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In Tolkiens „Herr der Ringe“ sind die Palantíri sehende Steine – unzerstörbar und polarisierte Kristallkugeln, mit denen man über große Entfernungen hinweg sehen und kommunizieren kann. Die Entwickler des Unternehmens Palantir zeigten schon mit der Namensgebung, dass sie nicht auf den Kopf gefallen sind. Auf der Tolkien-Enzyklopädie „Ardapadia“ heißt es: „Der Meisterstein, der alle Steine sehen konnte, befand sich im Turm von Avallóne auf der Insel Tol Eressea. So hielten die unsterblichen Lande Kontakt mit Mittelerde.“ Nach dem Börsengang im Jahr 2020 zu 7 USD katapultierte sich die Palantir-Aktie bis Herbst 2025 auf den Höchststand von 207 USD, derzeit ist sie immerhin noch 148 USD wert. Gegründet wurde das Unternehmen bereits 2003. Liefen die Geschäfte also bis Corona nicht so gut? Im Gegenteil: Geldgeber waren und sind Regierungs- und Geheimdienstkreise. Die Börse mit ihren Transparenzanforderungen war da zunächst ein wenig lästig. Aber die Jahre 2018 und 2019 mit jeweils 600 Millionen USD-Verlusten mögen da motivierend gewirkt haben. Heute ist Palantir eines derjenigen Unternehmen, die der völkerrechtswidrigen Kriegspolitik der USA und Israels die größten technologischen Vorteile verschaffen und die Welt besonders effektiv in Richtung Orwellsche Dystopie treiben.
Personell wird die Softwarefirma gewöhnlich mit Peter Thiel assoziiert, der aber lediglich Mitbegründer ist und im Aufsichtsrat sitzt. Leitender Geschäftsführer ist seit der Gründung Alex Karp, ein 10-20 Milliarden schwerer Doktor der Sozialwissenschaften, der sogar noch stärker mit Deutschland verbunden ist als sein Jahrgangsgenosse Thiel. „Ich habe mein halbes Leben in Deutschland verbracht“, sagte Karp in einem Podiums-Interview, das er Anfang März 2026 auf dem „American Dynamism Summit“ in Washington gab. Wenig überraschend ließ Karp dort seiner Kriegsbegeisterung freien Lauf und empfahl, Kritiker der soldatischen Opferbereitschaft „öffentlich zu erniedrigen“. Die Logik der großen Politik: „In dieser Welt sind es wir oder es ist China oder Russland.“ Interessanter scheint das von Karp angesprochene Thema der Neurodivergenz, das im Folgenden kurz unter die Lupe genommen werden soll.
Der Habermas-Schüler
Zunächst zur Personalie Karp. Es hält sich bekanntlich das hartnäckige Gerücht, dass in den USA die Medien und Schlüsseltechnologien „in jüdischer Hand“ seien – so äußerte sich zumindest kurz vor dem 10. September 2025 ein gewisser Charlie Kirk. Wenn man sich den gesamten Palantir-Gründerkreis anschaut, dann fällt zumindest auf, dass sich mit Peter Thiel immerhin ein Goi „eingeschlichen“ hat – neben Alex Karp, Joe Lonsdale, Nathan Gettings und Stephen Cohen. Man sollte also immer Pauschalisierungen meiden.
Alexander Caedmon Karp ist der Sohn eines jüdischen Kinderarztes aus New York und einer afroamerikanischen Künstlerin. Der Nachname geht nicht auf „Karpfen“, sondern auf den hebräischen Begriff für „Schutzwall“ zurück. Karp lebt in den USA und Liechtenstein. Nach dem US-Abschluss in Rechtswissenschaften studierte Karp an der Goethe-Universität Frankfurt Philosophie unter Jürgen Habermas und promovierte in Sozialpsychologie über Aggression in der Lebenswelt. Während seiner Promotion war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sigmund-Freud-Institut. Das 1923 an der Goethe-Universität Frankfurt gegründete Institut für Sozialforschung, finanziert als marxistisches Forschungszentrum zur Arbeiterbewegung, existiert bis heute. Unter Max Horkheimer (Direktor ab 1930) entwickelte es die „Kritische Theorie“ (Horkheimer, Adorno, Marcuse, Habermas). Man kann also von der Frankfurter Schule in zweiter Generation sprechen. (Tilman Knechtel von der Zeitschrift „Metanoia“ wird nicht müde, vor der kommunistisch-messianistischen Langzeitstrategie des Kampfes gegen Edom / den Westen zu warnen.)

