„Der große Zorn – Wahlbeben im Osten?“ – Jetzt unser brandneues Augustheft lesen! Der Osten kocht – der Zorn ist nach Jahrzehnten einer abgehobenen und arroganten Politik da. Und er hat eine Partei gefunden. In unserem brandneuen Heft findet Ihr Porträts zu den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sowie einen Essay von Peter Schreiber zu dem Thema, ob der Osten die Systemfrage entscheidet. Abgerundet wird das Heft durch ein Interview mit dem früheren sachsen-anhaltinischen AfD-Landesvorsitzenden und COMPACT-TV-Moderator André Poggenburg. HIER bestellen!
Das Projekt „M1llion“ hat gestern mehr als10.000 Demonstranten nach Plauen in den Westen Sachsens mobilisiert – ein deutliches Zeichen, dass der Straßenprotest rechtzeitig vor den Ost-Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wieder massiv an Stärke gewinnt. Kenner der Geschichte werden die Analogie zur Friedlichen Revolution in der DDR bemerken, die ebenfalls von der vogtländischen Kreisstadt aus ihren Anfang nahm.
Blicken wir 37 Jahre zurück: Die Zeit der großen Demonstartionen in der DDR begann im Oktober 1989. Die Irrsinnsidee Honeckers, die aus Prag eintreffenden Züge mit den Botschaftsflüchtlingen, denen die Ausreise noch gestattet worden war, ausgerechnet durch die sich ohnehin schon in Gärung befindliche sächsische Elbmetropole rollen zu lassen, sollte sich schnell rächen. Schon vom 3. auf den 4. Oktober gab es Versuche, im Bahnhof haltende Züge zu erstürmen, eine Person geriet dabei auf die Gleise und verlor ein Bein. Die Nacht darauf brachte fast rumänische Verhältnisse – in der stalinistischen Diktatur des Nicolae Ceaușescu wurde der Kampf des Volkes gegen die Staatsmacht gut zwei Monate später auf der Straße ausgetragen. Später stellte eine Untersuchungskommission zu den Ereignissen in Dresden fest, dass einige der aggressivsten vermeintlichen Demonstranten zivile Mitarbeiter des MfS waren.
Ein Aufstand des Volkes
Es kam jedenfalls zu heftigen Straßenschlachten in und um den Hauptbahnhof, wehrpflichtige Bereitschaftspolizisten legten – obwohl ihnen hohe Haftstrafen drohten und sie sofort abgeführt wurden – die Waffen nieder, ein Funkstreifenwagen der Volkspolizei wurde umgekippt und in Brand gesteckt und als der Morgen dämmerte, waren Teile des Gebäudes ein Trümmerfeld. Aufgefangen wurde die Situation von Zehntausenden von Dresdnern, die nun Nacht für Nacht auf die Straßen nachdrängten und aus dem „Wir wollen raus“ ein „Wir bleiben hier“ machten. Hier ertönten auch die ersten „Deutschland, Deutschland“-Rufe und wurden die ersten Deutschland-Fahnen gezeigt.

Aufgefangen wurde die Situation von Zehntausenden von Dresdnern, die nun Nacht für Nacht auf die Straßen nachdrängten und aus dem „Wir wollen raus“ ein „Wir bleiben hier“ machten. Hier ertönten auch die ersten „Deutschland, Deutschland“-Rufe und wurden die ersten Deutschland-Fahnen gezeigt. Das mediale Interesse konzentrierte sich freilich auf Leipzig, wo die Großdemonstration am 9. Oktober 1989 mit ihren 70.000 Teilnehmern als Kipppunkt der Revolution und als deutsches Gegenstück zum 14. Juli 1789, dem Tag des Sturms auf die Bastille, gilt. Ausgangspunkt der Proteste war die Nikolaikirche, initiiert und getragen wurden diese aber – worauf der Religionssoziologe Detlef Pollack 2019 in einem in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ausgetragenen Disput mit dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hinwies – von Normalbürgern, nicht von der winzigen Gruppe der Bürgerrechtler. Alles andere, so Pollack, sei ein „historischer Irrglaube zur DDR“.
