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Am gestrigen Freitag ereignete sich in den Phlegräischen Feldern westlich von Neapel ein Erdbeben der Stärke 4,7. Es handelte sich um das stärkste instrumentell erfasste Beben in der Region seit rund 40 Jahren.Vulkanologen warnen vor einem Ausbruch des kampanischen Supervulkans Phlegräische Felder, der weit gefährlicher ist als der Vesuv.
Die Phlegräischen Felder breiten sich – beginnend am unmittelbaren westlichen Stadtrand von Neapel – über ein Gebiet von einer Größe von mehr als 150 Quadratkilometern bis in den Golf von Neapel hinein aus, wo sie untermeerisch auch das Gebiet einiger Inseln des Kampanischen Archipels wie Ischia, Procida und Nisida einschließen. Die Landschaft, über die sich schon Goethe über alle Maßen verwundert gezeigt hatte, ist geprägt durch Solfatare, also die Ausströmungen verschiedener Gase aus dem Erdreich, und Mofetten, also Austrittspunkten von Kohlendioxid. Aus Fumarolen tritt Wasserdampf mit einer Temperatur von bis zu 800 Grad aus, ebenso existieren zahlreiche Thermalquellen. An vielen Stellen ist das Gestein durch die aufsteigenden Schwefeldämpfe gelb gefärbt. Während die Griechen auf den „Campi Flegrei“ – so die italienische Bezeichnung für die „Phlegräischen Felder“ – den Zugang zur Unterwelt vermuteten, wissen wir heute, dass es sich um den einzigen Supervulkan Europas handelt.

Als Supervulkane bezeichnet man jene Vulkane, die aufgrund ihrer Größe keine Kegel aufbauen, sondern die riesige Calderen, also Einbruchskessel, am Boden hinterlassen, die dann entstehen, wenn die geleerte Magmakammer nach dem Ausbruch einstürzt. Der bekannteste Supervulkan der Welt ist der Yellowstone im Mittleren Westen der USA. Der letzte Ausbruch einer solchen vulkanischen Struktur ereignete sich zu prähistorischen Zeiten vor 26.500 Jahren in Neuseeland und hinterließ dort den Kratersee Lake Taupo. Die Zerstörungen, die ein derartiger Ausbruch in der Zivilisation unserer Gegenwart auslösen würde, sind fast unvorstellbar. Schon der Ausbruch selbst würde mit Erdbeben und Flutwellen bislang unbekannter Stärke einhergehen. Neben diesen Primärschäden würde es bald zu einer globalen Klimakatastrophe kommen, die als Vulkanischer Winter bezeichnet wird, da das ausgeworfene Schwefeldioxid und die Asche sich wie ein Schleier in den unteren Schichten der Erdatmosphäre ablegen würden.
Der „Kampanische Ignimbrit“ und die Neandertaler
Wissenschaftler schätzen, dass in Europa die durchschnittliche Temperatur nach einem Ausbruch der Phlegräischen Felder um unfassbare zehn Grad zurückgehen würde. Vermutlich hat schon der letzte Ausbruch der Phlegräischen Felder vor 39.000 Jahren, der als „Kampanischer Ignimbrit“ bezeichnet wird, tief in die Geschichte der menschlichen Gattung eingegriffen. Wissenschaftler wie der Bayreuther Geomorphologe Ulrich Hambach führen das bis heute eigentlich rätselhafte Ausstreben des Neandertalers auf den letzten Ausbruch dieses Supervulkans zurück. Hambach konnte nachweisen, dass die Folgen der Eruption wohl weitaus größer waren, als lange Zeit vermutet worden war. In der ungarischen Steppenlandschaft an der Unteren Donau beispielsweise hatte man eine mehrere Zentimeter dicke Ascheschicht vermutet. Bei Erkundungen mit einem internationalen Forscherteam stieß der Bayreuther Geologe aber auf vulkanische Ablagerungen von rund einen Meter. Durch gesteinsmagnetische und geochemische Analysen an der Uni Bayreuth konnte außerdem bestätigt werden, dass die Asche aus dem italienischen Vulkan stammte.
Letzter großer Ausbruch 1538
Der moderne Mensch – so die These – überlebte, weil er damals schon über die ganze Erde verbreitet war, während die damaligen Siedlungsgebiete des Neandertalers wohl überdurchschnittlich stark von dem Ausbruch betroffen waren und die auf den damaligen Vulkanausbruch folgenden Klima- und Umweltveränderungen dem ohnehin ums Überleben kämpfenden Neandertaler quasi den Todesstoß versetzten. Die ausgeworfene Asche bedeckte damals eine Fläche von zwei bis vier Millionen Quadratkilometern und überzog unter anderem Ägypten, Syrien, die Türkei, Georgien, den Süden Russlands und Kasachstans und reichte im Norden bis nach Montenegro, Albanien, Mazedonien, Rumänien, Moldawien und die Ukraine. Nun ist zum Glück nicht jeder Ausbruch der Phlegräischen Felder auch gleich eine vulkanische Supereruption. So fand der letzte größere Ausbruch zu historischen Zeiten vom 28. September bis zum 3. Oktober 1538 statt.
Er führte zur Bildung eines neuen Berges, des 140 Meter hohen Vulkankegels „Monte Nuovo“, und zur Abschnürung des Averner Sees („Lago d`Averno“) vom Meer. Ein solcher Ausbruch wäre heute angesichts der dichten Besiedlung des Ballungsraums Neapel natürlich eine verheerende Katastrophe, würde aber zumindest nicht gleich die Existenz der gesamten europäischen Zivilisation gefährden. Jedes Erdbeben in den Phlegräischen Feldern und jeder Ausbruch des Vesuvs machen allerdings deutlich, dass Europa unter dem Damoklesschwert eines neuerlichen Ausbruchs dieses Supervulkans lebt.
■ Arne Schimmer
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