Die Vorgeschichte des Wave-Gotik-Treffens reicht bis in die Spätzeit der DDR zurück. Ende der 1980er Jahre bildete sich in Leipzig eine lose Szene junger Leute, die sich, in Anlehnung an die damals im Westen bereits etablierte Wave- und Gothic-Subkultur, schwarz kleideten, die Haare toupierten, Musik von Gruppen wie Depeche Mode oder The Cure hörten. Einen ausführlichen Artikel über den Punk- und Gothic-Untergrund der DDR finden Sie in unserem Sonderheft „Die DDR: Geschichte eines anderen Deutschlands“. HIER bestellen!
Ein Leben ohne Wave-Gotik-Treffen ist möglich, aber sinnlos. Dieses Bonmot würden sicherlich Tausende von Anhängern der Dark-Wave-Szene rund um den Erdball unterzeichnen. Nirgendwo zelebriert sich der musikalische Untergrund so emphatisch wie jedes Jahr in Leipzig über die Pfingstfeiertage.
Auch die Besucher, die gestern in der Pleißestadt eintrafen, wurden wieder mit der unvergleichlich entspannten Atmosphäre begrüßt, die sich in den Pfingsttagen über die sächsische Metropole legt. Langsam, aber sicher, prägen dunkel gewandete Personen das Stadtbild. Diese reisen aus aller Welt an, um das vielleicht bedeutendste Gothic-Festival der Welt nicht zu verpassen. Nicht fehlen dürfen dabei alljährlich auch größere Besuchergruppen aus Mexiko.
Seelenverwandschaften der besonderen Art
In wohl keinem anderen Land der Welt spielen rein deutschsprachige und ausgeprägt dunkelromantische Gothic-Bands wie Lacrimosa, Deine Lakaien, Goethes Erben oder L’Âme Immortelle eine so ausgeprägte Rolle wie im Land der Kakteen. Der Schweizer Tilo Wolff, dessen Bandprojekt Lacrimosa nach dem Mauerfall wie kein zweites das Subgenre der „Neuen Deutschen Todeskunst“ begründete, genießt in Mexiko beispielsweise fast kultische Verehrung und seine – übrigens sehr textsicheren – Fans füllen hier ganze Fußballstadien.

Die emotionale Intensität und die literarische Qualität der Texte passen gut zur mexikanischen Vorliebe für dramatische, romantische und düstere Ausdrucksformen, man denke nur an lokale Traditionen von Tod, Mystik und Melancholie, wie sie sich im Feiertag des Dia de los Muertos verdichten.
Musik aus den Zwischenwelten Altamerikas
Dieser kulturelle Austausch funktioniert aber nicht nur in eine Richtung. In den 90er Jahren schwappte etwas aus Mexiko City nach Deutschland herüber, was wie der verzerrte Schrei einer ganzen Stadt klang, die am Abgrund tanzt. Musik aus einem Moloch, der täglich Menschen in sich aufsaugt und sie dann wieder ausspuckt. Musik, die so klang, als wären aztekische Opferpriester in ihre einstige Hauptstadt zurückgekehrt, hätten dort ihr blutiges Handwerk wiederaufgenommen und gleichzeitig wäre der Vulkan Popocatépetl mit voller Wucht ausgebrochen.
Bands wie Hocico, gegründet 1993 von Erk Aicrag und Racso Agroyam, gelten als Pioniere. Sie mischten die Kälte des europäischen Dark Electro, von Projekten wie Front 242 oder Wumpscut, mit den urbanen Mythen und indigenen Traditionen Zentralamerikas. In ihren Liedern spiegelten sich Armut, Gewalt, Korruption und das chaotische Leben in einer Megacity, aber auch der Glaube an die schamanischen Geister- und Übergangswelten Altamerikas. Mit diesem fürwahr innovativen Ansatz des mexikanischen Hellelectro avancierten Hocico zum vielleicht wichtigsten Kulturimport Mexikos der vergangenen Jahrzehnte und nebenbei auch noch zur Vorband von Rammstein.
Aber Hocico sind natürlich nicht die einzige Band, die der hochinnovativen Electro-Szene von Mexiko City entsprungen sind. Ein ebenso eigenartiges und bemerkenswertes Gewächs ist das etwa um das Jahr 2000 herum entstandene Projekt C-Lekktor des mexikanischen DJs Marco Antonio Barrientos, das gestern im Haus Leipzig die dort stattfindenden Konzerte zum diesjährigen Wave-Gotik-Treffen eröffnete. Die mexikanische Aggrotech-Institution lieferte ein energiegeladenes, kompromisslos hartes Set, das perfekt in die frühe Abendstimmung passte und die das Haus Leipzig in einen brodelnden Vulkan verwandelte.
Punk ist nicht tot
Viele Konzertbesucher zog es dann aber auch schon auf das agra-Messegelände, dem traditionellen Hauptort des Festivals, um dort bloß nicht eine außergewöhnliche Premiere zu verpassen. Am späten Abend spielte dort nämlich Anja Huwe mit ihrer 1980 in Hamburg gegründeten Postpunk-Band Xmal Deutschland. Gegründet 1980 in Hamburg als reine Frauenband, gehörten sie zu den ersten deutschen Gruppen, die international erfolgreich waren – und dies trotz oder wegen ihrer fast ausschließlich deutschsprachigen Texte. Bis heute genießen sie in den USA und im Vereinigten Königreich absoluten Kultstatus, während es im eigenen Heimatland mit dem eigenen Bekanntheitsgrad weiter überschaubar bleibt – ein weiteres Beispiel für die merkwürdigen Wege, die die Verbreitung der Musik manchmal zwischen den Nationen nimmt.

Gestern begeisterte Huwe mit ihrer energiegeladenen Aura und ihrer faszinierenden Stimme jedenfalls ihre Zuhörer in der rappelvollen Agra-Messehalle. 46 Jahre nach ihrer Gründung werden Xmal Deutschland endlich auch in ihrem Heimatland immer populärer – und das ist auch gut so!
■ Kurt Koriath
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