Als Auslöser, sich so stark für die Neurodivergenten einzusetzen, erwähnt Karp seine eigene Legasthenie. Die Tatsache, dass vor allem junge Leute immer mehr neurologische Störungen aufweisen, leitet ihn zur Aussage: „Die Wichtigkeit, unsere Jugend nicht in Zwangsjacken zu stecken, weil sie neurologisch divergieren, was eine Leidenschaft von mir ist und eine Leidenschaft von jedem sein sollte, zumal man unser wundervolles und großartiges Land als ein Land definieren kann, in dem jeder, der divergent war in Ideologie, Gedanken, Religion oder – um es offen zu sagen – als neurologisch in dieses Land kam, um einen besseren Ort zu haben, wo sie ihre Freiheit ausdrücken konnten und das Recht hatten, auszudrücken, was sie dachten.“
Lobeshymnen auf die Neurodivergenten
In der Analogie von Gesundheit und Gesellschaft zeigt sich die Frankfurter Denkschule, jegliche Normen, seien es mehrheitsgesellschaftliche oder gesundheitliche, als Konstrukte zu relativieren. Die gesundheitliche Abweichung wird (auch durch das Strohmann-Argument mit der Zwangsjacke) dadurch entpathologisiert. Folgerichtig sagt Karp: „Wenn wir den Rest der Welt outperformen wollen, ist unser einziger Vorteil, neurodivergente, hoch individuelle Leute zu fördern.“
Das Verb „fördern“ lässt sich doppelt verstehen: einerseits als Entstigmatisierung und Unterstützung, also eine moralische Förderung, andererseits auch als Förderung ihres Vorkommens, da man sich kommerziellen Nutzen von ihnen verspricht.
In einer Palantir-Stellenanzeige heißt es zum Beispiel: „Neurodivergente Menschen werden eine überproportionale Rolle bei der Gestaltung der Zukunft Amerikas und des Westens spielen. Sie blicken hinter performative Ideologien und nehmen die Schönheit der Welt wahr, die noch immer existiert und die durch Technologie und Kunst offengelegt werden kann.“
Im Volksmund heißt es: Die Gesunden und die Kranken haben verschiedene Gedanken. Palantir dreht hier die Bewertung um: Dass Menschen, die von der Norm abweichen, Dogma und Ideologie leichter durchschauen und als verlogen ablehnen, kann zwar jeder wahrheitssuchende Dissident nachvollziehen, weil hinter jeder geistigen Horizonterweiterung mindestens ein Trauma steckt. Dass aber erst Problembehaftete die Schönheit der Welt wahrnehmen würden, ist eine gewagte These, die sogleich erklärt wird: Technologie und Kunst würden ihnen helfen, die Schönheit „offenzulegen“. Vorher würde sie also unerkannt und damit nutzlos sein. Technologie wird hier zum Therapeutikum; auch die Tötungstechnologie von Palantir.
Für Karp sind neurodivergente Menschen wertvoll, weil sie oft in der Lage sind, Probleme aus unkonventionellen Perspektiven zu betrachten und neue Risiken einzugehen. Hinzu kommt, dass problembehaftete Menschen abhängiger und dankbarer gegenüber ihren Förderern sind.

Deutsche Medien, die das Interview mit Karp aufgriffen, titelten oft, dass neben den Neurodivergenten auch die Handwerker von Karp als besonders zukunftsfähig angesehen werden. Er sprach aber bloß von Vorteilen für „trade shaped people“ und „vocational workers“, also „durch Handel geprägte Leute“ und „Fachkräfte“. Die Assoziationen gehen bei dieser Begrifflichkeit eher in Richtung „Raketenbauer“. Fallen die seit 2015 stark zugenommenen „Ein-Mann“-Phänomene eigentlich auch unter Neurodivergenz? Zumindest könnten Angstzustände übersteigertes Kontrollverhalten auslösen. Vielleicht war das mit ein Grund, dass das Landgericht Saarbrücken am 31. März den 19-jährigen Türken, der einen jungen Polizisten mit zahlreichen Schüssen regelrecht hingerichtet hatte, vom Vorwurf des Mordes freisprach. In der Begründung hieß es: „Die Angst hatte sein Denken übernommen. …. Der Angeklagte gab die Schüsse ab, weil er einen subjektiven Angriff auf sein Leben glaubte.“
Was ist nun eigentlich Neurodivergenz?
