2015 begann mit Merkels Öffnung der Grenzen der eigentliche Aufstieg der AfD – kommt er 2026 zum Abschluss? „Der große Zorn – Wahlbeben im Osten?“ – Jetzt unser brandneues Augustheft lesen! Der Osten kocht – der Zorn ist nach Jahrzehnten einer abgehobenen und arroganten Politik da. Und er hat eine Partei gefunden. In unserem brandneuen Heft findet Ihr Porträts zu den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sowie einen Essay von Peter Schreiber zu dem Thema, ob der Osten die Systemfrage entscheidet. Abgerundet wird das Heft durch ein Interview mit dem früheren sachsen-anhaltinischen AfD-Landesvorsitzenden und COMPACT-TV-Moderator André Poggenburg. HIER bestellen!
Harald Martenstein, in den 70er Jahren einige Zeit DKP-Aktivist und heute rechtskonservativer Kolumnist, hat es mal wieder geschafft, dass sich einige Leute von ihm provoziert und aus ihrer Sommerloch-Ruhe aufgescheucht fühlen. In einer am 11. August veröffentlichten Kolumne, die unter dem Titel „Eroberungsmigration: Es wird Europa zerstören, für immer. Das ist schade“ erschien, beschäftigte er sich mit der Migrationskrise von Ceuta und setzte dabei auch einen Link zu Jean Raspails 1973 erschienenen Roman „Das Heerlager der Heiligen“, der 2015 in einer Neuausgabe der dem Verlag Antaios angeschlossenen Edition Nordost erschien.
Das fand Robin Alexander, Ex-Vize-Chefredakteur der „Welt“ und Co-Host des Podcasts „Machtwechsel“, ganz empörend. In der Podcast-Folge vom 12. August rügte Alexander Martenstein für die Verlinkung und nannte sie als Beispiel dafür, „wie eine Fantasie von Rechtsaußen in den Mainstream sickert“. Die Nennung des Buches durch Martenstein wiege schwerer als ein Zwei-Prozent-Zugewinn der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Außerdem formulierte Alexander noch eine Theorie, wie neurechte Ideen es bis in den bürgerlichen Mainstream schaffen konnten, in der „Kaperfahrten“ und „Dorfnazis“ eine Rolle spielen, und auf die Antaios-Verlagsleiter Götz Kubitschek hier geantwortet hat. Schließlich griff auch noch der österreichische Migrationsonkel Gerald Knaus in die Debatte ein und behauptete, die angeblich „wichtigste Botschaft des Buches“ bestehe in einem „Aufruf zu extremer Gewalt“ (was schlicht falsch ist).
„Allegorischer Text“
Worum geht es wirklich in dem Buch? Es handelt sich um einen prophetischen Roman, dessen Titel aus der Johannesoffenbarung entnommen wurde und der im Jahr 1973 in Frankreich erschien. Sein Autor; der 2020 verstorbene Jean Raspail, arbeitete mit dem Buch eine Art Eingebung ab, die er Anfang der siebziger Jahre während eines Aufenthalts an der französischen Mittelmeerküste hatte. Es ist eine Dystopie, in der – wie in den großen Werken des Genres – die Entwicklung einer Utopie vom Wunschbild zum Alptraum geschildert wird. Auf dieser Ebene kann der Roman neben den im späten 19. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert erschienenen Klassikern von Herbert George Wells, Jewgeni Samjatin, Aldous Huxley, Karel Čapek oder George Orwell eingeordnet werden. Der FAZ-Rezensent Lorenz Jäger bemerkte schon 2005, dass der Roman nach dem Vorbild Orwells in „1984“ einfach nur die Linien seiner Gegenwart verlängere.
1985 erschien eine erste deutsche Übersetzung im Tübinger Hohenrain-Verlag, 2015 folgte eine vollständige deutsche Übersetzung beim Verlag Antaios, die durch den Raspail-Kenner Martin Lichtmesz besorgt wurde. Der Grund für die jahrzehntelang überwiegend subkutan und eher verhalten verlaufene Rezeptionsgeschichte des Buches liegt schlicht in seiner Aktualität, die auch schon vor 40 oder 50 Jahren mit den Händen zu greifen war. Es arbeitet sich eben nicht an mittlerweile überwundenen Totalitarismen, sondern an einer höchst gegenwärtigen Schicksalsfrage ab, nämlich der ungebremsten Massenzuwanderung völlig fremder Kulturen in die westliche Welt. Raspail nannte sein Buch einen „allegorischen Text“, da er eine Entwicklung, die sich über Jahrzehnte erstrecke, in wenigen Wochen einer fiktiven Handlung verdichte.

