“, das Beschreiten eines Dritten Wegs zwischen Ost und West, eine nationale Zukunft als neutraler Staat wie Österreich. Ein solches Szenario war nicht von vorneherein ausgeschlossen. Allerdings fühlte sich wohl die Führung der Sowjetunion selbst sehr stark unter Druck gesetzt, als Imre Nagy am 1. November 1956 den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt sowie die Neutralität des Landes verkündete. Die Entscheidung für ein militärisches Eingreifen in Ungarn fällte Nikita Chruschtschow aber wohl vor allem wegen der Suez-Krise, die sich zeitgleich in Ägypten abspielte und in der der Generalsekretär der KPdSU den Westmächten mit dem Einsatz von Atomwaffen drohte. Ein Nachgeben in Ungarn hätte da wie Schwäche gewirkt.
Am 4. November erhielt die Rote Armee in Ungarn deshalb zum zweiten Mal einen Angriffsbefehl und das tragische Geschehen nahm seinen Lauf. Imre Nagy floh in die jugoslawische Botschaft, wo allerdings ein falsches Spiel mit ihm getrieben wurde. Obwohl ihm freies Geleit zugesichert worden war, wurde er am 22. November beim Verlassen der Botschaft von Mitgliedern des sowjetischen Geheimdienstes KGB verhaftet und nach Rumänien ausgeflogen, wo ihm anderthalb Jahre später unter höchster Geheimhaltung der Prozess gemacht wurde. Nun zeigte der ehemalige stalinistische Spitzenkader große Tapferkeit. Seine letzten Worte vor Gericht waren: „Ich glaube, dass ich das Opfer eines schwerwiegenden Irrtums, eines Justizirrtums bin. Mein einziger Trost in dieser Situation ist der Glaube daran, dass ich früher oder später vom ungarischen Volk und der internationalen Arbeiterklasse freigesprochen werde, von all den schwerwiegenden auf mir lastenden Beschuldigungen, derentwegen ich mein Leben opfern muss, was ich aber auf mich nehmen muss… Ich möchte nicht um Gnade bitten.“ Imre Nagy und Pál Maléter wurden am 16. Juni 1958 in Budapest gemeinsam mit dem Journalisten Miklós Gimes im Hof des Budapester Sammelgefängnisses erhängt. Nagys Leichnam wurde mit Säure übergossen und in einer Ecke des Budapester Zoos verscharrt, wo auch Tierkadaver vergraben werden.
■ Arne Schimmer
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