In den entscheidenden Herbsttagen des Jahres 1989 sei es angesichts „der schwerbewaffneten Staatsmacht nicht auf Kommunikation“ angekommen, „sondern allein darauf, dem staatlichen Druck nicht zu weichen, Mut zu beweisen und den eigenen Körper gegen die Staatsmacht einzusetzen.“ Diese These wird auch belegt durch die erste Großdemonstration in der DDR seit dem 17. Juni 1953, die am 7. Oktober 1989 mit 20.000 Teilnehmern im vogtländischen Plauen in Westsachsen stattfand. Sie war – wie es der Historiker Wolfgang Schuller in seinem Buch „Die deutsche Revolution 1989“ nannte – die „außergewöhnlichste, weil aus dem Nichts kommende Massenkundgebung“ der damaligen Zeit.
Die Großtat des Jörg Schneider
Ausgelöst wurde das Ereignis durch die Aktivitäten eines Einzelnen. Ein Plauener namens Jörg Schneider tippte Anfang Oktober hundertfach einen Aufruf in die Schreibmaschine und rief die Bürger zum 7. Oktober, dem „Republikgeburtstag“, zur Demonstration auf – für Versammlungs- und Streikrecht, Meinungsfreiheit, freie Wahlen und Reisefreiheit. Um sich zu tarnen, gab er sich als „Initiative zur demokratischen Umgestaltung der Gesellschaft“ aus, und die Zettel verteilte er mit zwei Freunden nachts in Telefonzellen und Hauseingängen. Die Stasi verfolgte die Spur mit einem Fährtenhund bis zum Oberen Bahnhof, doch Schneider blieb unentdeckt. Der Nährboden war da: In den Nächten zuvor waren Züge mit Botschaftsflüchtlingen aus Prag durch Plauen Richtung Hof gefahren, und mehrere Menschen hatten versucht aufzuspringen – die Stadt war in Aufruhr.
Am Nachmittag geschah dann, was niemand für möglich gehalten hätte. Bis zu 20.000 Menschen – mehr als ein Viertel der damaligen Stadtbevölkerung – gingen aus eigenem Antrieb auf die Straße, und sammelten sich auf dem Otto-Grotewohl-Platz vor dem Rathaus. In Sprechchören riefen sie „Wir sind das Volk“. Es war die erste Massendemonstration auf DDR-Boden, die nicht von oben inszeniert war – und die die Staatsmacht nicht mehr in den Griff bekam.

Der Apparat reagierte mit voller Härte. Den Demonstranten stand ein massives Aufgebot von Polizei und Kampfgruppen gegenüber, teils mit Maschinenpistolen bewaffnet, das mit Wasserwerfern und einem Hubschrauber vergeblich versuchte, die Kundgebung zu beenden; man ging rücksichtslos auch mit Schlagstöcken vor. Diese gewaltsamen Auflösungsversuche durch Polizei, Feuerwehr und Hubschraubereinsatz scheiterten. Das Engagement des Superintendenten Thomas Küttler verhinderte die drohende Eskalation der Gewalt – der evangelische Geistliche vermittelte zwischen Menge und Obrigkeit und trug entscheidend dazu bei, dass die Konfrontation friedlich blieb.
Damit war es aber nicht vorbei. In der Nacht kam es zu „Zuführungen“, und die Verhafteten waren schikanöser Behandlung ausgesetzt; am Abend beging die SED-Führung den 40. Jahrestag der DDR in der Festhalle – als sei nichts geschehen. Honecker teilte den SED-Bezirksleitungen tags darauf telegrafisch mit, die Demonstrationen seien gegen die verfassungsmäßigen Grundlagen des Staates gerichtet und künftig „von vornherein zu unterbinden“, was bekanntermaßen nicht gelang. Hoffen wir, dass die gestrige Großdemonstration von „M1llion“ ein ähnlich gutes Omen ist wie die Demonstration vom 7. Oktober 1989.
■ Arne Schimmer
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