Wer die Ereignisse des 17. Juni 1953 in ihrer Tiefendimension verstehen will, muss vor allem auch das Hintergundgeschehen in der Sowjetunion beleuchten, wo nach Stalins Tod ein Machtkampf ausgebrochen war, wie in Zukunft mit der Deutschlandpolitik und der DDR verfahren werden sollte. Eine zentrale Rolle spielte dabei der langjährige sowjetische Geheimdienstchef Lawrenti Berija, der sich um einen innen-und außenpolitischen Kurswechsel bemühte, aber am 10. Juli 1953 entmachtet und in der Folge hingerichtet wurde. Die Hintergründe dieses historischen Dramas erfahren Sie in unserem Sonderheft „Die DDR: Geschichte eines anderen Deutschlands“. HIER bestellen!
„1. Volle Sicherheit für die Sprecher des Streiks 2. Freie Rede und Pressefreiheit 3. Abschaffung der erhöhten Normen 4. Senkung der HO-Preise 5. Freie Wahlen für ganz Deutschland 6. Weg mit den Zonengrenzen 7. Abzug aller Besatzungstruppen 8. Weg mit der kasernierten Volkspolizei 9. Freilassung aller politischen Häftlinge 10. Rückführung sämtlicher Kriegsgefangener aus der Sowjetunion“ – diese Forderungen standen am Beginn des einzigen großen Generalstreiks in der DDR-Geschichte, der sich am 17. Juni 1953 zum Arbeiteraufstand ausweiten sollte. Die Arbeiter in Mitteldeutschland hatten in der Zeit vor dem Aufstand dramatische Jahre hinter sich gebracht: Auf Krieg und Vertreibung folgte in der „Sowjetischen Besatzungszone“ und der frühen DDR die gnadenlose stalinistische Versklavungspolitik, die gekennzeichnet war von Hungerlöhnen, Enteignungen, Demütigung, Chauvinismus, Polizeiterror, von willkürlichen Verhaftungen und von Deportationen, die jeden über Nacht zum Insassen eines sibirischen Gulags oder eines jener gefürchteten „Speziallager“ in der „Sowjetischen Besatzungszone“ machen konnte, von denen insbesondere das „Gelbe Elend“ in Bautzen als „Speziallager Nr. 4“zu trauriger Berühmtheit gelangte.
Nationale neben sozialen Forderungen
Die Pogromstimmung in Permanenz, die von der sowjetischen Besatzungs- und der deutschen kommunistischen Staatsmacht erzeugt wurde, fand ihr ganz eigenes Echo in den Fabriken und Betrieben zwischen dem Erzgebirge und Kap Arkona: Die mitteldeutsche Arbeiterschaft wollte frei sein, frei in doppelter Hinsicht: sozial und national und schon auf den ersten Handzetteln, die auf parteieigenen Vervielfältigungsmaschinen in bestreikten Betrieben hergestellt wurden, standen nationale neben sozialen Forderungen. Das Risiko, das jeder Einzelne einging, der sich an dem Aufstand beteiligte, war enorm: Der sowjetische Diktator Josef Stalin war zwar am 5. März 1953 gestorben, aber in Ulbrichts sowjetischem Protektorat setzte in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts jeder der mitteldeutschen Arbeiter, der damals streikte und revoltierte, sein Leben ein und mußte damit rechnen, über Nacht in das sowjetische Gulag-System verschleppt zu werden oder Opfer der erbarmungslosen politischen Justiz der frühen DDR zu werden.
Dennoch war die Bereitschaft zum Heroismus und zum selbstlosen idealistischen Einsatz – gerade wenn man das damalige Geschehen aus der Perspektive einer satten Konsumgesellschaft betrachtet – unglaublich hoch: Es streikten und erhoben sich geschätzt bis zu einer Million Aufständischer, ohne Waffen, ohne Generäle und ohne Verbündete, die nur auf sich allein gestellt waren. Sie erhoben sich als Patrioten und waren Träger eines der heroischsten Volksaufstände der deutschen Geschichte. Am 17. Juni 1953 zeigten die Aufständischen Solidarität, Opfermut und Kampfbereitschaft bis zum letzten, gepaart mit einer Todesverachtung, die man sich in unserer Gegenwart nur noch schwer vorstellen kann. Im Kugelhagel sowjetischer Besatzungssoldaten und deutscher Vopos stürmten sie Gefängnisse, befreiten politische Häftlinge und stellten sich – nur mit Steinen oder Eisenstangen bewaffnet – den Sowjetpanzern in den Weg. Die revolutionäre Entschlossenheit der mitteldeutschen Arbeiter war so groß, daß sie auch viele Volkspolizisten mitrissen, die sich weigerten, auf Landsleute zu schießen oder die absichtlich über ihre Köpfe zielten.

