Dieses Heft mit dem Titel „Das Reich: Heilig.Deutsch.Stark“ führt dem Leser die innere Schönheit und Größe des deutschen Mittelalters vor Augen – von der Wiederbelebung der Reichsidee durch Karl den Großen bis zur Reformation Luthers und den Bauernkriegen, von der ottonischen Renaissance zu Johannes Gutenberg, dem „Mann des Jahrtausend“, vom Friedrich II., dem „Staunen der Welt“ bis zu Preußens Anfängen in der Mark Brandenburg. Das reich illustrierte Sonderheft ist in die drei Kapitel „Die Zeit vor Deutschland“, „Imperium germanicum“ und „Der Weg in die Neuzeit“ gegliedert und bietet einen faktengesättigten Überblick über die deutsche Geschichte im Zeitraum von etwa 800 bis 1525 und eine erschöpfende Darstellung der Entwicklung der Reichsidee und -geschichte in dieser Zeit. Bildgewaltig, beeindruckend, erhebend! HIER bestellen!
Dies ist das Editorial zum neuen Sonderheft „Das Reich: Heilig.Deutsch.Stark“.
„Wo Bilder fallen, müssen sie durch Bilder ersetzt werden, sonst droht Verlust“, orakelte Ernst Jünger in seinem 1990 rechtzeitig zu einer Weltwende veröffentlichten Essay „Die Schere“. Das Mittelalter hat den Deutschen einen reichen Bilderschatz hinterlassen, von dem sie bis heute zehren können. Die Krönung Ottos des Großen 936 im Aachener Dom, der Pfalzkapelle Karls des Großen. Die Züge der deutschen Kaiser über die Alpen nach Rom – mal bekämpft, mal euphorisch begrüßt, so wie es der italienische Nationaldichter Dante Alighieri machte. Kaiser Rotbart lobesam, der sich auf bewaffnete Pilgerfahrt in das Heilige Land begibt und dort 1190 den Tod in einem Gebirgsfluss Kilikiens, dem Saleph, findet. Und der seitdem, seiner Erweckung harrend, im Berg schläft – im Kyffhäuser, im Untersberg bei Berchtesgaden, oder wo auch immer. Friedrich II. auf seiner Festung Lucera in Apulien, beschützt von seiner sarazenischen Leibwache, umkreist von Falken, umgeben von den größten Wissenschaftlern und Philosophen seiner Zeit.
Alles hatte damit begonnen, dass Papst Leo III. im Jahr 799 in Rom in eine schwere und lebensbedrohliche Bedrängnis geriet und Schutz beim Frankenkönig Karl in Paderborn suchte. Es muss einen Moment gegeben haben, in dem beide erkannten, dass man aus dieser Notsituation heraus die bisherige Welt aus den Angeln heben konnte. Diese Möglichkeit wurde genutzt und Karl am Weihnachtstag 800 vom Pontifex Maximus in der Petersbasilika von Rom gekrönt. Die Päpste waren nun Kaisermacher und die Karolinger die Erben Cäsars. Das war nichts weniger als eine Revolution in einer Zeit, in der in Byzanz noch ein in einer ungebrochenen Spätantike lebender oströmischer Kaiser existierte.

Der Mittelpunkt des neuen Reiches wurde in Richtung der alten römischen Provinz Germania verschoben – in ein Gebiet, das von nebelichten Urwäldern und blubbernden Mooren geprägt war. Für die gebildeten Zeitgenossen im Süden Europas muss sich das anfangs wie ein schlechter Scherz angehört haben, doch die Renovatio Imperii war erfolgreich und sollte mehr als ein Jahrtausend überdauern. 162 Jahre nach dem von Leo III. und Karl erzeugten historischen Urknall trat mit Otto dem Großen ein weiterer Erneuerer des Reiches in Rom auf und ließ sich vom Papst krönen. Er stammte aus einer Dynastie früherer Sachsenherzöge, die die Herrschaft in der Francia orientalis, also dem Ostfränkischen Reich, errungen hatten.

Nun begann die Hochzeit des europäischen Mittelalters, das durch die christliche Antike wie auch durch germanische Anschauungen und Lebensweisen bestimmt war. Die germanischen Völker brachten das Prinzip der Gefolgschaftstreue und der Lehnsherrschaft wie auch ihre Freiheitsliebe, die Libertas, in die neue Welt ein. Diese war nicht mehr nur auf eine Hauptstadt hin ausgerichtet, sondern es entstand eine polyzentrische Ordnung mit vielen Mittelpunkten – Grafschaften, Herzogtümern, freien Städten, Kaiserpfalzen, Bistümern und später dann auch Universitäten als völlig neuartigen Stätten des Wissens. Die Basis dieser neuen Welt verkörperten die Klöster als Orte der Arbeit, der Gelehrsamkeit und des Gebets. Ohne sie hätte es kein Abendland gegeben. Genau deshalb wurde in dem im 11. Jahrhundert aufflammenden Investiturstreit so heftig um das Recht zur Ein- und Absetzung von Bischöfen und Äbten zwischen Kaiser und Papst gerungen. Der Konflikt eskalierte an der Jahreswende 1076/77, als ein deutscher Kaiser im tiefsten Winter dem Papst hinterherreisen musste.
Heinrich IV., der drei Tage lang barfuß im Schnee und im Büßergewand vor der Burg Canossa in Oberitalien steht – auch das ein Bild, das wir seit Jahrhunderten nicht abschütteln können. Der Triumph des Pontifex Maximus ist allerdings nur kurzzeitiger Natur. Die Staufer realisieren an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert ein Weltkaisertum, das in alle Himmelsrichtungen ausstrahlt. Kaiser Heinrich VI. gewinnt durch die Heirat mit einer Normannenkönigin Unteritalien und Sizilien, England wird zum Lehen des Reiches und Ungarn und Dänen erkennen dessen Oberhoheit an. Friedrich II., der Sohn Heinrichs, gewinnt dann auch noch allein auf dem Verhandlungsweg und ohne Krieg Jerusalem und Bethlehem für die Christenheit zurück. Wegen seiner universalen Bildung und seiner religiösen Toleranz wurde „Stupor mundi“ von den Päpsten als Ketzer und Antichrist geschmäht, doch das war er nicht. Auch er lebte in einer Welt, in der am Ende allein das Seelenheil wirklich zählte – es war ein Königreich der Himmel.
Die konfessionelle Einheit zersprang endgültig mit der Reformation Martin Luthers und mündete bald in fürchterlichen Religionskriegen, die insbesondere Deutschland fürchterlich verheerten. Das soll aber nicht mehr das Thema des vorliegenden Hefts sein, das dem Leser vor allem nochmals die innere Schönheit und Größe des Mittelalters vor Augen führen will.
■ Arne Schimmer
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