Die Handlung ist rasch erzählt: Eine Hungersnot in Indien treibt eine Million Hilfesuchender auf eine Armada rostiger und kaum seetüchtiger Kähne, mit denen die Überfahrt ins „gelobte Land“ Europa angetreten wird. Wie durch ein Wunder und nur dank außerordentlich günstiger Witterungsbedingungen gelingt der Elendsflotte die Überfahrt über die Ozeane und die Million strandet an einem Ostersonntag in der Nähe von Saint-Tropez. Die vierzig Tage der Überfahrt der „Armada der letzten Chance“, wie die Flotte in einer selbstvergessenen und humanitätsduseligen französischen Öffentlichkeit schnell genannt wird, sowie die Reaktionen auf diese Invasion in Frankreich und anderen Ländern bilden die Haupthandlung des Romans, der damit schließt, dass am Ende die gesamte okzidentale Welt ihre Tore weit gegenüber den Massen der Dritten Welt öffnet und damit als eigenständige historische und kulturelle Größe aus der Weltgeschichte verschwindet.
Raspail: Ein Kenner sterbender Kulturen
Der „seherische Zug“ (Lorenz Jäger), der das „Heerlager“ in kleinen Kreisen schnell zum Kultbuch machte, ist tatsächlich frappierend: So schickt auch in Raspails Roman Australien die dort nicht erwünschten boat people einfach zurück aufs Meer und zieht damit weltweite Empörung auf sich, und zu den letzten wenigen donquichottesken Verteidigern des „alten Frankreichs“ zählt ein Abstammungsinder namens Hamadura, was ebenfalls an die gegenwärtige Lage erinnert, in der ein Autor wie Akif Pirinҫci die Deutschen vor den Gefahren der Selbstaufgabe und Überfremdung warnt. Prophetisch ist natürlich auch die frühe Vorwegnahme aller Floskeln einer „Willkommenskultur“, die uns heute um die Ohren gehauen werden, und die auch in Raspails Roman den öffentlichen Raum so derartig ausschließlich dominieren, dass an so etwas wie an eine Debatte nicht einmal annährend gedacht werden kann. Verzweifelten und gleichzeitig irgendwie komischen Widerstand leisten unter Aufbietung aller ihrer persönlichen und finanziellen Kräfte nur noch einige Narren wie Jules Machefer, Herausgeber einer rechten Samisdat-Zeitschrift mit dem Titel „La Pensée Nationale“, die aber eigentlich nur noch benötigt werden, damit die unumschränkten Herrscher über die öffentliche Meinung immer und immer wieder Kübel voller Spott über ihnen ausgießen können.
Dabei stehen Teile der Eliten einschließlich des französischen Präsidenten in Raspails fiktiver Handlung dem Gedankengut Machefers gar nicht so fern (so ähnlich also wie der damalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer 2015) und betrachten die drohende Invasion durchaus mit Skepsis oder sogar Furcht, aber sie wagen es wegen des allerorts herrschenden Konformitätsdrucks nicht, ihre Bedenken zu äußern. Außerdem gehen fast alle Beobachter davon aus, dass der Ernstfall in Form einer Landung der Flotte an der französischen Küste ohnehin nicht eintritt, weil die Armada auf ihrem gefährlichen Seeweg vorher sinkt.

Als die Armada dann erst einmal an der Mittelmeerküste anlandet, wechseln die Funktionseliten in ihrem tiefeingefleischten Opportunismus, der ihnen zu einer zweiten Natur geworden ist, mit fliegenden Fahnen in Windeseile die Seiten, und das Schicksal des Abendlandes ist besiegelt. Der dystopische Grundzug in Raspails Roman wird ins Apokalyptische gesteigert durch den Einfall, die Invasoren an einem Ostersonntagsmorgen in Frankreich stranden zu lassen, was mit einer schnellen Kapitulation des christlichen Kulturkreises einhergeht – mit der totalen Überfremdung Europas erlischt auch die Heilsbotschaft. Raspail, dieser Kenner sterbender Kulturen, der schon in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts elegische Berichte über die letzten Feuerlandindianer schrieb, hat sich tatsächlich auch abseits seines Romans immer betont pessimistisch über die Überlebenschancen der europäischen Kultur geäußert und sich beispielsweise noch im Jahr 2004 in einem Interview mit der Zeitung „Le Figaro“ überzeugt davon gezeigt, dass das Schicksal Frankreichs besiegelt sei. Bemerkenswerterweise hat sich Raspail 2015 in einem Interview mit der konservativen Zeitschrift Valeurs* actuelles* revidiert, in dem er äußerte:
„Ich glaube zutiefst, dass die Fundamente Frankreichs standhalten und dass es eine Renaissance geben wird. Sie wird aber nicht von den Politikern oder von der sogenannten Elite des Landes ausgehen. Die Seele Frankreichs schläft, und sie wird erwachen.“
Raspail, der von sich selbst sagte, dass er kein Christ, sondern Katholik sei, verhehlte auch im „Heerlager der Heiligen“ nicht seine Überzeugung, dass der Glauben die Voraussetzung der Selbstbehauptung ist. Wenn Europa also wieder glaubt – so kann es der Leser auch interpretieren – hat es auch noch eine Chance.
■ Arne Schimmer
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