Der Berzdorfer See zählt zu den größten Seen in Sachsen. Bild: Jochen Stappenbeck.

Gute Gespräche am Görlitzer Meer

Von Jauernick nach Aue: die Welt ist winzig

Das Erzgebirge lebt, das Erzgebirge bleibt eigen und widerständig! Deitsch on frei wolln mer sei – die brandneue AUFGEWACHT ist da! Im Juni 2026 jährt sich der Geburtstag von Anton Günther zum 150. Mal. Der „Tholer-Hans-Tonl“ aus Gottesgab, der größte Volksdichter und Sänger des Erzgebirges, dessen Lieder bis heute in jedem Winkel des Gebirges nachklingen, war eine einmalige Figur in der Kulturgeschichte des Erzgebirges. Wir haben ihm die Titelgeschichte unseres aktuellen Hefts „150 Jahre Anton Günther: Lieder gegen das Unrecht“ gewidmet. Außerdem eine Reportage über das Jungeuropa-Lesertreffen 2026, ein von Sascha A. Roßmüller geführtes Interview mit der US-amerikanischen Journalismus-Legende Peter Brimelow sowie vieles, vieles mehr! HIER bestellen!

Die Oberlausitzer Dörfer schlängeln sich oft in die Länge und in die Höhe. Wie das 1059 Jahre alte Jauernick bei Görlitz. Eine weise Entscheidung, denn wo zu seinem Fuße einstmals Land war, flimmert nun ein mit 333 Millionen Liter Wasser aufgefüllter Baggersee, im Volksmund „Berzi“ genannt. Stille Wasser sind tief: 305 Millionen Tonnen Braunkohle wurden von 1946 bis 1997 aus der Erde geholt. 71 Meter tief könnte man jetzt noch hinabtauchen. Der nördliche Quai nennt sich „Fernblick“. Am Horizont dampfen die polnischen oder tschechischen Kohlekraftwerke, davor steht stumm und still deutscher Windspargel. Ganz oben sticht ein spitzer, schwarzer Kirchturm in den Himmel. Er gehört zur ältesten Kirche in der Oberlausitz. Offiziell heißt der Ort Jauernick-Buschbach, oben sitzen die Katholiken, unten in Buschbach die Protestanten. Und noch ein bisschen drunter sitze ich – unter einem Holzdach mit Seeblick. In der warmen Jahreszeit schreibt es sich hier gut. Die meiste Zeit offline, zwei Laptops, ein paar Bücher, Wasser, eine Pampelmuse und zufrieden ist die Muse. Je weniger Ablenkung, desto besser.

Es ist schwül, aber sonnig. Genauer: sonnig, aber schwül. Gegen fünf setzt scharfer Westwind ein. Schwarze Wolken schieben sich grummelnd hinter dem Berg hervor. Die ersten Regentropfen klopfen noch ganz höflich an. Es raschelt und zischelt im Holz. Dann die ersten Salven. Rechtzeitig schaffen es zwei Radler in den Unterschlupf. Während um uns der Schauer niedergeht, entspannt sich ein Gespräch. Nach anderthalb Stunden, längst scheint wieder die Sonne, wissen wir alles voneinander. Er ist in Rente und stammt aus einem Dorf in der Nähe von Annaberg-Buchholz, sie aus Görlitz, haben sich vor nicht langer Zeit gefunden, ein süßes Paar. Ich zeige ihnen, dass ich Minuten zuvor die Bahnverbindung für den morgigen Tag nach Annaberg herausgesucht hatte, um von dort zu Stefan Hartungs OB-Wahl nach Aue zu radeln. Die Welt ist winzig. 33 Jahre lang in der örtlichen Strumpfindustrie gearbeitet. „Nach zwei Wochen dachte ich: Gefällt mir nicht. Es muss noch etwas Besseres geben. Aber so sind wir: treudeutsch und pflichtbewusst. Das Preußische steckt uns im Blut.“

Reminiszenzen an Eichendorff

Auf dem Heimweg pedaliere ich hoch zur Kirche. Der Ortsname bedeutet sorbisch Ahorn-Siedlung. Den Neuanfang zu wählen, bittet an der Bushaltestelle Sebastian Wippel von der AfD auch noch eine Woche nach dem Urnengang, nach dem Urnenkomplott. Neuanfang geht nur ohne Briefwahl. Kein Hof gleicht dem anderen. Jeder geht auf seine Weise mit dem Gefälle um. Schön ist, was gefällt. Am besten prägt sich ein Ort ein, wenn man jeden einzelnen Briefkasten mit Wahlwerbung füttert. So geschehen vor zwei Jahren für die Kommunalwahlen. Vor der alten katholischen Dorfschule (seit 1407 ist Unterricht dokumentiert, er dauerte bis 1959) ist eine Plakette angebracht: „Der schlesische Dichter der Romantik Joseph von Eichendorff (1788-1856) besuchte im Sommer 1797 während einer Reise der Familie nach Karlsbad in Jauernick die Eltern seines Hauslehrers und Erziehers Bernhard Heink (1768-1840).“

Titelabbildung AUFGEWACHT 6-26: 150 Jahre Anton Günther

Der neunjährige künftige Klassiker kutschierte also im Anschluss direkt über das heutige Wasser und die gestrige Grube. Eichendorff zählt mit über fünftausend Vertonungen zu den meistvertonten deutschsprachigen Lyrikern. Vier davon, nicht die schlechtesten, sind von mir. Bescheidenheit ist Sünde wider die Vorsehung. Ansonsten war von Eichendorff ein geflissentlicher Jurist und tapferer Soldat, verteidigte Torgau und jagte Napoleon bis nach Paris. Eines seiner Leib- und Magenthemen war das Verhältnis von Heimat und Fremde, sich fremd zu fühlen unter den Zeitgenossen, Verlusterfahrungen: „Heimat ist da, wo sie nicht mehr ist“.Und dann per Regiobahnkutsche in das Gebirge, wo sich Herz auf Erz reimt und Heimat nach Fichte riecht.

 Jochen Stappenbeck

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