Der Begriff umfasst Variationen in der menschlichen Gehirnfunktion und Kognition, darunter vor allem ADHS, Autismus oder Legasthenie. Neurodivergenz-Diagnosen sind in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen, vor allem in den USA, aber auch in Deutschland. In US‑CDC‑Daten stieg die Autismus-Prävalenz bei Kindern seit etwa 2000 von grob 1:150 auf um 1:36–1:34 Kinder; das entspricht einer Steigerung um mehr als 300 Prozent. In Fachkreisen wird angeregt über den Anteil diskutiert, den man „diagnostische Zunahme“ nennt, der also mit der erhöhten Sensibilität zusammenhängt, solche Störungen überhaupt zu diagnostizieren, was wiederum auf gesellschaftspolitische Faktoren zurückgeht, die eine größere Toleranz gegenüber dem „Outen“ solcher Abweichungen fördern. Historiker denken dabei an die plötzlich aufgetretene Volkskrankheit der „Neurasthenie“ in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Wer die diagnostische Zunahme als besonders stark ansieht, kommt zum Schluss, dass es unterm Strich gar keine wesentliche Zunahme der eigentlichen Probleme gibt. Systematische Früherkennungsprogramme (z.B. Kita‑Screenings, Schuluntersuchungen) erhöhen die Zahl der identifizierten Fälle, die früher durchs Raster fielen.
Erwachsene holen zunehmend „späte Diagnosen“ nach, wenn sie ihre Lebensgeschichte oder Belastungen neu verstehen wollen. Für die andere Fraktion ist es im Gegenteil ein besonderes Warnsignal, wenn die eklatante Zunahme aus ihrer Sicht auch noch schöngeredet und entpathologisiert wird, anstatt sich an die pharmalobby-unabhängige Ursachenforschung zu machen und Aufklärung über krankmachende Faktoren zu verstärken.
Der in den USA lebende deutsche Arzt Dietrich Klinghardt ist hier als besonders tiefgründiger Verfechter des Alarmismus zu nennen. Er interpretiert die neurodivergenten Zustände als Folgen komplexer Belastungscocktails: aus Schwermetallen (vor allem Quecksilber und Aluminium), Umweltgiften, Impfungen, Folgen des Geoengineerings, chronischen Infektionen und ungeheilten Traumata, die das zentrale Nervensystem überfordern und langfristig in „neurodegenerative“ Bahnen drängen. In seinem Modell sind viele klassische Diagnosen – von Autismus über ADHS bis hin zu Demenz – Manifestationen desselben Grundproblems: eines toxisch und psychisch überlasteten Gehirns, das unter ungünstigen Umweltbedingungen funktioniert. Entsprechend setzt Klinghardt auf Ausleitung und Entgiftung, Mikronährstoffe, Darm- und Immuntherapie sowie psychotherapeutische und energetische Verfahren.
Vor allem die Smartphone-Anhängigkeit bei jungen Leuten weist typische Merkmale schweren Suchtverhaltens auf. Dazu kommt noch eine latente Gereiztheit und Abstumpfung im sozialen Empfinden bzw. eine ideologisch leicht nutzbare Überreiztheit.
Die Zwangs-Dauerbestrahlung mit hochfrequenten Feldern wird im Mainstream komplett ausgeblendet. Es werden höchstens Faktoren diskutiert wie Nikotin- und Alkoholkonsum in der Schwangerschaft, bestimmte Medikamente (z.B. Paracetamol), Pestizide, Weichmacher, Mikroplastik, Blei sowie andere neurotoxische Substanzen.
Wenn es Karp also ernst meinen würde mit der Förderung besonders sensibler und unkonventionell denkender Menschen, dann sollte er besonders die wahrheitssuchenden Dissidenten erwähnen. Sie würden seine Firma der sehenden Steine sehr schnell in das weltweit gefährlichste Unternehmen umwandeln – für Kriegstreiber.
■ Jochen Stappenbeck
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