Die schwedische Gruppe Hindarsfjäll bei ihrem Auftritt im Heidnischen Dorf beim Wave-Gotik-Treffen 2026. Bild: privat.

Wave-Gotik-Treffen 2026: Auftritt der Ahnen-Flüsterer

Nordische Momente im Heidnischen Dorf

Die Vorgeschichte des Wave-Gotik-Treffens reicht bis in die Spätzeit der DDR zurück. Ende der 1980er Jahre bildete sich in Leipzig eine lose Szene junger Leute, die sich, in Anlehnung an die damals im Westen bereits etablierte Wave- und Gothic-Subkultur, schwarz kleideten, die Haare toupierten, Musik von Gruppen wie Depeche Mode oder The Cure hörten. Einen ausführlichen Artikel über den Punk- und Gothic-Untergrund der DDR finden Sie in unserem Sonderheft „Die DDR: Geschichte eines anderen Deutschlands“HIER bestellen!

Tief im Süden Leipzigs liegt umgeben vom Goethepark und dem agra-Messegelände halb verborgen das Torhaus Dölitz zwischen alten Bäumen. Sobald man währen der Pfingstfeiertage den Eingang passiert, betritt man eine andere Welt. Der Geruch von Holzrauch, gebratenem Fleisch, frisch gebackenem Fladenbrot und süßem Met umfängt die Besucher. Hier, im Heidnischen Dorf, schlägt das Herz des alten Europas während des Wave-Gotik-Treffens.

Am ersten Haupttag der Leipziger Völkerschlacht, dem 16. Oktober 1813, zählte das Gut Dölitz zu den besonders heftig umkämpften Orten im Südosten Leipzigs. Das ehemalige Herrenhaus und seine Umgebung lagen strategisch wichtig an einem Ort, an dem die österreichischen Truppen vorrücken wollten und sich erbitterte Gefechte mit französischen und polnischen Soldaten unter dem Kommando von Fürst Józef Antoni Poniatowski lieferten.

Knapp 213 Jahre später treten hier auf der großen Heidenbühne verschiedene Bands auf, wobei vor allem folkloristische, mittelalterliche und pagane Musikrichtungen im Mittelpunkt stehen. Gesten trat hier die niederländische Pagan-Metal-Band Heidevolk auf.

Im Banne des Siðr

Der Bandname bezieht sich direkt auf die charakteristischen Heidelandschaften des eigenen Landes. Dadurch wirkt Heidevolk nicht wie eine weitere internationale Pagan-Metal-Band mit beliebigen Themen, sondern als authentischer Erzähler regionaler niederländischer Geschichte. Die überwiegend in der eigenen Muttersprache gesungenen Lieder drehen sich fast ausschließlich um die Geschichte und Kultur ihrer Heimatregion Gelderland, die Heidelandschaft der Veluwe sowie die Bataver und andere germanische Stämme. Auch gestern gelang es der Band bei ihrem Auftritt, eine authentische, erdige und naturverbundene Atmosphäre zu schaffen.

Die niederländische Metal-Band Heidevolk bei ihrem Auftritt im Heidnischen Dorf beim Wave-Gotik-Treffen 2026. Bild: Privat.

Dargeboten wurde eine gelungene Mischung aus epischen Heldenliedern, gefühlvollen Balladen und Trinkliedern, wobei angenehmerweise nicht zu sehr auf die Pathos-Tube gedrückt wurde.

Der Höhepunkt des gestrigen Konzerttages im Heidnischen Dorf dürfte aus Sicht vieler Besucher im Heidnischen Dorf aber der Auftritt der schwedischen Folkband Hindarfjäll gewesen sein. Die künstlerische Basis dieser Band bildet Siðr (altnordisch für „Sitte“, „Brauch“ oder „Weg“). Das war der ursprüngliche Begriff der Nordgermanen für ihre vorchristliche Lebensweise. Es handelte sich nicht um eine starre „Religion“ im heutigen Sinne, sondern um eine ganzheitliche Lebensphilosophie, die alle Bereiche des Daseins umfasste: das Verhältnis zu Göttern, Naturgeistern, Ahnen, Schicksal, Jahreskreislauf, Moral und Alltag.

Siðr ist der geistige Boden, auf dem die Band steht, und das eigentliche Ziel ihrer Musik: den alten Siðr für die Gegenwart wieder spürbar und erlebbar zu machen. Dies gelingt über eine Mischung von traditioneller schwedischer Volksmusik, akustischen Instrumenten wie der Nyckelharpa und mehrstimmigem, beschwörendem Gesang. Die Musik ist atmosphärisch, rituell und erhaben, ein Eintauchen in die nordische Seelenwelt – das absolute Gegenteil von oberflächlicher Partymusik. Die Musik der Schweden verwandelte gestern den von Bäumen umgebenen Platz vor der Bühne in eine nordische Waldlichtung in der Dämmerung. Genau das sind die Momente, die das Wave-Gotik-Treffen so einzigartig machen und die dafür sorgen, dass viele Besucher schon seit Jahrzehnten immer wieder aufs Neue nach Leipzig reisen, um sich dieses Ereignis nicht entgehen zu lassen.

 Kurt Koriath

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