Die Vorgeschichte des Wave-Gotik-Treffens reicht bis in die Spätzeit der DDR zurück. Ende der 1980er Jahre bildete sich in Leipzig eine lose Szene junger Leute, die sich, in Anlehnung an die damals im Westen bereits etablierte Wave- und Gothic-Subkultur, schwarz kleideten, die Haare toupierten, Musik von Gruppen wie Depeche Mode oder The Cure hörten. Einen ausführlichen Artikel über den Punk- und Gothic-Untergrund der DDR finden Sie in unserem Sonderheft „Die DDR: Geschichte eines anderen Deutschlands“. HIER bestellen!
Kaum eine andere Neofolk-Band ist international so bekannt wie Rome. Sie ist sehr stark ausgerichtet auf den luxemburgischen Sänger und Bandgründer Jérôme Reuter, der sie 2005 aus der Taufe hob. Schon der Bandname ist bewusst zweideutig gewählt: Einerseits stellt er eine Ableitung von Reuters Vornamen dar, andererseits verweist er natürlich auf die Ewige Stadt mit ihrem unerschöpflichen Erbe aus imperialer Größe, Niedergang, Wiederaufstieg und den antiken Wurzeln Europas.
Bis Mitte dieses Jahres hatten Rome nicht weniger als 24 Studioalben produziert, was ein Ausweis der gewaltigen Produktivität Reuters ist. Vor Konzerten dürfte die Aufstellung der Setlist Rome daher vor knifflige Fragen stellen. Was soll ausgewählt und vorgetragen werden, wenn es doch so viele vortragenswerte Stücke gibt?
Dieses Problem, das andere Bands gerne hätten, wurde beim gestrigen Konzert von Rome im Parkschloss auf dem agra-Gelände auf vortreffliche Art und Weise gelöst. Reuter spielte vor allem Stücke von den neueren Alben, präsentierte aber auch Lieder aus der Frühphase der Band. So trug Reuter den Song „Der Wolfsmantel“ vor, erstmals 2007 auf dem Album „Confessions d’un Voleur d’Âmes“ veröffentlicht. Er warnt vor starken, aber falschen Worten, Manipulation und charismatischen, aber korrupten Figuren („greedy little men“). Das zentrale Motiv des Liedes ist Bewaffnung und Wachsamkeit – nicht nur physisch, sondern vor allem geistig und charakterlich. Es wird vor naiver Vertrauensseligkeit gewarnt und zur Stärke und Tat aufgerufen („Before all else be armed“) aufgerufen.
Aufbruch und Erschöpfung
Eine ebenfalls etwas melancholische und zu einem gewissen Pessimismus neigende Grundstimmung herrscht in dem Lied „Neue Erinnerung“ vor. Der erstmals 2008 auf dem Album „Masse Mensch Material“ veröffentlichte Song handelt von einer gemeinsamen Sache („Our cause“), die bittersüß, leidenschaftlich, aber auch vergänglich und etwas verblasst ist. Der Text beschreibt, wie diese Sache auf den Wellen treibt, getragen von Wut und Rebellion („When anger fills our sails“). Es geht um Mut, Verrat, innere Konflikte und das Festhalten an einer idealistischen, kämpferischen Haltung trotz Enttäuschung oder Abnutzung.

Ein typisches Rome-Stück: melancholisch-poetisch, mit revolutionären und existentiellen Untertönen. Beide Stücke passen perfekt zu Reuters Stil, kreisend um Themen wie Widerstand, die Krise Europas, persönlicher Ehre, Verrat und der Suche nach Sinn in einer zerfallenden Welt. Sie sind eher philosophisch als konkret politisch.
Rome einmal zu hören – und dem markanten und dunklen Bariton Reuters zu lauschen – bedeutet oft, ihnen für immer die Treue zu halten. Auch beim gestrigen Konzert dürfte die Gruppe neben den vielen eingefleischten Fans auch einige neue Anhänger gewonnen haben.
■ Kurt Koriath
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