Neben den Geschehnissen des 17. Juni in der damaligen DDR gab es im Jahr 1953 noch ein anderes großes Freiheitsereignis, nämlich den Sklavenaufstand der Zwangsarbeiter in dem nahe dem Polarkreis gelegenen Gulag Workuta, in dem zahlreiche deutsche Kriegsgefangene und zahlreiche deutsche politische Gefangene einsaßen. Es war ein ehemaliger Workuta-Häftling, der Publizist Wolfgang Strauss, der mit seinem Buch „Aufstand für Deutschland“ ein Standardwerk über die Geschehnisse des 17. Juni 1953. Über die Forderungen der Aufständischen schrieb er:
„Abzug der Okkupationstruppen aus ganz Deutschland, Einheit Deutschlands, Auflösung der Konzentrationslager für Politgefangene, Solidarisierung mit den verschleppten Kriegsopfern in Rußland, freie Wahlen in Deutschland, Schleifung der Zonengrenzen – der Generalstreik mündete in die Revolution. Es ging nicht mehr nur um Normendiktat, Preise, Hunger, Brot. Zur Diskussion stand die Neuordnung Deutschlands und darüber hinaus ganz Mitteleuropas, die Forderungen zielten auf Veränderung des Status quo im Herzen Europas. Die mitteldeutsche Arbeiterschaft, beflügelt von patriotischem Elan, hatte die Straße zur revolutionären Revision der Herrschaftsstrukturen im Jalta-Europa betreten. Die nationale Motivation der Wiedervereinigung verlieh den sozial-ökonomischen Motiven eine beispiellose Offensivwucht.“
Schwerpunkt Sachsen
Bereits am frühen Vormittag des 17. Juni 1953 griff der Generalstreik von Berlin nach Halle, Magdeburg, Jena, Rostock und Hennigsdorf, aber mit besonderer Wucht auch nach Sachsen, nach Dresden, Leipzig, Görlitz, Niesky und Chemnitz über. In Leipzig besetzten die Aufständischen die FDJ-Zentrale und stürmten das Gebäude der SED-Staatsanwaltschaft. In Dresden trafen sich Vertreter mehrerer Dresdner Großbetriebe zu einer revolutionären Delegiertenkonferenz im Sachsenwerk Niedersedlitz, um das gemeinsame Vorgehen zu koordinieren und auf dem Postplatz umringten Aufständische das Hauptpostamt, das Telegrafenamt, die Gebäude des Polizeipräsidiums und der SED-Bezirksleitung.
Im ostsächsischen Niesky stürmten die Revolutionäre die Kreisdienststelle des Ministerium für Staatssicherheit. In der Arbeiterstadt Chemnitz, die erst im Mai 1953 von Otto Grotewohl in „Karl-Marx-Stadt“ umbenannt wurde, bedanken sich die Arbeiter auf ihre Art und Weise für die Vereinnahmung ihrer Stadt durch das SED-Regime, in vier volkseigenen Betrieben, im VEB Vereinigte Gießereien, im VEB Schleifmaschinenbau, im VEB Büromaschinenwerk, den früheren Wanderer Werken, und im VEB Textima Spinnerei- und Zwirnmaschinenbau wird in den Vormittagsstunden die Arbeit niedergelegt.

Im gesamten Erzgebirge explodieren Wut und Unzufriedenheit, selbst die Arbeiter-Elite der Wismut-Kumpel, deren soziale Lage etwas besser war als die des Restes der Bevölkerung und die besonders auf ihre politische Zuverlässigkeit geprüft wurden, stellt sich in großen Teilen an die Seite der Revolutionäre. Der Westen reagierte übrigens schon damals mit Feigheit und Zurückhaltung auf den mit Todesverachtung und Heldenmut geführten Aufstand der Landsleute in Mitteldeutschland. So rief der Sender RIAS Berlin in den Nachmittagsstunden die Revolutionäre sogar dazu auf, jede Provokation zu vermeiden. Der Historiker Wolfgang Paul, der sich mit Darstellungen der Berliner Geschichte einen Namen machte, hielt fest, was sich zur gleichen Zeit auf den Straßen Berlins abspielte:
„Zu dieser Stunde walzte ein sowjetischer Panzer Unter den Linden vor dem ehemaligen Zeughaus einen Arbeiter in den Asphalt, die Menge errichtete dem Toten ein Holzkreuz mitten auf der Straße, bedeckte seine Leiche mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne, dann sang sie das Deutschlandlied. Und während Sowjetpanzerspähwagen am Brandenburger Tor auffuhren, holten junge Berliner die rote Fahne vom Tor herunter und hißten dafür die schwarz-rot-goldene Fahne.“
Hätten die aufständischen Arbeiter am 17. Juni 1953 gesiegt, dann hätten sie aus eigener Kraft eine wahre und einige deutsche und demokratische Republik geschaffen. Die Revolutionäre von damals haben es verdient, daß man sich heute an sie erinnert!
■ Arne Schimmer
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